(openPR) Auch die Freizeitbeschäftigungen der Menschen sind Ausdruck kultureller Entwicklungsstadien. Mit ihren Veränderungen beobachten wir nicht weniger als einen Aspekt kulturellen Wandels. Ein Beispiel ist Niedergang der Philatelie, der in den frühen 80er Jahren begann, zuerst verhalten, dann sich immer schneller verstärkend. Inzwischen ist Briefmarkensammeln out. Übrig geblieben sind forschende Sammler; die Philatelie ist ein Teil der Geschichtswissenschaft.
Die Folge für die große Mehrheit der Sammler: Ihre „Schätze“ sind überwiegend wertlos, nur die Upperclass der Philatelisten, die kenntnisreich gesammelt, sich vielleicht sogar forschend mit Briefmarken und ihrer Geschichte befaßt haben, können heute noch mit einem blauen Auge davon kommen, wenn sie ihre Sammlungen verkaufen wollen. Dennoch ist es auch für sie nicht selten ein schmerzhaftes Erlebnis. Ein ehemaliger Sammler und forschender Philatelist schreibt:
„Mehr als 65 Jahre habe ich Briefmarken gesammelt, davon fast 50 Jahren mit forschendem Interesse. Das schöne und anspruchsvolle Hobby der Philatelie liegt mir durchaus auch jetzt noch am Herzen. Allerdings habe ich schon vor vielen Jahren wahrgenommen, daß das Fundament der Philatelie zu bröckeln begann, daß der Strom des Nachwuchses mit zunehmender Geschwindigkeit austrocknete und deshalb dieses schöne Hobby dabei war, zu einer historischen Erscheinung zu werden.
Seit 1840 in Großbritannien mit der One Penny Black die erste Briefmarke herausgegeben wurde, sind knapp 180 Jahre vergangen. Das Sammeln von Briefmarken begann bereits kurze Zeit später und begeisterte als Freizeitbeschäftigung mit der Zeit weltweit viele Millionen Menschen. Erste Alben, Briefmarkenkataloge und Fachzeitschriften kamen rund 20 Jahre später heraus. Sammlervereine entstanden. Die Philatelie blühte mit kriegszeitlichen Unterbrechungen bis sie in den 70er und frühen 80er Jahren des 20. Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreichte. Ihr Ende kam keineswegs überraschend. Mit einer wahren Flut von Neuausgaben durch die Postverwaltungen zahlreicher Länder bei gleichzeitiger Verdrängung der Briefmarke durch markenlose Freimachung von Postsendungen, wurde der Philatelie der Garaus gemacht, lange bevor die Konkurrenz elektronischen Spielzeugs aller Art die Millenials in ihren Bann zog. Die Briefmarkensammler wurden von den Postverwaltungen zahlreicher Länder als Cashcows mißbraucht, denen man wertlose Papierfetzen zu Freudenhauspreise andrehte. Daß sie mit der Zeit an dieser Entartung der Philatelie die Lust verloren, wundert nicht.
In Deutschland dürfte es heute vielleicht noch knapp eine Million Briefmarkensammler geben, wahrscheinlich weniger. Als Philatelisten im engeren Sinne dieses Begriffes oder gar als forschende Philatelisten werden sich aber die wenigsten, vielleicht noch ungefähr tausend von ihnen bezeichnen. Den Sammlervereinen geht seit Jahren der Mitgliedernachwuchs aus.
Seit Jahren schon setzen nur noch sehr selten Erben die (forschende) Sammlertätigkeit verstorbener Philatelisten fort. Die Zahl der Sammlungen und bedeutenden Einzelstücke, die in Versteigerungen unter den Hammer kommen, ist in den letzten 20 Jahren stark angestiegen. Die Nachfrage geht dagegen mit ebenso zunehmendem Tempo zurück. Inzwischen werden die in vergangenen Jahren angeschwollenen Auktionskataloge wieder schmaler. Viel durchaus interessantes und wertvolles Material bleibt mangels Nachfrage liegen. Das Versteigern wird zu kontinuierlich sinkenden Ausrufpreisen immer schwieriger und gerät schon in allzu vielen Fällen zum Verramschen.
