(openPR) Die Galerie am Dom Wetzlar präsentiert im Frühjahr 2020 Skulpturen des israelischen Künstlers David Gerstein.
29.2. - 29.3.2020
Vernissage: 28.2.2020 um 19 Uhr
Stadtgalerie
Königsteiner Str. 86
65812 Bad Soden/Ts.
Öffnungszeiten: Mi-So von 15-18 Uhr
Es gibt Künstler, deren Werke fesseln - andere nicht. Unter den Erstgenannten gibt es aber nur wenige, denen das von Anfang an, sprich von der ersten Sekunde der Begegnung zwischen Auge und Kunstwerk, gelingt.
Von einem Künstler dieser Kategorie soll hier die Rede sein. Sein Name ist David Gerstein. Dieser ist ein Ausnahmekünstler, denn sein Werk besticht nicht nur durch Irritationen der Technik, sondern das Œvre an sich ist bemerkenswert durch seine Brüche und Besonderheiten. Aber eins nach dem anderen...
Skulpturen von Gerstein vergisst man nicht, denn auf den ersten Blick ist der Betrachter völlig irritiert darüber, dass das (Erscheinungs-)Bild der Arbeiten aus der Wand heraustritt.
Wir sind gewohnt, dass einem Wandbild, abgesehen vielleicht von einem Rahmen oder einer aufgezogenen Leinwand, die Flächigkeit als Attribut beiwohnt. Aber hier? Das Werk klettert, wächst und erobert sich den Raum, kriecht in selbigen und erweckt letztendlich den Eindruck auf den Betrachter zuzukommen. Es entsteht eine völlig neue Wahrnehmungsform innerhalb der künstlerischen Erfahrung, was die Wirkung des traditionellen Bildträgers betrifft.
Aber halt - spricht der Schreibende von einem dem Auge gewohnten Bild, so widerspricht das betrachtete Kunstwerk Gersteins allen üblichen Konventionen, der Kontur, der Gradlinigkeit eines Bildträgers, wie beispielsweise eines Büttenpapiers oder der althergebrachten Leinwand.
Metall ist es, welches David Gerstein zu seinem Material erkoren hat, es beugt sich in der Linie der Vorgabe des Künstlers, mal konvex, mal konkav, gerade oder zackig, der Frisur oder der Armbewegung einer dargestellten Person folgend. Voilá, wie aus der Bewegung des Dirigenten mit dem Taktstock in den leeren Raum, vollbringt der Israelische Bildhauer seine Geniestreiche auf Metallplatten.
Und der Begriff "Bildhauer" entlarvt den Künstler bei seinem virtuellen Meisterstück, denn er vollbringt hier die Leistung eines Bildhauers. Letztendlich sind es doch Skulpturen, die der Wand entwachsen und uns immer wieder verwundern, erneut hinsehen lassen. Die Definition Michelangelos, eine gelungene Skulptur überzeuge dadurch, dass sie qualitativ von allen Seiten durchgearbeitet sei, kann Gerstein getrost vernachlässigen, denn seine Wandskulptur ist nicht zu hintergehen und nur von drei Seiten sichtbar.
Hebt man ein solches dreidimensionales Werk von der Wand um es von hinten zu betrachten, erkennt man eine monochrome weiße, rote oder orange Farbschicht, ein Lack, der bei Anbringung der Skulptur in Außenräumen selbige vor Rost schützt. Umrandet von Farbnasen, die darauf hinweisen, dass die Farbe in vielen Schattierungen reichlich geflossen sein muss.
Hier sind wir bei der nächsten Ungereimtheit angekommen. War wenige Sätze zuvor noch von einem Bildhauer die Rede, mag jetzt Verwunderung aufkommen, wenn das Wort Farbe fällt. Ebenso, wie die Brüche bei den Arbeiten zwischen Bild und Skulptur bestehen, gibt es auch solche zwischen Skulptur und Malerei. Diese sind ein wesentliches Element des Werkes Gersteins, denn es ist im reinsten Sinne des Wortes malerisch. Nicht nur, weil es der Farbe gelingt, durch Vermischung, Ineinanderziehen und -laufen Bewegung zu evozieren, nein, auch im malerischen Gestus bekommt das Kunstwerk eine eigene Handschrift. Auf die Frage hin, ob die Bemalung der Figuren von Schülern ausgeführt wird, ist der Künstler ganz konsterniert, den Pinsel würde er bei der Ausarbeitung einer Skulptur nie einem Anderen überlassen. Lediglich das cutten der Stahlplatten übernimmt die Maschine.
