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Dr. Karsten Reuß - Chancen durch Bildung

14.06.201617:34 UhrWissenschaft, Forschung, Bildung

(openPR) Dieser Artikel befasst sich mit dem Thema „Chancen durch Bildung“ und den Erkenntnissen von Herrn Dr. Karsten Reuß.

Trotz der guten wirtschaftlichen Lage und einem prognostizierten Wirtschaftswachstum von 1,9 Prozent durch die EU-Kommission steht sich Deutschland auch im Jahre 2015 zahlreichen Herausforderungen gegenüber. Neben weiterhin wachsender Lohnungleichheit, Eurokrise und fortschreitenden demographischem Wandel sieht sich Deutschland auch dem größten Zustrom von Flüchtlingen seit Jahrzehnten gegenüber. Schwankten die Zahlen von Asylbewerbern in Deutschland in den Jahren zwischen 1995 und 2013 zwischen 15 000 und 130 000 Erstanträgen pro Jahr, so werden in 2015 über 800 000 erwartet. Dies bringt große finanzielle Belastungen, vor allem für die Kommunen, den Wohnungsmarkt und für öffentliche Einrichtungen, auch wenn unter anderem aufgrund einer hohen privaten Konsumquote von Flüchtlingen und den Ausgaben der öffentlichen Hand positive wirtschaftliche Effekte durch die Migration zu erwarten sind, wie kürzlich eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigte. Durch die immer älter werdende Bevölkerung in Deutschland und durch seit Jahrzehnten auf niedrigem Niveau verharrende Geburtenzahlen stehen immer weniger Erwerbstätige immer mehr Rentnern gegenüber. Die Entwicklung wird sich in den nächsten Jahren verschärfen, wenn die Baby-Boomer-Generation in Rente geht. Der Bericht der EU-Kommission rechnet mit einer Verdopplung der jährlichen Ausgaben für Renten, Gesundheit und Pflege von 520 Milliarden Euro heute bis auf 1039 Milliarden im Jahr 2060, aus Sicht einiger Autoren stehen die Sozialsysteme sogar vor dem Kollaps.



Zudem nimmt die Lohnungleichheit in Deutschland wie in vielen Volkswirtschaften seit Jahrzehnten zu, so stieg beispielsweise der Gini-Index, ein weit verbreitetes Maß zur Messung der Lohnungleichheit, von 0,23 in den frühen 1990er Jahren auf über 0,3 im Jahr 2010 an Daher profitiert vom Wirtschaftswachstum oft nur der reichere Teil der Bevölkerung.

Der folgende Artikel diskutiert mehrere Lösungsansätze zur Bewältigung dieser Phänomene. „Bei all diesen Herausforderungen stellt Bildung einen zentralen Schlüssel zur Lösung der Probleme dar“, erklärt Diplom-Volkswirt Herr Dr. Karsten Reuß. „Denn in einer globalisierten Ökonomie hängt die Wettbewerbsfähigkeit und die Innovationskraft Deutschlands entscheidend von der Verfügbarkeit von Wissen sowie einem ausreichendem Angebot von Fachkräften auf dem Arbeitsmarkt ab.“ Nicht umsonst wird häufig von „Wissensökonomien“ gesprochen, um moderne Volkswirtschaften zu charakterisieren. Damit wird unter anderem verdeutlicht, dass es heutzutage von herausragender Bedeutung ist, Fähigkeiten und neues Wissen zu schaffen, bei gleichzeitig hoher Adoptionsfähigkeit von externem Wissen und der Fähigkeit, Wissen schnell diffundieren zu lassen, so Karsten Reuß. Da Wissen in rohstoffarmen Wirtschaften wie Deutschland die wichtigste wirtschaftliche Ressource sei, ist dieser Aspekt umso bedeutender. Somit stelle das Bildungssystem eine wesentliche Grundlage für die zukünftige Leistungsfähigkeit des Landes dar.

