(openPR) Alle Krisen haben ein Doppelgesicht: man kann an ihnen zerbrechen oder reifen. Für letzteres ist die Voraussetzung, dass man sich von ihr in seinem Selbstverständnis und bisherigen Lebensentwurf befragen lässt. Die konstruktiven Fragen aus einer Krise lauten zum Beispiel: wozu ist das gut, was kann und muss ich hier lernen und an Eigenschaften oder Fähigkeiten entwickeln? Solche Fragen gelten jedem Einzelnen, aber auch einer Gesellschaft. Das gilt genauso für die Corona-Krise, denn der Covid-19-Virus und seine Folgen schaffen im Augenblick viele Veränderungen in unserem Leben.
Fragen an jeden persönlich:
> Was weckt Corona in mir? Reagiere ich mit Ängsten, mit ignoranter Lässigkeit oder mit umsichtiger Vorsicht und konstruktiven Impulsen?
- Ängste sind verständlich und berechtigt. Ob es die Angst vor Ansteckung und Krankheit ist oder die Existenzangst von Selbständigen. Aber Angst kann ganz unterschiedliche Qualitäten haben, sie kann uns auf Gefahren aufmerksam machen und umsichtig handeln lassen, sie kann aber auch unser Gemüt vergiften und kopflos machen oder lähmen. Besonders dann, wenn zusätzlich alte schlummernde Ängste wachgerufen werden sowie Themen, mit denen wir uns nicht oder nicht ausreichend auseinandergesetzt haben. Corona konfrontiert uns nämlich mit Ohnmacht und Hilflosigkeit, was per se mächtig Stress erzeugt, und mit einer existentiellen Grunderfahrung: einer letztlich grundsätzlichen Ungesichertheit. Wie wollen wir damit umgehen, dass alles unter Kontrolle zu bringen, nur eine schöne Illusion ist, geboren aus Angst? Wie können wir zu einer inneren Stabilität finden, die Zuversicht und Gleichmut im ständigen Kreislauf von Werden und Vergehen, Auf und Ab ermöglicht und zugleich diesen Kreislauf bejaht?
- Viele fallen derzeit durch ignorante Lässigkeit auf und gefährden damit nicht nur sich selbst, sondern die Gesundheit und das Leben anderer. Diese scheinbare Überlegenheit ist oft pure Selbstgefälligkeit. Sollten wir uns in Zeiten von Corona nicht wieder bewusst machen, dass jedes Handeln und Nichthandeln von uns auch Auswirkungen auf andere hat? Müssen wir nicht wieder die Tugenden von Umsicht und Rücksichtnahme stärken anstelle der gewohnten Rücksichtslosigkeit, die uns im Alltag so häufig begegnet und sich auch in Hamsterkäufen zeigt? Nicht mal aus Bösartigkeit, sondern aus Gedankenlosigkeit und der erlernten Überzeugung, dass das Universum nur meine Person und meine Bedarfe, Interessen und Ziele umfasst?
- Oder weckt die Krise Solidarität und Wohlwollen allen gegenüber? Denn auch das ist erfreulicherweise zu beobachten in Form vielfältiger Hilfsangebote, fürsorglicher Nachbarschaft und der Bereitschaft, zugunsten des Wohles aller eigene Wünsche zurückzustellen. Finde ich für mich Wege, lösungsorientiert zu denke und meine Emotionen zu steuern?
> Insgesamt findet derzeit eine große Entschleunigung statt (außer beispielsweise bei den Mitarbeitenden im Gesundheitswesen). Für viele gibt es plötzlich beruflich weniger oder sogar nichts mehr zu tun? Was tritt an die Stelle der Berufstätigkeit? Womit kann und will ich mich beschäftigen, wenn ich nicht von außen beschäftigt werde?
> Die verordnete Isolation (zuhause bleiben, Abstand halten) ist auch eine verordnete Begegnung mit sich selbst. Wie halte ich es mit mir aus, ohne die sonst üblichen Ablenkungen? Wie vertraut oder fremd bin ich mir in dem, was sich an Gedanken, Emotionen und eventuell auch Leere meldet? Unsere Gesellschaft ist überwiegend eine extrovertierte Gesellschaft, die ihre Energie aus anregenden Erlebnissen und Kontakten mit anderen Menschen zieht. Die Entwicklung der eigenen Innenwelt wird nicht annähernd so wichtig genommen wie die Gestaltung der äußeren Welt. Welche Aufgaben stellen sich mir da an Selbstwahrnehmung, Selbstreflexion und Selbstveränderung? Aus der Zerstreuung in die Sammlung, aus der Reizüberflutung in die Reizarmut, aus der Außenorientierung in die Kontemplation – das sind schon mächtige Herausforderungen.
