(openPR) Wenn von den Massenfluchten von DDR-Bürgern im Jahr 1989 die Rede ist, schießen die Bilder der überfüllten Prager Botschaft oder der ungarisch-österreichischen Grenze in den Kopf. Zeitgleich zur von Außenminister Genscher verkündeten Ausreise am 1. Oktober 1989 von Prag nach Hof fuhr auch ein Zug mit Zufluchtsuchenden aus der Deutschen Botschaft Warschau über das Gebiet der DDR nach Helmstedt. In diesem Zug bangten 809 Personen um eine sichere Ankunft im Westen. Was kaum jemand weiß: Insgesamt flüchteten in diesem Sommer und Herbst 6000 Menschen über die Warschauer Botschaft.
Wegen der fehlenden direkten Grenzen zur Bundesrepublik setzten die meisten auf eine Ausreise über ein sicheres Drittland, wie z.B. Schweden. Als parallel zu Genscher in Prag der Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Dr. Sudhoff, in Warschau verkündete: "Sie werden schon morgen Abend das Oktoberfest besuchen können", brach nach teilweise langen, unsicheren Zeiten des Wartens, Bangens und Hoffens Jubel aus. Dies wechselte schlagartig zu Stille, als er fortfuhr: "Heute Nacht werden Sie über das Gebiet der DDR ausreisen." Zu groß war die begründete Angst, dass Einzelne von der Stasi unterwegs aus dem Zug geholt und verhaftet würden. Schon alleine der Versuch einer "Republikflucht" konnte bis zu acht Jahren Gefängnis bringen. Täglich wurden auch zu diesen Zeiten an den Grenzen zur CSSR und zur VR Polen Menschen verhaftet, die als DDR-Bürger mehr Freiheit suchten. Wenn Bekannte oder Verwandte von Plänen wussten, brachte dies ebenfalls Probleme und Gefängnis mit sich.
In ihrem Buch "Über Warschau in den Westen - Botschaftsfluchten 1989" schaut die Autorin Cornelia Klammt hinter die Kulissen der Ereignisse und lässt Zeitzeugen sehr persönlich zu Wort kommen. Der erste Teil widmet sich gut recherchiert den politischen Rahmenbedingungen. So unterstützten in Polen auch Organisationen und Institutionen wie die Gewerkschaft Solidarnosc, das Polnische Rote Kreuz und die Katholische Kirche die Zufluchtsuchenden. Sie organisierten Unterkünfte und Lebensmittel für die ab Mitte September extrem ansteigende Anzahl der Flüchtlinge. Möglich wurde diese Hilfe durch den ersten nichtkommunistischen Regierungschef in einem Land des Warschauer Paktes - Tadeusz Mazowiecki - der kurz vorher nach freien Wahlen zum Premier gewählt worden war. Auch die Bevölkerung half und viele brachten trotz schwieriger eigener wirtschaftlicher Lage Lebensmittel für die Botschaftsflüchtlinge.
Im zweiten Teil des neuen Buches von Cornelia Klammt kommen Zeitzeugen zu Wort, Botschaftsflüchtlinge, damalige Mitarbeiter der Botschaft, die Generalsekretärin des Polnischen Roten Kreuzes und der ehemalige Botschafter. Diese teils sehr persönlichen Erinnerungen bringen Geschichte nahe und lassen sie lebendig werden. Damals wusste niemand, wie alles weitergeht.















