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Nephrologie „goes digital“. Aber wem gehören die Patientendaten?

15.09.201715:00 UhrWissenschaft, Forschung, Bildung

(openPR) Ganz klar: den Patienten, so die Meinung von Prof. Dr. Mark Dominik Alscher, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (DGfN). Doch die geben sie zum einen oft unbedacht weiter, wenn sie online-Gesundheitsdienste oder Apps nutzen. Zum anderen werden Dialysepatienten aber auch übergangen, wenn es um die Erfassung der Dialysedaten zur Qualitätssicherung geht. „Das jetzige System ist eine Sackgasse. Es läuft den Interessen der Patienten und der Nephrologen zuwider. Eine wissenschaftliche Auswertung der Daten wird verhindert, die Marketinginteressen großer Konzerne aber bleiben unkommentiert. Den Weg möchten wir nicht länger beschreiten!“



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Die Digitalisierung hat längst die Medizin erreicht – und natürlich auch die Nephrologie als „technik-lastiges“ Innovationsfach. Telemedizin, digitale Gesundheitsplattformen, Gesundheits-Apps oder die elektronische Übermittlung von Laborwerten sind nur einige Stichworte, die derzeit auch in der Nephrologie diskutiert und z.T. praktiziert werden. Mobile Endgeräte haben beispielsweise die Möglichkeiten der Telemedizin deutlich verbessert und im Bereich der Heimdialyse erhalten derzeit bereits die ersten telemedizinischen Systeme Einzug. Sie erleichtern die Durchführung und erhöhen die Sicherheit der Heimverfahren, so die Hersteller. Schöne neue Welt? Nicht nur, denn die innovative Technik hat ihren Preis: Sie kostet den Patienten die „Datenhoheit“. Denn die Patientendaten werden übermittelt, analysiert und gespeichert – und auf die Sicherheit der Daten sowie die Art und Weise der Auswertung hat der User nur bedingt Einfluss.

Daten sind das Gold der Zukunft und bereits 2013 wurde in einem Artikel in „Die Zeit“ [1] angeprangert, dass ein „dickes Geschäft“ mit Kranken- und Rezeptdaten läuft. So wie Großunternehmen wie Amazon die Daten ihrer Kunden erheben, zu Marketingzwecken ausschlachten und an Ende noch teuer verkaufen, können es auch Pharmafirmen oder Betreiber von Gesundheitsapps. „Wir sehen hier die Politik in der Verantwortung, regulierend einzugreifen. Solange das nicht passiert, müssen die Fachgesellschaften die Systeme für die Patienten zertifizieren und ihnen somit zumindest eine Orientierung geben“, erklärt Prof. Dr. Mark Dominik Alscher, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (DGfN). Wie er ausführt, hat die DGfN speziell dafür die Kommission „Digitale Nephrologie“ gegründet. „Wir möchten zum Wohle unserer Patienten sicherstellen, dass wenigstens die Mindeststandards im Umgang mit den Daten erfüllt werden. So sollte beispielsweise gewährleistet sein, dass die Server, auf denen die Daten gespeichert werden, in Europa betrieben werden und die Betreiber europäischem Recht unterliegen“. Gemäß Alscher sind Ärzte und Fachgesellschaften in der Pflicht, Patienten für diese Themen zu sensibilisieren und sie zu ermuntern, möglichst „sparsam“ mit ihren Daten umzugehen. „Wer sich eine Medikamenten-App herunterlädt, weiß mitunter nicht, dass er damit preisgibt, wann er welche Medikamente einnimmt, was wiederum Rückschlüsse auf chronische Erkrankungen zulässt. Regelmäßig passgenaue Angebote von Online-Apotheken zu bekommen, mag manch einer noch als Service empfinden. Aber man stelle sich nur einmal vor, dass solche Daten auch an potenzielle Arbeitgeber oder Lebensversicherer verkauft werden. Wir möchten uns dafür stark machen, dass Patienten nicht unwissend um ihre Daten betrogen werden, sondern dass sie Systeme nutzen, die gewährleisten, dass die Daten nicht an Dritte weitergegeben werden. Denn was oft vergessen wird: Die Daten gehören den Patienten“