Und welche Themen lassen sich in Partnerschaft und Familie nicht mehr verdrängen, wenn jetzt alle aufeinander hocken, während man sonst die meiste Zeit in unterschiedlichen Kontexten verbringt?
> Apropos Kontakte: jetzt, wo die Kontaktmöglichkeiten eingeschränkt sind, ist es doch eine gute Möglichkeit, einmal die Qualität der eigenen Kontakte zu prüfen. An wessen Wohl und Wehe ist mir wirklich gelegen? Wie bringe ich das zum Ausdruck? Welche Kontakte sind mir wirklich bedeutsam, weil sie über Smalltalk hinausgehen und in wechselseitiger Anteilnahme, tatkräftiger und emotionaler Unterstützung bestehen?
> Und noch eine neue Erfahrung: von Tag zu Tag weitersehen, ohne langfristige Planung. Denn im Augenblick kann niemand sagen, was wie lange und wie weitergehen wird und was dann kommt. Wie geht es mir damit? Mit der Konzentration auf die Gegenwart ebenso wie mit dem Aushalten der Unwägbarkeiten?
> Schließlich noch das große Thema Tod. Wir müssen damit rechnen, dass es uns nahestehende und uns wichtige Personen trifft und -je nach Gesundheitszustand und Vorerkrankungen- auch uns selbst. Habe ich gefestigte, gereifte Einstellungen zum Sterben, die in solchen Momenten tragen und Halt geben? Die mir Orientierung geben, was in diesem Fall für mich selbst oder für die anderen zu tun ist?
Fragen an die Gesellschaft
> Es ist doch sehr beeindruckend, wie schnell Natur regeneriert, wenn Industrie und Verkehr ihren Output reduzieren. Satelittenaufnahmen, die über Industrieregionen unerwartet saubere Luft statt Smog zeigen. Fotos, die in Venedigs Kanälen auf den Grund und Fische sehen lassen. Fotos, die an italienischen Stränden die Rückkehr der Delphine beweisen. Begreifen wir jetzt die zerstörerische Wirkung unserer Ressourcen durch unsere Lebensweise? Machen wir nach der Krise weiter wie vorher oder wird uns der Erhalt der Natur doch eine Umorientierung wert sein? Ich habe übrigens keine Sorge vor dem Untergang des Planeten, die Natur wird uns überleben!
> Sollen wir nach der Krise wieder das gleiche verrückte, beruflich diktierte Tempo aufnehmen?
> Die Corona-Pandemie zeigt, dass es uns durchaus angeht, wenn in China der berühmte „Sack Reis“ umfällt („60 Erkrankte mit einer seltsamen Lungenkrankheit in Wuhan“ hieß es anfangs). Die Globalisierung hat halt ebenfalls zwei Gesichter. Weltweiter Austausch und Verbindungen auf der einen Seite (leider auch im Fall von Viren) und weltweite Abhängigkeiten auf der anderen Seite, die jetzt zum Ausfall von Lieferketten führen. Sollen auch in Zukunft zum Teil wegen ein paar Cent weniger Produktionen ins Ausland verlegt werden?
> Können wir unser Gesundheitssystem weiterhin der Privatwirtschaft überlassen? Die Behandlung von Krankheiten und die Betreuung alter und pflegebedürftiger Menschen zum Spekulationsobjekt für Anleger machen? Sollen wir die Pflege deshalb weiterhin so schlecht bezahlen, dass wir uns dafür Menschen aus den ärmsten Regionen holen müssen?
Das sind nur einige der Fragen, die mir derzeit bewusstwerden und die ich gerne teile, weil ich hoffe, dass viele sich so befragen lassen und Korrekturen vornehmen werden.
Wer in diesen Zeiten Rat und Unterstützung gebrauchen kann, wer sich momentan mit sehr persönlichen Themen (und Ängsten z.B.) auseinandersetzt und gerne einen erfahrenen Gesprächspartner hätte, kann sich gerne für eine Online-Beratung/ein Online-Coaching melden.
https://heribert-fischedick.de/psycho.html












