(openPR) Ein interessierter Personenkreis traf sich am 30. November 2017 im Rathaus der Stadt Rotenburg. Thema des Abends war "Helmut-Lent, Mythen und Fakten". Dazu hatten Michael Quelle von der Rosa Luxemburg Stiftung und Marc Andreßen von der Bürgerinitiative geladen.
Helmut Lent ist seit 1964 Namensgeber der Rotenburger Lent-Kaserne. Es ist jedoch umstritten, ob dieser Name noch zum heutigen Traditionsverständnis der Bundeswehr gehört. Seit dem Traditionserlass von 1982 gelten andere Anforderungen an Namensgeber. Diese müssen demnach sich in einer einzelnen Tat oder durch ihr gesamtes Wirken um Freiheit und Recht verdient gemacht haben. Doch dies kann Lent nicht für sich reklamieren, da er ausschließlich Soldat in systemkonformen Sinne in Erscheinung getreten ist, für dieses ausgezeichnet wurde und entsprechende Privilegien genoss.
Der Traditionserlass definiert Tradition als "Weitergabe von Werten und Normen", nicht wie viele Denken, als "Gewohnheit" oder "übliches Handeln", wie es in der Zivilgesellschaft oft benutzt wird. Und so wird Helmut Lent als Namensgeber auch berachtet, inwieweit er als "Wertelieferant" geeignet und für Soldaten "sinnstiftend" sein kann.
Eine Rotenburger Gruppe ehemaliger Soldaten und Politikern der CDU wurde aktiv und warb für die Beibehaltung des Kasernennamens. Ein besonderer Focus dieser Anstrengungen lag auf der Frage, ob Helmut Lent ein "Nazi" gewesen sei, oder nicht. Durch eine Auswahl von Unterlagen sollte der Nachweis erbracht werden, dass Helmut Lent "kein Nazi" gewesen sei. Ein von dieser Gruppe beauftragtes Gutachten kam zu dem Urteil, er sei "sehr wahrscheinlich kein Nazi im engeren Sinne" gewesen.
https://www.helmut-lent.de/gutachten-zu-helmut-lent
Mit dieser Initiative begann sich ein etwas selektives Bild von Helmut Lent auszubreiten. Dies folgte der Leitidee "de mortuis nil nisi bene", also über Tote nur gutes zu reden. Diesen Leitspruch findet man sowohl im Aufruf dieser Initiative. Er wurde auch in der politischen Diskussion vom Landrat Hermann Luttman vorgebracht.
Es ist offensichtlich, dass eine solche Herangehensweise die Möglichkeit einer objektiven Betrachtung verhindert. Und so begannen Michael Quelle und Marc Andreßen weiter zu recherchieren. Michael Quelle, der über umfangreiche Erfahrungen in der Arbeit in Archiven verfügt, sichtete darauf Unterlagen, die bis dato für kein Gutachten herangezogen worden waren. Er stieß im Landesarchiv in Stade auf ein so genanntes "Lent-Erinnerungsbch". Eine Sammlung von Originaldokumenten und Abschriften, die Lena Lent, die Frau von Helmut Lent zusammengestellt hatte, um Informationen zu Helmut Lent für die Nachwelt zu erhalten. Aus diesen und anderen Quelle speiste sich der Vortrag, den Michael Quelle an diesem Abend hielt und von den Besuchern mit großem Interesse verfolgt wurde. Die Ergebnisse seiner Untersuchung wurden auch auf der Seite https://www.helmut-lent.de/mythen-und-fakten veröffentlicht.
Ein weiterer Teil des Abends wurde mit einem Kurzvortrag zur Geschichte des Traditionserlasses und seiner Beziehung zu Helmut Lent als Namensgeber bestritten. Marc Andreßen führte aus, dass die Frage, ob Helmut Lent ein Nazi sei oder nicht in die Irre führe, da dies aus Sicht des Traditionserlasses unerheblich ist. Wenn heute der Vorbildcharakter eines Soldaten bewertet werde, würden eben andere Maßstäbe angesetzt, als noch zur Zeit des Nationsozialismus und des Deutschen Reiches in einem "totalen Krieg". Dem Prinzip "Befehl und Gehorsam" steht heute "Führen mit Auftrag" gegenüber. Dem Soldat als einer Befehlsempfänger wurde durch das Leitbild des "Bürgers in Uniform" ersetzt, von dem kritisches Denken, Eigenständigkeit in Fragen der Moral und politische Bildung abverlangt werden. Schließlich ist auch die "Heldenmetrik" des NS-regimes nicht mehr zeitgemäß, nach der eine hohe Zahl von Abschüssen mit Tapferkeit und Mut gleichgesetzt wurden und in (unvergänglichem) Ruhm und Ehre und entsprechenden Privilegien umgemünzt wurde. Der Entwurf des neuen Traditionserlasses stellt dies in mehreren Punkten klar:
"Für die Bundeswehr, die freiheitlichen und demokratischen Zielsetzungen verpflichtet ist, kann nur ein soldatisches Selbstverständnis mit Wertebindung, das sich nicht allein auf rein handwerkliches Können im Gefecht reduziert, sinn- und traditionsstiftend sein."
"Der verbrecherische NS-Staat kann Tradition nicht begründen. Für die Streitkräfte eines freiheitlichen demokratischen Rechtsstaates ist die Wehrmacht als Institution nicht sinnstiftend. Gleiches gilt für ihre Truppenverbände, Organisationen, Militärverwaltung und den Rüstungsbereich. Die Aufnahme einzelner Angehöriger der Wehrmacht in das Traditionsgut der Bundeswehr ist dagegen grundsätzlich möglich. Voraussetzung dafür ist immer eine sorgfältige Einzelfallbetrachtung und Abwägung, die die Frage persönlicher Schuld einschließt sowie eine Leistung zur Bedingung macht, die vorbildlich oder sinnstiftend in die Gegenwart wirkt, etwa die Beteiligung am militärischem Widerstand gegen das NS-Regime oder besondere Verdienste um den Aufbau der Bundeswehr."
Und führt weiter aus: "Bestehende Benennungen müssen diesem Traditionserlass entsprechen."
https://www.helmut-lent.de/der-traditionserlass-der-bundeswehr/der-entwurf-des-neuen-traditionserlasses
Dies illustriert erneut, dass aus Sicht des Traditionserlasses nachrangig ist, ob ein Soldat der Wehrmacht "sehr wahrscheinlich kein Nazi im eigentlichen Sinne" war.
An die Vorstellung des Traditionserlasses schloss sich eine lebhafte aber sehr ernsthaft geführte Diskussion an. Das wurde begünstigt dadurch, dass Menschen im Alter 19 und 89, Zivilisten und Veteranen, Pazifisten und ehemalige Soldaten der Lent Kaserne unter den Teilnehmern befanden.










