(openPR) „Ich richte mich doch schon auf, soweit wie ich kann und versuche Raum einzunehmen!“, ruft Tina, inzwischen leicht genervt über die Reaktion ihres braunen Wallachs. Der Effekt ist auch relativ überschaubar. Seine Aufmerksamkeit hat sie immer wieder nur sehr kurz. Er achtet infolgedessen auch nicht wirklich auf sie und „ihren Raum“, kommt ihr immer wieder unhöflich nahe. An ein echtes gemeinsames Arbeiten ist so nicht zu denken. „Ich mache doch schon alles, was mir die Trainer gesagt haben. Es geht ihm gut und gesund ist er auch. Trotzdem ist es nicht so, wie ich es gerne hätte.“ Entmutigt. Die sehnlichst gewünschte Augenhöhe zwischen den beiden? Fehlanzeige.
Das Thema Beziehung ist in der Pferdewelt ein sehr intensiv diskutiertes. Die Beziehung zum Pferd steht natürlich im Mittelpunkt. Ist sie harmonisch, vertrauens- und respektvoll? Oder eher von Unsicherheit, Unaufmerksamkeit oder sogar Ängstlichkeit geprägt. Die Art und Weise der Beziehung bestimmt logischerweise, ob der Mensch und sein Partner Pferd mit Freude und Leichtigkeit Zeit miteinander verbringen oder eben nicht.
Oft genug ist es so, dass die Beziehung zu unseren Pferden eben nicht so ganz unbelastet ist. Die Harmonie bleibt ein schöner Wunsch und die Ängste überlagern den Spaß komplett. Durch Erwartungen, die man an sich selber hat oder die von außen auf einen einstürmen. Durch weniger angenehme Erfahrungen, die jeder von uns schon mal hatte. Oder auch durch „mentale Knoten“, also einschränkende Überzeugungen, die sich ebenfalls bei uns allen im Laufe der Zeit ausgebildet haben. Jeder geht mit alldem anders um und jeder hat da so sein Päckchen zu tragen.
Und spätestens im Zusammensein mit den Pferden werden genau diese Themen hochgeholt. Die Pferde sind Meister darin, den Menschen ihre Themen bewusst zu machen. Die Unaufmerksamkeiten ihres Menschen quittieren sie mit „Umweltorientiertheit“. Die Niedergeschlagenheit und Motivationslosigkeit mit „Zähigkeit und Unmotiviertheit“. Und wenn der Mensch eine gepflegte Selbstunsicherheit an den Tag legt, dann fordern sie ihn gerne immer wieder heraus und fragen „Bist du dir sicher, dass du kompetent bist? Dass du für meine Sicherheit sorgen kannst? Dass du das, was du von mir möchtest auch wirklich willst?“. Das passiert tagtäglich und stellt viele Pferdebegeisterte immer wieder vor kleinere und auch größere Probleme. Die Frage, die sich hier jetzt stellt ist doch, wo gilt es hinzuschauen und anzusetzen, um diese Probleme zu lösen. Es wird gerne beim Pferd angefangen. Das ist völlig richtig. Ist es gesund. Stimmt die Fütterung oder hat es einen Mangel. Was ist mit der Haltung. Fühlt es sich wohl in der Herde, passt der Sattel, kann es die von ihm geforderten Aufgaben auch lösen. Natürlich arbeitet auch der Mensch an sich. Wie gehe ich mit meinem Pferd um. Versorge ich es richtig? Habe ich genug Zeit? Passt das Training…. Und und und. Auch das ist völlig richtig. Beides ist wichtig und sollte natürlich immer beachtet werden.
„Aber“, sagt Birgit Heigel von Reitercoaching, „es gibt da noch ein weiteres Element, das es zu beachten gilt.“ Es ist eigentlich in aller Munde. Allerdings wird es oft genug doch nicht direkt beachtet, um Veränderungen in der Beziehung….. Beziehung? Ja genau. Die Beziehung ist das eigentlich entscheidende Element im Zusammensein. Und hier kommt das System ins Spiel. Menschen und Pferde leben und überleben in Systemen. Untereinander und miteinander. Heißt also, wenn der Mensch und sein Pferd zusammentreffen, bilden sie ein System. Zwangsläufig. Ist einfach so. Ein System besteht aus mehreren Elementen. In diesem Fall dem Element „Pferd“ und dem Element „Mensch“. Diese Elemente stehen in einer Beziehung zueinander. Und je nachdem wie diese Beziehung aussieht, ist ihr Zusammensein entspannt, vertrauensvoll und harmonisch. Oder eben unsicher, von Ängstlichkeit und Unachtsamkeit geprägt.