Herr Dr. Karsten Reuß ist als Technologieberater am VDI Technologiezentrum tätig und beschäftigt sich seit Jahren mit der wirtschaftlichen Bedeutung von Bildung für das Wirtschafts- und Innovationssystem. Hierbei wendet er unter anderem anspruchsvolle statistische und ökonometrische Methoden sowie Simulationsmodelle an. Damit werden anhand großer sozioökonomischer Datensätze Wirkungszusammenhänge identifiziert oder vorhandene Daten in die Zukunft fortgeschrieben.
In seiner Dissertation "Age-dependent Human Capital Investments and Socio-Economic Outcomes" prognostizierte Karsten Reuß mit Hilfe eines Simulationsmodells Altersstruktur, Bildungsstand und Einkommen der Bevölkerung Deutschlands bis zum Jahr 2050. Dabei zeigte sich, dass er Rentnerquotient, d.h. das Verhältnis der Rentner zur Bevölkerung zwischen 18 und 65 Jahren, von aktuell rund 30 Prozent in den nächsten 30 Jahren mit hoher Wahrscheinlichkeit auf über 50 Prozent steigen wird. Diese Entwicklung führt zu deutlich sinkenden Renten bei gleichzeitig steigenden Beiträgen für die Arbeitnehmer. Zwar wirken z.B. eine höhere Fertilität und die Anpassung des Rentenalters für die Sozialsysteme entlastend, in fast keiner der Simulationsrechnungen kann jedoch durch diese Maßnahmen eine deutliche Absenkung des Rentennvieaus verhindert werden. Größere entlastende Effekte sind vor allem durch ein solides Wirtschaftswachstum in den nächsten Jahrzehnten möglich, auch Migration spielt eine wichtige Rolle. „Ohne einen positiven Einwanderungssaldo von etwa einer halben Millionen pro Jahr könnte der Rentnerquotient sogar auf über 60 Prozent steigen mit den entsprechenden Auswirkungen für unsere Sozialsysteme.“ betont Karsten Reuß. Da Migration in jüngeren Altersgruppen überdurchschnittlich verbreitet ist, stärkt sie mittelfristig die Zahl der Erwerbstätigen und reduziert so den Rentnerquotient. Dies führt jedoch noch nicht zwangsläufig zu einer Stabilisierung der Sozialsysteme und der Rentenhöhe. “Entscheidend ist das bereits vorhandene Bildungsniveau und die erfolgreiche Integration der Menschen in das Bildungssystem und den Arbeitsmarkt“, betont Karsten Reuß, „dann kann Immigration langfristig das Sozialsystem stärken“, der die Effekte unter anderem für die Deutsche Rentenversicherung untersuchte.

Für diese erfolgreiche Integration ist Bildung unabdingbar. “Bildung“ ist dabei nicht auf einen Lebensabschnitt beschränkt, sondern erstreckt sich über das ganze Leben. Sie beginnt mit frühkindlicher Bildung, geht über die Schule, die Berufsorientierung und –ausbildung bis hin zur Hochschulbildung. Auch während des Arbeitslebens werden ständig neue berufsspezifische Fähigkeiten erworben, die einen wichtigen Beitrag für die Wirtschafts- und Innovationskraft Deutschlands leisten. Bildung ist auch nicht auf einen Ort beschränkt, sie findet überall statt, sowohl im familiären Umfeld, bei Freunden, in der Schule, der Universität und im Unternehmen. Vor allem in frühen Lebensphasen kommt dem sozioökonomischen Umfeld, in dem die Kinder aufwachsen, die größte Bedeutung zu.

Am größten sind die Erträge jedoch in der frühen Kindheit, wie Karsten Reuß und Friedhelm Pfeiffer z.B. in der Studie „Human Capital Investment Strategies in Europe“ für unterschiedliche europäische Länder zeigten. Hier trifft das Sprichwort zu „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“. Vor allem die kognitiven Fähigkeiten werden stark von dem sozioökonomischen Umfeld in der frühen Kindheit geprägt. „Wenn die Schulzeit beginnt, ist ein Großteil der kognitiven Fähigkeiten bereits angelegt“, sagt z.B. Karsten Reuß. Kognitive Fähigkeiten umfassen dabei u.a. Intelligenz, Reaktionsgeschwindigkeit und sprachliche Fähigkeiten. Zu den wichtigen Instrumenten der frühen Förderung gehören unter anderem Familienhebammen, die junge Familien weit über die Zeit des Wochenbetts hinaus begleiten. „Gerade bei Familien aus schwierigen Verhältnissen kann hier besonders viel bewegt werden, indem vorhandene Defizite kompensiert werden“, erklärt Karsten Reuß. Die Frühförderung ist daher nicht nur ein wichtiges Instrument, um sozial schwache Familien in Deutschland zu unterstützen und so langfristig die Bildungs- und Lohnungleichheit zu verringern, sie kann auch eine wirkungsvolle Maßnahme sein, um z.B. Kleinkinder in traumatisierten Flüchtlingsfamilien zu unterstützen. Auch wenn die Volkswirtschaft oft nicht unmittelbar in Form von Wirtschaftswachstum durch die Frühförderung profitiert, zahlt sich die Unterstützung dieser Kinder langfristig und dauerhaft über Jahrzehnte hinweg für die Gesellschaft in großem Umfang aus.

