(openPR) Terrorabwehr beginnt mit Vorstellungskraft
Nach den jüngsten Terroranschlägen stellt sich die Frage nach den deutschen Vorbereitungen. Im folgenden Artikel regt der Autor an, der Prävention einen erstrangigen Platz einzuräumen und sich bei der Planung von Abwehrmaßnahmen und Übungen von Phantasie und nicht von vorgefassten Meinungen leiten zu lassen.
Kürzlich hat mich ein Journalist angerufen und gefragt, ob die Städte in Deutschland gegen einen Giftgasangriff oder generell gegen Terror gerüstet seien. Der Mann wollte eine rasche Antwort auf schnelle Fragen. Er steht damit nicht allein. Die Bedrohung durch immer schrecklichere Akte des Katastrophenterrors macht uns Angst. Plötzlich beschäftigt sich die Öffentlichkeit mit Schreckensvisionen, die wir vor dem 11. September nur als Nervenkitzel der Unterhaltungsindustrie begreifen wollten.
Dabei hatten Terroristenführer schon immer die gleich starke Phantasie gehabt wie Filmemacher und Thrillerautoren. Nur hat der Terrorboss die Bereitschaft, sie mit krimineller Energie in die Tat umzusetzen. Sein Kriterium ist der spektakuläre Erfolg, der ihm Respekt verschafft, Bewunderung und Gefolgschaft auslöst. Erfolg setzt Durchführbarkeit voraus. Der Plan muss gelingen. Auch der Thrillerautor sucht wie der Terroristenführer nach einem durchführbaren Drehbuch. Sein Leitsatz ist: «Die Geschichte ist zwar frei erfunden, aber in ein so gut recherchiertes Umfeld gesetzt, dass alles genau so passieren könnte.» Fehlen ihm die eigenen Kenntnisse, zieht er Experten bei und lässt alles im Detail ablaufen, bevor er sich entscheidet, das Drehbuch zu lancieren. Der Terrorchef macht nichts, bevor er nicht sicher ist, dass alles peinlich genau abgeklärt und vorbereitet ist.
In die Haut des Angreifers schlüpfen
Der Horrorvision eines Terroranschlags auf eine Stadt oder eine Staumauer,Bahnhof,Flughafen u.s.w. kommen wir eben nur näher, wenn wir in die Haut des Angreifers schlüpfen. All das muss mit größter Akribie geschehen. Erst wenn wir ein Szenario sorgfältig durchspielen, gelingt es uns, die Bedrohung zu begreifen, eventuell zu verneinen und die richtigen Schlüsse für die Abwehr und den Schutz der Bevölkerung zu ziehen. Genau so gehen unsere Gegner vor. Um auf die Frage des Journalisten zurückzukommen: Deutschland ist gegen Massenvernichtungswaffen oder Terrorangriffe nur teilweise gerüstet. Schon gar nicht gegen ABC-Kampfstoffe. Man stelle sich den panischen Massenandrang in Krankenhäuser und Schutzräumen (davon gibt es in Deutschland kaum noch welche!) vor, wo Ärzte und Sanitäter nicht in der Lage sind, die Symptome eines ABC-Angriffs der Opfer zu erkennen, weil die diagnostischen Grundlagen fehlen. Ein Beispiel also, das zeigt, wo Prävention wird ansetzen müssen.
Realität übertrifft Vorstellungsvermögen
Das Problem der Prävention ist, dass die Realität das Vorstellungsvermögen oft übertrifft. Deshalb sind in der Planung kühne Würfe gefordert. Wir haben im Sicherheitsbereich fähige Stäbe mit Übungsplanern, die Szenarien aushecken, um die Verantwortlichen zu trainieren.
Aber es fehlt am Mut zur Kühnheit. Die Übungsanlagen sind entsprechend zahm. Warum? Planer wollen innerhalb der Hierarchie nicht als Phantasten abgestempelt werden. Vorgesetzte sollten nicht erschreckt werden. Die Szenarien werden auf Akzeptanz ausgerichtet, sie müssen mit andern Worten bewältigt werden können. Wir wollen alle Frieden und in Ruhe leben.
