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Wissenschaftliche Arbeit zu Kinderleichen in der halleschen Anatomie abgeschlossen

26.07.201711:16 UhrWissenschaft, Forschung, Bildung

(openPR) Im Institut für Anatomie und Zellbiologie der halleschen Martin-Luther-Universität ist ein Forschungsprojekt zu Kinderleichen aus den 20 bis 40er Jahren des 20. Jahrhunderts abgeschlossen worden.

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Es ist ein Thema, das Professorin Dr. med. Heike Kielstein und dem Doktoranden Frederik Winter einiges abverlangt und sie emotional sehr berührt hat. Gleichzeitig verspüren beide nun große Erleichterung, dass dieses Kapitel des halleschen Institutes für Anatomie und Zellbiologie der Martin-Luther-Universität abgeschlossen werden kann. Vier Jahre lang - seit August 2013 - hat Winter, der mittlerweile sein Medizinstudium beendet hat und in die Facharztausbildung startet, im Rahmen seiner Doktorarbeit das Schicksal von 74 in Phenol konservierten Kinderleichen aus dem Zeitraum zwischen 1920 und den 1940er Jahren untersucht, die sich noch im Institut befinden. Betreut wurde Frederik Winter von Prof. Florian Steger (ehemaliger Direktor des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin der Uni Halle) und Prof. Kielstein.



Damit sind drei umfangreiche Komplexe der Historie des halleschen Institutes aus eigenem Bestreben heraus sensibel, würdevoll und transparent aufgearbeitet worden. Seit 1996 beschäftigte sich das Institut unter verschiedener Leitung kontinuierlich mit seiner historischen Rolle. „Angefangen haben Prof. Dr. Rüdiger Schultka und Michael Viebig von der Gedenkstätte ‚Roter Ochse‘ in Halle mit der Rolle des Institutes im Nationalsozialismus. Dann folgten die Rückübertragungsansprüche Australiens von Skeletten und Schädeln indigener Völker aus unseren Sammlungen und das dritte, inhaltlich schwierigste Thema sind nun die Kinder gewesen“, erklärt Institutsdirektorin Kielstein, die mit Beginn ihrer Arbeit in Halle im Jahr 2011 auch für die Prosektur und das Leichenwesen zuständig ist. Alle drei Themenkomplexe seien sehr emotionsbehaftet, zeitintensiv und mit viel Recherche verbunden gewesen, so dass man sie nur nacheinander habe bewältigen können, so Kielstein weiter. Insbesondere die Untersuchung der Kinder sei eine Herausforderung gewesen, aber man habe glücklicherweise auch von Untersuchungsmethoden profitieren können, die es vor einigen Jahren noch gar nicht gegeben habe.

Hierbei konnte nun zwar vieles, aber nicht alles aufgeklärt werden. So wisse man, dass, dass mehr als 60 Kinder Früh- und Totgeborene, fünf zwischen einem halben und vier Jahren und drei zwischen zwölf und 14 Jahre alt gewesen seien. Aber: „Wichtige Aufzeichnungen und Identifikationsdokumente, wie die Leichenregister, fehlen, und auch die Leichenbücher und Teile der Korrespondenz des Anatomischen Institutes zwischen 1920 und 1930 sind verschollen“, sagt Frederik Winter, der nichts unversucht gelassen hatte, herauszufinden, wer die Kinder sind. Dazu hat er unter anderem in den halleschen Archiven recherchiert. Mit unterschiedlichem Erfolg. Das Jahrzehnt konnte eingegrenzt werden. „Wir hatten bei den Kindern kleine Zettel mit der Jahreszahl 1923 gefunden. Das passte auch sehr gut zu den Archivuntersuchungen“, sagt Kielstein. Eine Namenszuordnung sei jedoch nicht gelungen, obwohl man in Akten des Begräbnisamtes des halleschen Gertraudenfriedhofs einige Namen gefunden hatte.

Fakt sei, so Kielstein, dass sie alle aus Halle stammen und eher der Unterschicht zuzuordnen seien, keines gewaltsam gestorben sei und sie ganz offiziell in die hallesche Anatomie gebracht worden seien. „Basierend auf den zu dieser Zeit geltenden Regeln ist es damals so gehandhabt worden, dass verstorbene Kinder, insbesondere von Eltern aus der Unterschicht oder von unverheirateten Frauen, von den Hebammen und Geburtshelfern in die Anatomie gebracht wurden. Zwischen 1920 und 1945 waren das insgesamt mehr als 2600 Kinder, so weit haben wir geprüft“, sagt Frederik Winter.
Alle 74 Körper sind nun in den vergangenen vier Jahren, soweit dies aufgrund des Zustandes noch möglich war, untersucht worden. Für die Altersbestimmung wurden beispielsweise die Knochenkerne der Hände und die Körpergröße vermessen. „30 Körper haben wir zudem ausgewählt und sie in Zusammenarbeit mit dem Radiologen Dr. Dietrich Stoevesandt vom Universitätsklinikum im Computertomographen untersucht. Damit konnten wir, wie erhofft, wichtige Erkenntnisse zu den Todesursachen gewinnen. Einige Diagnosen konnten wir auch so viele Jahre später noch sehen“, sagt Kielstein. Die Kinder waren unter anderem an Lungenentzündungen, Fehlbildungen des Hirns und des Skeletts oder in den ersten Lebensmonaten an der veralteten Diagnose „Lebensschwäche“, aber auch an damals noch nicht behandelbaren Infektionskrankheiten gestorben.

Die Arbeit des halleschen Institutes habe in einigen Fällen auch andere anatomische Einrichtungen in Deutschland animiert, sich mit der eigenen Vergangenheit - kritisch und ehrlich - auseinanderzusetzen. Sie wolle nun mit Bekanntwerden des Themas zudem einige Wochen abwarten, sagt Kielstein, ob sich nicht vielleicht doch noch Angehörige melden, die möglicherweise in ihrer Familiengeschichte um eine Lücke in jener Zeit wissen. Im Herbst sollen die Kinder dann eingeäschert und ihre Asche auf dem Gertraudenfriedhof auf der Ehrengrabstätte der Martin-Luther-Universität beigesetzt werden. „Diesen würdevollen Rahmen haben die Kinder verdient“, sagt Heike Kielstein.

Text: Cornelia Fuhrmann

Quelle: idw

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