Doch nicht immer hat der Patient auch Einfluss. Am 24. Juni 2006 ist die Qualitätssicherungs-Richtlinie Dialyse ist in Kraft getreten Die Daten müssen seitdem zur Qualitätskontrolle von allen Dialyseeinrichtungen an die Bundes-KV gemeldet werden. Dort wird anhand bestimmter Parameter (Clearance-Rate gemessen am Kt/V, Serumalbumin, Hb, CrP, Parameter des Knochenstoffwechsels, Hygieneparameter etc.) die Ergebnisqualität erhoben. Diese Parameter sind nach Ablauf einer 18-monatigen Einführungszeit sanktionsbewehrt, d.h. Dialyseeinrichtungen, die „schlecht“ dialysieren, drohen Verluste. Diese Kopplung der Ergebnisqualität an die Abrechnung ist einmalig in der Medizin, doch sie wurde und wird von den Nephrologen, die für den Dokumentationsaufwand übrigens nicht vergütet werden, aktiv mitgetragen. Gründe dafür sind, dass Nephrologen für eine hohe Behandlungsqualität und Transparenz einstehen und bereit sind, sich dafür der Kontrolle ihrer Arbeit zu unterziehen. Eine weitere Motivation für die hohe Kooperationsbereitschaft der Nephrologen war allerdings auch, dass es seinerzeit hieß, die erhobenen Daten können von der Fachgesellschaft wissenschaftlich ausgewertet werden.

Doch das ist noch immer nicht der Fall. Seit elf Jahren werden also pseudonymisierte, patientenbezogene Parameter in ihrer zeitlichen Abfolge erfasst und übermittelt, ohne dass dieses Versprechen eingelöst wurde. „Für uns ist es unverständlich, dass hier Datenschutzbedenken vorgeschoben werden, obwohl es um eine wissenschaftliche Auswertung geht. Die ist aber bitter nötig. Man muss sich vorstellen, dass wir nicht einmal genau sagen können, wie viele Patienten derzeit in Deutschland chronisch dialysiert werden! Umgekehrt gibt es aber einen völlig unregulierten Wildwuchs im Bereich der kommerziellen Nutzung von Daten, die Patienten gutgläubig irgendwo eingeben oder die auch ganz ohne Wissen der Patienten abgeschöpft werden“. Alscher sieht einen Regulierungsbedarf, dem die Politik dringend nachkommen muss.

Was das Thema Dialysedaten angeht: Hier sucht die DGfN den Schulterschluss mit dem Patientenverband, dem Bundesverband Niere e.V. „Eine wissenschaftliche Auswertung ist sicher auch im Interesse der Patienten, eine kommerzielle jedoch keinesfalls. Es bedarf neuer Konzepte, die Patienten und Nephrologen gemeinsam mittragen“, so Alscher. Auch das Erstarken der industrialisierten Dialyseanbieter müsse im Hinblick auf das „Datenschutzproblem“ durchdacht werden. „Wenn eine Dialysekette, die ein Spin-off eines großen Medikamenten- oder Geräteherstellers ist, Patientendaten für die Qualitätsdialyse erfasst, wer stellt dann eigentlich sicher, dass diese Daten ohne Kenntnis der Patienten oder gar gegen ihren Willen nicht auch kommerziell ausgewertet und genutzt werden?“

Für Alscher steht eines fest: Nephrologen und Patienten müssen neue zukunftsfähige Konzepte erarbeiten und dann mit der Politik und der ärztlichen Selbstverwaltung in Diskurs treten. „Das jetzige System der Erfassung der Dialysedaten ist eine Sackgasse. Es läuft den Interessen der Patienten und der Nephrologen zuwider. Eine wissenschaftliche Auswertung der Daten wird verhindert, die Marketinginteressen der großen Konzerne aber bleiben unkommentiert. Den Weg möchten wir nicht länger beschreiten!“

Literatur
[1] http://www.zeit.de/2013/45/patientendaten-marktforschung-pharmaindustrie?wt_zmc=sm.ext.zonaudev.mail.ref.zeitde.share.link.x

Weitere Informationen:
- http://www.dgfn.eu

Quelle: idw

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