(openPR) Mainz, 04.07.2018: Die Nachricht, dass Joachim Löw nach der missglückten WM als Bundestrainer weitermacht, kam am 03.07.2018 um 14:00 Uhr leise über das Presseportal des DFB. Keine angesetzte Pressekonferenz folgte der Bekanntgabe von Löws Entscheidung. Es gab nur ein Statement des ebenfalls bleibenden Sportmanagers Oliver Bierhoff, der meinte, eine Ankündigung sei im Moment nicht nötig, man brauche Zeit. Es mutet an, wie ein Déjà-vu. Auch die meisten der Nationalspieler hatten sich nach dem Turnier schnellstmöglich von der Öffentlichkeit entfernt, um näheren Zukunftsfragen auszuweichen. Ob sich die Zurückhaltung der Verantwortlichen und Protagonisten positiv auszahlt, wird sich erst in den nächsten Tagen und Wochen zeigen. Doch es kann ein schmaler Grat sein, auf den sich Bundestrainer, Spieler und DFB nun begeben.
Jogi Löw auf dem Prüfstand der Fans
Nach dem überraschenden WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft unter Jogi Löw war es ganz still auf Deutschlands Straßen. Kein Jubeln und keine Autokorsos mit Gehupe waren zu hören und keine schwingenden Fahnen in den Händen glücklich lächelnder Fußballfans zu sehen. Die zuvor schon fehlende Stimmung schien am späten Nachmittag des 27.06.2018 ihren Tiefpunkt erreicht zu haben.
Die ewigen Meckerer waren schnell an der Tastatur, um deren negative Vorhersage triumphierend im Internet zu wiederholen und bekräftigt zu wissen. Dieses Verhalten einiger Deutscher stieß bei den Spielern schon während der Gruppenphase auf Zorn, wie es an den Äußerungen von Toni Kroos nach dem Schwedenspiel zu hören war. Doch kann fehlende Unterstützung einiger Fans tatsächlich der Grund für eine derartige Leistung in der Vorrunde sein? Oder war der Druck der Titelverteidigung schuld? Lag es eventuell doch ausschließlich an der Kaderauswahl und dem Sonderstatus, den einige Spieler genießen? Diese und weitere Fragestellungen fließen sicherlich in den neuen Plan ein, den der alte und neue Bundestrainer nun ausarbeiten muss. Denn das 'Die Mannschaft' in allen Belangen nicht überzeugt hat, liegt klar auf der Hand.
Trotz aller Enttäuschung sind die deutschen Fans realistisch in deren Betrachtung über das Ausscheiden der Nationalmannschaft, wie eine repräsentative Umfrage am Tag nach dem Entscheidungsspiel ergab. Demnach sehen es 65 Prozent als "absolut verdient" und 20 Prozent als "verdient" an. Nur 2 Prozent bewerteten das Ausscheiden als "absolut unverdient".
Eine weitere Umfrage deutet eine Spaltung zwischen Fans und Verantwortlichen an. Während DFB-Präsident Reinhard Grindel den Wunsch nach einer weiteren Zusammenarbeit mit Jogi Löw direkt nach dem Ausscheidungsspiel bekräftigte, sahen es viele Deutsche an diesem und am nächsten Tag anders. Rund 38 Prozent waren der Meinung, Löw solle "auf jeden Fall als Bundestrainer zurücktreten", 17 Prozent sagten "eher ja" zum Rücktritt und nur 16 Prozent schlossen dies als Lösung völlig aus.
Nun ist der Verdacht nicht ganz unbegründet, dass die Emotionen zum Zeitpunkt der Befragung noch zu stark und deswegen unbesonnen getätigt wurden. Ein angeblich Schuldiger wird immer gerne schnell gefunden. Eine Umfrage der Sportschau vom 03.07.2018 bestätigt allerdings die Ablehnung, die sich mit 58 Prozent gegen den Verbleib von Löw als Trainer der Nationalmannschaft darstellt.
Der Bundestrainer und der DFB sollten diese Stimmung genau beobachten und nicht nach dem Motto handeln: still aussitzen und hoffen, dass bald Gras über die Sache wächst. Denn Fußball ist emotionale Leidenschaft und Identifikationssymbol und lebt von seinen Fans. Zu diesem Gefüge zählt auch Jogi Löw.
Stimmen aus der Fußballwelt zu Jogi Löw
Der Rückhalt vom DFB und Gespräche mit Oliver Bierhoff bewogen Jogi Löw dazu, trotz aller Enttäuschung als Bundestrainer weiterzumachen, wie das Presseportal mitteilt. "Ich möchte nun auch mit ganzem Einsatz den Neuaufbau gestalten. Ich werde gemeinsam mit meinem Team analysieren, Gespräche führen und zum Start der neuen Saison die richtigen Schlüsse ziehen. Das alles braucht Zeit, wird aber alles rechtzeitig bis zum Start in die neue Länderspielsaison im September geschehen", wird er in dem Pressetext interpretiert. Ergänzend sprach Bierhoff in seinem Statement von Energie für die Aufgabe, die der Bundestrainer und er nun habe.
Die Zeit ist mehr als knapp. Zudem wird aus den Reihen der Mannschaft hinterrücks geäußerter Missmut laut, wie Medien mit Kontakt zu sogenannten "Maulwürfen" berichten. Offene und aufrichtige Aussagen zu Missständen gegenüber den Verantwortlichen scheinen demnach nicht zu passieren. Dies wirft die Frage auf, ob Löw noch eine stabile Achse in seinem Kader hat oder das Zerwürfnis zu groß ist und ein komplett neues Team in der kurzen Zeit gebildet werden muss?
Jérôme Boateng hat bisher als einziger Spieler offen geäußert, bei der Nationalmannschaft bleiben zu wollen, wenn er wieder nominiert werden würde. Womöglich fiel ihm das Zugeständnis leichter, weil er beim Katastrophenspiel gegen Südkorea wegen seiner Rotsperre gar nicht auf dem Platz stand. Doch am übrigen Leistungsbild der Mannschaft in der Gruppenphase der WM war er genauso beteiligt, wie alle anderen.
Viele Stimmen aus der "externen" Fußballwelt sind voller Zuspruch und bestätigen den Bundestrainer in seinem Amt. Niko Kovac beispielsweise bekannte sich als "Pro Jogi Löw" und Julian Nagelsmann formulierte tröstende Worte, "es könne immer mal vorkommen, dass man ein schlechtes Turnier spiele, was kein Grund für einen Rücktritt des Trainers sei".
Der berechtigte Satz von Hannes Wolf, Fußballtrainer und als WM-Experte bei der ARD im Einsatz, macht nachhaltig nachdenklich: "Der Respekt vor dem Gegner war gefühlt nicht da."
Bleibt zu hoffen, dass Joachim Löw als Bundestrainer seinen Respekt in der Nationalmannschaft künftig durchsetzen kann, damit der nötige Respekt vor dem Gegner wieder auf dem Platz zu finden sein wird.