Die reinen, extrem leuchtend farbigen Töne, für die sich der Künstler entscheidet weisen auf eine Liebe zur Pop-Art und eine fröhliche Lebenseinstellung, die später noch Thema dieser Ausführung sein wird, hin. Gerne zeigt der Künstler Themen, die vor Farbigkeit zu explodieren scheinen: Eine Gruppe Radfahrer in verschiedenen Trikots, ein Seerosenteich nebst Koys oder einen Schwarm exotischer Schmetterlinge...
Gerstein bildet mit dem Stilmittel der Anhäufung einen großen Spannungsbereich und zelebriert dieses Thema meisterlich: Eine Herde Kühe, Menschen - tanzend auf einer Party, die Rushhour in der Megacity bis hin zu einem Berg Autos. Und alles Dargestellte, ob Mensch, Tier oder Gegenstand, behält, gerade durch die facettenreichen Details, trotz der Reihung oder Anhäufung ihre charmante Individualität. In der künstlerischen Haltung, Farbigkeit und dem Drang zur Dreidimensionalität finden sich Parallelen zu James Rizzis Serie der "Too many...". Den Betrachter fesselt diese Ansammlungsthematik, gibt sie dessen Auge doch immer wieder etwas Neues zu entdecken.
Ein weiters Element, welches diese Faszination erzeugt, ist die Licht-Schattenwirkung der Wandskulpturen. Geschickt streckt der Künstler seine bemalten Metallplatten mit Hilfe von Abstandshaltern in den Raum. Findet die Skulptur ihren endgültigen Platz an der Wand des Sammlers, wird allein schon das Tageslicht ausreichen um verschiedene Schattenformationen an die Wand zu werfen, was die Dreidimensionalität der Arbeit weiter unterstreicht. Mit einer künstlichen Lichtquelle lässt sich dieser unglaublich tiefenräumliche Aspekt weiter intensivieren.
Der letzte und vielleicht bemerkenswerteste Bruch der Arbeiten liegt in ihrer Thematik. Darf ein Künstler aus einer Krisenregion wie Israel, aus der zu uns täglich durch die Medien Berichte von Krieg, Attentaten und Terroranschlägen dringen, küssende Lippen oder liebliche Vögel, zwitschernd auf blühenden Ästen darstellen? "Ich will den Menschen die andere Seite Israels zeigen, die lebens- und liebenswerte; dass man auch hier morgens zum Skifahren gehen kann und am Spätnachmittag zum Baden ans Meer. Auch das ist mein Land", erklärte der Künstler bei seinem letzten Besuch. Mit dieser Überzeugung siegt er und findet viele begeisterte Sammler und Freunde, wie die Menschentrauben am Stand der Galerie am Dom auf der art KARLSRUHE mit David Gersteins Arbeiten belegten.
All diese angesprochenen Brüche verschmelzen zu einer künstlerischen Einheit, die das Werk Gersteins einmalig machen und seine unglaubliche Popularität erklären Er hält sich nicht an Gesetze der Kunst, lässt sich nicht auf Klassifizierungen ein, macht was ihm gefällt. Das darf er auch als Künstler. Der "Spirit of Freedom", den er im Motiv einer seiner Skulpturen beschwört und der auch zum Titel dieser Ausstellung wurde, er ist im OEvre David Gersteins vollkommen umgesetzt.
Michael M. Marks
Biografie
1944 geboren in Jerusalem
1965-66 Studium an der Bezalel Academy, Jerusalem
1966-68 Studium an der Ecole Supérieure des Beaux Arts, Paris
1968-70 Studium an der Arts Students League, New York
1973-74 Studium an der St. Martin's School of Art, London
1971-85 Dozent an der Bezalel Academy, Jerusalem













