(openPR) " Ich durchlebte These und Antithese-jetzt kommt die Synthese, das ist für mich das das Schreiben, meine geistige Heimat." Er verstehe sich als Kritiker, wolle zugleich einen Gegenentwurf präsentieren, sagt Hubert Michelis, ehemaliger Priester, Missionar, Bankangestellter und heutiger freier Schriftsteller, von sich.
"In meinen Texten möchte ich die Ursachen der Krisen und Probleme aus meiner Sicht darstellen. So stört es mich aktuell wirklich sehr, dass wir die an ,Corona' Verstorbenen so nüchtern und sachlich als ,Tote' registrieren und abtun, um sie dann geradezu klammheimlich zu verscharren, ohne würdig von ihnen Abschied zu nehmen. Es wären zur Zeit ca. 5.200 ,Tote'. Diese Zahl berichtete das ZDF unlängst gegenüber den Genesenen und mittlerweile registrierten Infizierten. Wenn wir von 5.200 ,Toten' reden, geht es mir in erster Linie nicht um ihre Anzahl, sondern um etwas anderes. Im letzten Krieg gab es Millionen Tote, die Ermordete waren, am Ende sprichwörtlich kein Gesicht mehr hatten, also durch äußere Gewalt Getötete, oftmals verbrannte Menschen, die zu Asche und Staub wurden. Sollten wir uns angesichts dieser Geschichte nicht die kleine, gerade zu winzige Mühe machen und uns den ,Luxus' erlauben, unsere Coronatoten wenigstens als ,Verstorbene' oder "an Corona verstorbene Menschen" zu würdigen?
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Der Tod ist ein schneller, unbarmherziger Gesell. Aber bitte: würdigen wir unsere Verstorbenen, verabschieden wir uns von ihnen, selbst dann, wenn es - momentan leider - zivilien Ungehorsam bedeutet. Ich vermute, es ist wirklich schrecklich, wenn ein Sterbender nicht mehr das sagen kann, was er vielleicht noch gerne gesagt hätte, seinen Liebsten gerne gesagt hätte! Vielleicht war es ja sein letzter Wunsch, vielleicht ein Wort der Vergebung und des Verzeihens? Also zerstören wir uns bitte nicht selbst in unserem ureigenen Menschsein!
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An dieser Stelle füge Ihnen/Euch nun noch eine Geschichte an, wie es anders zugehen kann, wenn ich auch selbst schon mehrmals in solch einer Situation versagt habe ...
Die Gnade des Abschieds
Es war an einem Sonntag im März. Wir waren allein und sie bat mich, ihr etwas am Klavier vorzuspielen, was sie zuvor nie getan hatte. Ich spielte für sie die Moments Musiceaux No. 3 & 4 von Sergei Rachmaninov, zwei kurze Klavierstücke. "Mutter saß währenddessen in ihrem Rollstuhl am Esstisch und lauschte aufmerksam. Sie war voll konzentriert und kam mir wie von der Musik hypnotisiert vor, ja mir schien, als hinterließen die Töne Abdrücke in ihrer Seele, jeder einzelne von ihnen. Aber das dachte ich erst hinterher ...
Nachdem ich zu Ende gespielt hatte, schwieg sie. Es war ein langes, tiefes und wohltuendes Schweigen, das ich nicht zu unterbrechen wagte. Vielleicht eine viertel Stunde danach sagte sie mit einem Mal: „Bitte bring mich ans Fenster!“ Ich tat auch das und schob sie im Rollstuhl ans große Wohnzimmerfenster, aus dem sie in den kleinen Garten blickte. Es war Winterzeit und bitterkalt. Einige Schneereste waren zu Eis gefroren und lagen auf dem Rasen. Von Frühling keine Spur. Sie sah lange hinaus, ungewöhnlich lange sogar und immer noch spach sie kein einziges Wort.
Wir aßen kurz darauf zu Mittag, wie wir es an jedem Sonntag machten und saßen uns am Esstisch gegenüber. Wir schwiegen auch während des Essens, was wir sonst nie getan hatten. Anschließend brachte ich das Geschirr zum Spülen in die Küche. Als ich zurückkam, um den Tisch abzuwaschen, war sie in ihrem Rollstuhl kollabiert. Sie saß in sich zusammengesackt, den Kopf auf der Brust, aber sie lebte. Das Gesicht war sehr bleich und die Lippen schimmerten bläulich, und ich wusste, dass ich keine Zeit verlieren durfte. Keine zehn Minuten später war der Notarzt bei ihr und gab ihr gleich eine Spritze. Er untersuchte sie und meinte, ihr Zustand sei ernst; er müsse sie unbedingt ins Krankenhaus einweisen. Mutter war voll bei Bewusstsein, und ich sah ihr an, dass es ihr nicht passte, dass man sie mitnehmen würde. Als die beiden Sanitäter sie in den Rettungswagen schoben, sah sie mich mit großen, angstvollen Augen an, reichte mir die Hand sagte „Verdammt!“
In diesem Moment wurde ich ‚wach’, und es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Drei Wochen zuvor hatte sie während eines Spaziergangs, bei dem ich sie im Rollstuhl schob, wie aus heiterem Himmel und fast verzweifelt gerufen: „Ich will noch nicht sterben, ich will noch nicht sterben!“
Wenn ich damals noch nicht begriff, dass das Sterben bereits in ihr war und dass sie längst mit dem Tod kämpfte und sich gegen ihn wehrte, so wurde es mir in diesem Moment umso bewusster:
Mutter wusste, dass sie nicht mehr wiederkommen würde, und am Vormittag hatte sie in aller Stille beim Lauschen auf die Musik und schweigend in den winterlichen Garten blickend, von dieser Welt Abschied genommen.
Abends fiel sie ins Koma, und am nächsten Tag starb sie. Aber war es nicht ein würdiger Abschied mit Sergei Rachmaninov, damals im März, 2010? Der Tag jährt sich morgen zum zehnten Mal, und auch für mich war es ein herrlicher Abschied. Aber war es nicht in Wahrheit erst der Anfang? Den Tod gibt es nicht wirklich für den, der an das Leben glaubt, an das Leben und an die Liebe. Denn die Liebe hat den Tod überwunden ...
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