In späteren Abschnitten der Kindheit und Jugend können vor allem nichtkognitive Fähigkeiten effektiv gefördert werden, da diese sich bis oft in das Erwachsenenalter verändern. Hierzu zählen unter anderem Motivation, Gewissenhaftigkeit, Selbstdisziplin und soziale Fähigkeiten. Für die Schulleistung und den Erfolg im Berufsleben spielen sie eine ähnlich wichtige Rolle wie die kognitiven Fähigkeiten (siehe z.B. „Age-Dependent Skill Formation and Returns to Education: Simulation Based Evidence“. Im Gegensatz zur Frühförderung haben Maßnahmen im jugendlichen Alter einen unmittelbaren Effekt auf den Arbeitsmarkt.

Zu Beginn wurde bereits die immer weiter steigende Lohnungleichheit in Deutschland angesprochen. Diese führt dazu, dass nur ein Teil der Gesellschaft von Wachstum und Innovationen profitiert. Dabei besteht gleichzeitig das Risiko, dass sich soziale Spannungen verstärken. Neben der sinkenden Zahl nicht-tarifgebundener Arbeitsverhältnisse und einer Zunahme der Anzahl älterer Arbeitnehmer, die eine höhere Lohnspreizung aufweisen, liegen die Gründe auch in den Anlagemöglichkeiten an den Finanzmärkten, die es wohlhabenden Menschen durch stetige Kapitalerträgen eher ermöglichen, ihr Vermögen zu vermehren. Ein weiterer wichtiger Grund ist jedoch der technologische Wandel, der vor allem mit Blick auf die IK-Technologien die Bildungsredite von Hochqualifizieren erhöht hat. Daher spielt auch für die Bekämpfung von Einkommens und Lohnungleichheit Bildung eine wichtige Rolle. Richtet sich Bildungspolitik aber ausschließlich auf die Ziele „Wirtschaftswachstum“ und „Innovationskraft“ aus, können laut Karsten Reuß gleichzeitig trotzdem Bildungs- und Lohnungleichheit sowie soziale Disparitäten weiter wachsen, was zu neuen gesellschaftlichen Problemen führen kann. Ökonomen verwenden daher oft gesellschaftliche Wohlfahrtsfunktionen als Zielgröße, die sowohl die Summe aller Einkommen als auch ihre Ungleichheit berücksichtigen.

In seiner Dissertation "Age-dependent Human Capital Investments and Socio-Economic Outcomes" fand Karsten Reuß unter Verwendung einer gesellschaftlichen Wohlfahrtsfunktion unter anderem heraus, dass bis zu einem Alter von 17 Jahren Bildung die effektivste Maßnahme darstellt, um gesellschaftliche Ungleichheit zu reduzieren. Ab einem Alter von 17 Jahren sind monetäre Transfers besser geeignet. Am effektivsten kann die Ungleichheit dabei durch gezielte Bildungsinvestitionen in benachteiligte Kinder im vorschulischen Alter erreicht werden. Dabei sollten jedoch Kinder aus guten Verhältnissen nicht benachteiligt werden, indem sie aufgrund knapper Ressourcen weniger gefördert werden. Die Hauptursache für dieses Ergebnis ist, dass vor allem die ersten Jahre des Lebens für die Entwicklung von Fähigkeiten besonders relevant sind und frühe Bildungsinvestitionen die größten Erträge bringen, so die Aussagen von Karsten Reuß. Da vor allem Kinder aus schwierigem sozioökonomischem Umfeld hier Nachteile haben, zahle sich eine frühe Förderung dieser Kinder für die Gesellschaft am stärksten aus.

Diese Ergebnisse sind auch vor dem Hintergrund der aktuellen Flüchtlingskrise relevant: Will Deutschland langfristig von der Einwanderung profitieren, sollten nicht nur erwachsene Migranten in den Arbeitsmarkt integriert, sondern auch die Bildung ihrer Kinder möglichst früh gefördert werden. Dabei hängt beides natürlich eng zusammen: Haben die Eltern ein stabiles Einkommen, verbessern sich meistens auch die Lebensbedingungen für ihre Kinder. Neben der Reduktion der Ungleichheit, führen diese Maßnahmen wie oben dargestellt natürlich auch zu mehr Wirtschaftswachstum und einer signifikanten Entlastung der Sozialsysteme.