Wer vor Katastrophen warnt, ist ein Störenfried, Angstmacher,Idiot u.s.w. (aus persönlicher Erfahrung!)
Phantasie gefordert
Einer Stabsübung auf höchster Ebene wurde kürzlich ein Szenario der Informationskriegführung zugrunde gelegt. Die feindlichen Eingriffe in die vitalen Datensysteme des Landes waren so harmlos konzipiert, dass sich am Ende der Übung alles in Minne auflöste. Damit ist niemandem gedient. Wir brauchen Vorstellungskraft, um den Terrorismus zu bekämpfen. Mangels Phantasie laufen wir aber Gefahr, auch künftig hinterherzuhinken. Nach dem Anschlag in Zug wurden landesweit die Parlamente und öffentlichen Gebäude besser geschützt. Warum erst jetzt? Wo bleibt die vorausschauende Planung im Sicherheitsbereich?
Nicht alle Bedrohungen sind gleich brisant und gleich dramatisch. Es gilt, mit Phantasie zu analysieren und abzuwägen, wo z. B. die gefährlichsten Objekte liegen, d. h. wo die größte Zahl von Opfern und der größte Schaden erzielt werden könnten. Machen wir diese Überlegungen systematisch mit dem Vorstellungsvermögen von Leuten verschiedenster Profession, ergibt sich bald eine Liste von Prioritäten.
Das FBI wertet Agentenromane aus
Szenarien von Drehbuch- und Romanautoren werden oft mit einem Achselzucken als Phantasieprodukte abgetan. Mit den Phantasien der Terroristen hingegen müssen wir uns, wenn sie brutale Wirklichkeit geworden sind, leider im Nachhinein immer befassen. Das ist tragisch. Bricht Grande der Elbtunnel in Hamburg nach einem Superterroranschlag auseinander, ist Goslar nach der Sprengung von 35000 Litern Benzin ausgelöscht, das Berliner UNI-Krankenhaus zerstört, und auf den Autobahnen werden die Autobahnbrücken weggerissen. Zehntausende von Toten. Alle Leute werden fragen, warum das passieren konnte, warum sich niemand mit dem Schlimmsten, was Deutschland, den Städten oder Gemeinden geschehen konnte, befasst hatte.
Dass eine Wechselwirkung zwischen Fiktion dieser Art und der Realität der Verbrechensbekämpfung besteht, ist mindestens in den USA anerkannt.
Real-Übungs-Planer sind aber oft Rufer in der Wüste, Pessimisten, die nur den Teufel an die Wand malen. Das Szenario einer Grande- Dixence-Katastrophe sei keine realistische Bedrohung, wird vorschnell eingewendet.
Kaltblütig in die nächste Krise schlittern?
Unsere Politiker, bauen in Sachen Terrorabwehr vertrauensvoll auf die Polizei. Diese hat aber schon alle Hände voll zu tun.
Bis dahin konzentrierten wir uns zu sehr auf die Ereignisbewältigung und den Ausbau der reaktiven Kräfte für die Antiterror-Task-Force....
Es ist verhältnismäßiger und weniger aufwendig, konkrete Maßnahmen gegen mögliche Superterroranschläge zu treffen! Die Mittel sind umzulagern und sich zu konzentrierten auf den Ausbau der reaktiven Kräfte für die Katastrophenhilfe. Es ist natürlich einfacher, an den traditionellen Strukturen unserer Verteidigung herumzudoktern, als wirksame Maßnahmen im Vorfeld von Terroranschlägen und Katastrophen zu ergreifen.
Die gründliche Analyse von Szenarien im hier angeregten Sinn dient auch der Bekämpfung von Panik.
Die Sicherheitsorgane müssen präsent sein und Antworten bereit haben. Ja nicht überreagieren, wird etwa von Politikern gemahnt, die so ihre Ohnmacht kaschieren.
Ruhig Blut behalten ist grundsätzlich richtig. Nur kann man auch kaltblütig in die nächste Krise schlittern.
Sicher kommen wir nicht darum herum, in Sachen Sicherheit einen Zacken zuzulegen und das Denken resolut auf die innere Sicherheit zwecks Terrorabwehr zu lenken.
Es beginnt mit Prävention, und diese setzt Vorstellungskraft voraus.
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