„Wenn die Beziehung „holpert“, nicht so ist, wie wir sie uns wünschen, dann macht es vor allem auch Sinn, genau auf diese Beziehung mal zu schauen.“, sagt Birgit Heigel von „Reitercoaching“. „Ich kann die einzelnen Elemente natürlich versuchen zu verbiegen, umzugestalten oder auch zu versetzen. Die Frage ist doch, hat das den erwünschten Effekt.“ Oftmals ist das ein Arbeiten am Symptom, nicht an der Ursache. Ein wichtiger systemischer Grundsatz lautet: „Das Ganze ist immer mehr als die Summe seiner Teile.“ (Aristoteles). Übersetzt heißt das eben, wenn zwei Individuen aufeinandertreffen, ist das Ergebnis nicht die reine „Summe“ aus den Eigenschaften und Persönlichkeiten dieser beiden. Sondern es ist entscheidend wichtig, wie ihre Beziehung zueinander aussieht. Jegliche fachliche Kompetenz eines Trainers beispielsweise ist nichts wert, wenn er nicht in der Lage ist, eine gute, auf Wertschätzung und Vertrauen basierende Beziehung zu seinen Schülern aufzubauen. Die werden das, was er ihnen vermitteln möchte gar nicht aufnehmen können. Weil die Beziehung nicht passt. Ebenso ist es mit unseren Pferden. Ich kann noch so bedacht sein auf ihr Wohl, die Haltung, die Fütterung, das Reiten. Wenn ich nicht in der Lage bin, darüber hinaus eine vertrauensvolle, entspannte und vielleicht sogar leichte Beziehung zu meinem Pferd aufzubauen, wird Augenhöhe und Harmonie ein frommer Wunsch bleiben.
Im systemischen Ansatz steht die Beziehung im Mittelpunkt. Sie gibt praktisch Aufschluss darüber, was zwischen Pferd und Mensch wirklich los ist. Und er schaut noch wo anders hin. Wir Menschen selber bilden für uns ebenfalls ein System. Aus verschiedenen Anteilen und Rollen, die wir in uns tragen. Denn, um eine wirkliche positive Veränderung erreichen zu können bleibt uns der Blick auf uns selber nicht erspart. Wie gehe ich denn mit mir selber um. Vertraue ich mir selber. Wie rede ich mit mir. Hab ich „mich selber lieb“. Wenn wir uns das alles selber schon nicht geben können….. wie sollten es die Pferde.
Birgit Heigel arbeitet mit ihren Kunden gerne systemisch. Das ist eine leichte und wirkungsvolle Art und Weise, Beziehungen zu erkennen und zu verstehen. Systemische Aufstellungen machen sichtbar, wie Pferd und Mensch sich gegenseitig beeinflussen und in welcher Wechselwirkung sie miteinander stehen. Ein System, also du und dein Pferd zum Beispiel, ist immer um Balance bemüht. Sobald sich eines seiner Elemente verändert, werden sich auch die anderen Elemente verändern, um den Ausgleich wieder herzustellen. Sie schaffen Klarheit in deinen Beziehungen. Mit deinem Pferd, mit der Stallgemeinschaft, dem Stallbesitzer und deinem Trainer.
Ach ja, da war noch Tina und ihr Problem mit der Augenhöhe. Bei Tina kam heraus, dass sie ich selber gerne „kleinmacht“. Mit Sätzen wie „Die anderen sind immer besser als ich.“ „Ich kann das eh nicht.“ „Ich bin zu dumm um das zu können.“ „Ich brauche immer andere, um etwas zu erreichen.“ Im systemischen Arbeiten wurde ihr bewusst, wie sie mit sich selber umgeht. Schon sehr lange. Wie sie sich in Partnerschaften, auf der Arbeit, in Freundschaften und eben auch bei ihrem Pferd selber bewertet und sieht. Alleine dieses Bewusstwerden hat schon zu einer großen Entlastung des Systems gesorgt. Sie wusste auf einmal, dass weder ihr Pferd sie „mit Absicht“ ärgert, noch dass sie „zu dumm“ ist, eine harmonische Beziehung zu ihm aufzubauen. Es waren einfach „mentale Knoten“, die sie massiv behindert haben. Nachdem die aufgelöst waren durch die systemische Arbeit mit ihr, hat ihr Wallach sie plötzlich viel besser wahrgenommen. Er hat angefangen auf sie zu achten und ihr zuzuhören. Und verstanden, was sie von ihm möchte. So konnte sich nach und nach die gewünschte Augenhöhe entwickeln. Als Team. In Harmonie.