Neben aktiven Bildungsmaßnahmen ist es wichtig, auch in Zukunft in ausreichendem Maße hochqualifizierte Arbeitskräfte anzuwerben oder auszubilden, qualifizierte junge Menschen zu halten und gleichzeitig ein Anziehungspunkt für Fachkräfte zu sein. So geht aus den Daten des Datensystems „Auszubildende des Bundesinstituts für Berufsbildung“ hervor, dass die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge in einigen Regionen Deutschlands dramatisch zurückgeht. Karsten Reuß, der am Sächsischen Technologiebericht 2015 mitwirkte, hat die Situation speziell für Sachsen und die neuen Bundesländer untersucht. Der Bericht wurde im Auftrag des Sächsischen Staatsministeriums für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr erstellt und beschreibt anhand von etwa 250 Indikatoren die Entwicklung des Innovationsgeschehens in Sachsen in den letzten Jahren. Hierbei zeigt sich, dass die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge in Sachsen und den übrigen neuen Ländern seit dem Jahr 2000 um mehr als 50 Prozent zurückgegangen ist, obwohl die Zahl ausbildungsberechtigter Betriebe leicht zugenommen hat. In den alten Bundesländern ist dieses Phänomen dagegen nur schwach ausgeprägt. Gründe für die Entwicklung in Ostdeutschland liegen vor allem in den stetig sinkenden Jahrgangsstärken der jungen Alterskohorten als Folge der Wiedervereinigung, Abwanderung und des demografischen Wandels sowie kontinuierlich steigenden Studienanfängerquoten. Beide Phänomene in Kombination verstärken zunehmend den Fachkräftemangel in einigen Branchen, vor allem im MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik). Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung ist es von herausragender Bedeutung für die Wirtschaft der betroffenen Regionen, neue Arbeitskräfte anzuwerben, auszubilden und gleichzeitig qualifizierte junge Menschen zu halten. Auch in diesem Fall kann die aktuelle Flüchtlingskrise trotz der Herausforderungen und nötigen Anstrengungen helfen, mittelfristig kritische Engpässe im Ausbildungsmarkt zu schließen und so einen tiefgreifenden Fachkräftemangel in Deutschland zu verhindern. Grundvoraussetzung ist auch hier Bildung und eine erfolgreiche Integration in das duale Ausbildungssystem. Die duale Berufsausbildung in Deutschland gilt dabei weltweit als Erfolgsmodell, beruflich gebildete Fachkräfte werden genauso gebraucht wie Lehrer, Ingenieure oder Ärzte. Umso wichtiger ist es, dass dieses Erfolgsmodell auch in Zukunft nicht an Bedeutung verliert.

Bei allen Bildungs- und Integrationsmaßnahmen sollten stets die spezifischen Stärken und Schwächen der Regionen berücksichtigt werden. Im internationalen Wettbewerb haben Regionen vor allem dann gute Chancen, wenn sie ihre Spezialisierungsvorteile kennen und für sich zu nutzen wissen. Vor diesem Hintergrund werden für die „Smart Specialisation“-Strategie der Europäischen Kommission die Spezialisierungsvorteile von allen Regionen Europas identifiziert. Karsten Reuß, der unter anderem am „Entwurf einer Regionalen Forschungs- und Innovationsstrategie für intelligente Spezialisierung für Thüringen – RIS3 Thüringen“ im Auftrag des Thüringer Ministeriums für Wirtschaft, Arbeit und Technologie beteiligt war, erklärt „Für Thüringen konntenbeispielsweise die Spezialisierungsfelder „Industrielle Produktion und Systeme“, „Nachhaltige und intelligente Mobilität und Logistik“, „Gesundes Leben und Gesundheitswirtschaft“, „Nachhaltige Energie und Ressourcenverwendung“ identifiziert werden“. Dabei wurden neben Experteneinschätzungen zahlreiche volkswirtschaftliche und technologische Indikatoren ausgewertet.“ In diesen Spezialisierungsfeldern sind oft große Innovations- und Beschäftigungspotenziale vorhanden, daher weißt die Generierung von Wissen hier besonders große Erträge auf. Zu den möglichen Maßnahmen zählen beispielsweise die engere Vernetzung von Hochschulen und Unternehmen.

Insgesamt kann festgehalten werden, dass Bildungspolitik eng mit Integrationspolitik, Rentenpolitik, Familienpolitik sowie Technologie- und Innovationpolitik verknüpft ist. Zwar stellen die aktuellen Entwicklungen Deutschland vor große Herausforderungen, doch bieten sie auch Chancen. Bildung ist dabei ein essentieller Faktor zur Problemlösung, nicht nur, weil Wissen die wichtigste wirtschaftliche Ressource Deutschlands darstellt, sondern auch mit Blick auf die Belastung der Sozialsysteme durch den demografischen Wandel, die Integration einer großen Zahl von Migranten und die wachsende Einkommensungleichheit.

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