Briefmarkensammeln ist definitiv seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts out. Soweit das nur die vielen wertlosen bunten Bildchen betraf, die von zahlreichen Postverwaltungen massenhaft verkauft wurden, konnte man darüber mit Genugtuung hinwegsehen. Aber auch die Verwertung kenntnisreich zusammengetragener Sammlungen wurde mangels Nachfrage immer schwieriger. Die Zahl der Sammler und Philatelisten sank kontinuierlich und ein Ende des Niedergangs ist nicht absehbar.
Weil ich keine an der Philatelie interessierten Erben habe, entschloß auch ich mich vor einigen Jahren zur Abgabe meiner Sammlungen. Für einen Teil und bestimmte Stücke fanden sich kenntnisreiche Sammlerfreunde, die ihr Hobby noch nicht an den sprichwörtlichen Nagel hängen wollten. Das Gros meiner Sammlungen mußte ich aber versteigern lassen. Das war für den Versteigerer relativ einfach, soweit es zu moderaten Preisen angesetztes gutes Main-Stream-Material betraf, wie zum Beispiel überkomplette Sammlungen Deutsches Reich, Berlin oder Bundesrepublik mit Abarten. Eine große Forschungssammlung DDR-Dienstpost stellte den Versteigerer aber offensichtlich vor eine übergroße Herausforderung. Nur einige auch von Spekulanten gesuchte Stücke erreichten als Einzellose akzeptable Preise. Das Gros der Sammlung wurde im Ganzen für einen einstelligen Michelwert geradezu verramscht. Wieviel möglicher Erlös dadurch verschenkt wurde, will ich lieber gar nicht wissen.
Händler und Auktionatoren sind Geschäftsleute und als solche keine Philatelisten im Sinne dieses Wortes. Sie wollen (und müssen als Geschäftsleute) Profit mit der Philatelie machen – oder dem, was von ihr übrig geblieben ist. Die Kosten ihres Betriebes müssen gedeckt und (ein möglichst hoher) Profit soll natürlich auch erwirtschaftet werden. Philatelistische Überlegungen spielen deshalb – durchaus nachvollziehbar, wenn auch den Niedergang der Philatelie beschleunigend – zwangsläufig nur eine untergeordnete Rolle.
Aufhalten können wir den sich inzwischen selbst verstärkenden Niedergang der Philatelie nicht. Die Ergebnisse der Auktionen dokumentieren seit Jahren einen sich verstärkenden Abwärtsstrudel. Wie lange wird es noch dauern, bis zum Beispiel mit Abarten und Besonderheiten überkomplette Sammlungen „Bundesrepublik“ für weniger als den Preis der Falzlos-Alben zu haben sein werden, in denen sie aufbewahrt werden – die Marken also gratis?“
Soweit der Bericht eines ehemaligen Philatelisten, der sich viele Jahrzehnte auch als forschender Sammler mit diesem Hobby befaßt hat. In sozialhistorischem Zusammenhang könnte man den Niedergang der Philatelie auch als ein Symptom des kulturellen Wandels betrachten. Menschen geraten heute immer häufiger schon in jungen Jahren in den Sog digitaler sozialer Systeme und gehen nicht selten geradezu in ihnen auf (oder sollte man treffender sagen: unter?). So verschaffen sie sich mit Spielen am Computer oder mit dem Smartphone spielerisch und fast mühelos die sinnlichen Anregungen und Ablenkungen, die sie brauchen, während Philatelisten nur durch eigene, oft mühevolle Arbeit solche Befriedigung finden können.
Prof. Querulix beobachtet und kommentiert seit langem mit wachsender Sorge um Frieden, Freiheit und das allgemeine Wohl der Menschheit das fragwürdige Treiben der Menschentiere, insbesondere das ihrer Alphas. Seine Beobachtungen dokumentiert und kommentiert er in der eBook-Reihe „Tacheles“, in der bisher 7 Bände erschienen sind. Der jüngste trägt den Titel: „Rien ne vas plus – Wohin treibt die Menschenwelt?“ (ISBN 978-3-943788-43-3). Wie seine 6 Vorgänger ist auch dieser Band in allen gut sortierten (Internet-)Buchhandlungen zum Preis von 9,95 Euro zu haben.
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