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VIII. Gerontopsychiatrisches Symposium im Klinikum Wahrendorff

29.04.201610:57 UhrWissenschaft, Forschung, Bildung
Bild: VIII. Gerontopsychiatrisches Symposium im Klinikum Wahrendorff
Referenten und Gastgeber (Foto: Joachim Giesel)
Referenten und Gastgeber (Foto: Joachim Giesel)

(openPR) Das Altern ist ein höchst individueller Prozess, aber Tanzen hilft

Sehnde / Köthenwald, 29. April 2016

Prof. Dr. Marc Ziegenbein, seit 1. April neuer Ärztlicher Direktor und Chefarzt am Klinikum Wahrendorff und Oliver Rosenthal, Leitender Arzt der Abteilung Seelische Gesundheit, konnten in der letzten Aprilwoche 230 Teilnehmer beim VIII. Gerontopsychiatrischen Symposium im Klinikum Wahrendorff in Sehnde begrüßen. Die Vorträge waren allesamt wissenschaftlich fundiert und pointiert vorgetragen. Das wunderte nicht, denn es hatten sich fachlich ausgewiesene Referenten im Klinikum Wahrendorff eingefunden, die zur „Crème de la Crème“ der deutschen Alternsforschung zählen.


Über allen Vorträgen stand die Frage „Das Alter als Behinderung?“ Diskutiert wurde unter reger Teilnahme des Fachpublikums über Entwicklungsmöglichkeiten und Grenzen des Alterns.

Krankheit, nachlassende Leistungsfähigkeit, Endlichkeit und Endgültigkeit sind ein fester Bestandteil des menschlichen Lebens. Gerade das hohe Alter konfrontiert den Menschen mit diesen Grenzen. Jedoch ist es nicht ausschließlich durch diesen Defizitgedanken geprägt. „Die Herausforderungen des Alterns können ebenso Anlass für Entwicklungsmöglichkeiten sein, die sowohl für den Menschen selbst als auch für die Gesellschaft eine Bereicherung darstellen“, so Rosenthal in seinen einladenden Worten.

Die Referenten näherten sich den Grenzen und Entwicklungsmöglichkeiten aus biologischer, medizinischer und ethischer Perspektive und machten darauf aufmerksam, dass auch im hohen Alter ein gutes und gelingendes Leben möglich ist.
Prof. Dr. med. Wolfgang Renteln-Kruse, Chefarzt der Medizinisch-Geriatrischen Klinik am Albertinen-Haus und Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Universität Hamburg und Leiter der Geriatrischen Forschungsabteilung, Hamburg, brachte umfassende Studienergebnisse zu den Themen Ressourcen und Risiken der Hochaltrigkeit mit nach Sehnde. Dabei räumte er mit falschen Assoziationen zum Alter auf, die zu einer Altersdiskriminierung in unserer Gesellschaft führen. Die Ansicht, Alte seien gebrechlich und tragen nicht zum Bruttosozialprojekt bei, ist weit verbreitet, ebenso wie die Vorstellung, dass Alter automatisch mit Pflegebedürftigkeit verbunden sei. „Das ist Quatsch“, führte Renteln-Kruse aus und brachte umfassendes Datenmaterial aus der zweitgrößten Stadt Deutschlands mit knapp 1,8 Millionen Einwohnern mit. Trotz demographischen Wandels seien in Hamburg nur 3 % der Gesamtbevölkerung pflegebedürftig. „Und dies geht auch erst in der achten Dekade los. Die Mehrheit ist nicht pflegebedürftig.“

In Anlehnung an die Wohlstandsagenda 21 „Gut leben statt viel haben“ von Prof. Horst W. Opatschowski, Zukunftswissenschaftler, formulierte Renteln-Kruse folgende Thesen:
- Gesundheit wird zum Megamarkt. Bis ins hohe Alter gesund und geistig fit bleiben, wird zur wichtigsten Leitlinie persönlichen Lebens.
- Wer sich nicht sozial verhält, setzt sein Leben aufs Spiel. Wer sich um andere sorgt, lebt länger.
- In der Zukunft leben mehr Menschen im Alter daheim als im Heim. Die Menschen altern gesünder. Sie wollen mehr Servicewohnen als Heim.
- Der Generationenkrieg fällt aus. Generationenbeziehungen werden wichtiger als Partnerbeziehungen. Sie halten ein Leben lang.

„Was vom Leben bleibt sind Familie und Freunde – that‘ s it!“, schloss Renteln-Kruse ab.

Was aber sind die Ursachen des Alterns? Dieser Frage ging Prof. Dr. rer. nat. Andreas Simm, Forschungsleiter der Klinik für Herz- und Thoraxchirurgie des Universitätsklinikums Halle (Saale), Past-Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie (DGGG) in seinem kurzweiligen Vortrag nach. „Biologisches Altern ist durch die allmähliche Akkumulation von molekularen und zellulären Defekten charakterisiert. Eine wichtige Ursache dafür ist Stress, z. B. oxidativer oder glykotoxischer Stress. Gene, die Langlebigkeit beeinflussen, sind häufig mit der Regulation der zellulären antioxidativen Abwehr und/oder mit Reparatursystemen assoziiert“, führte Simm ein. In Kombination mit dem altersabhängigen Nachlassen der Abwehr- und Reparatursysteme führen Schädigungen zu einer sogenannten gestörten Homöostase und damit zu Alterung und Erkrankungen.
Anschaulich verdeutlichte Simm die Vor- und Nachteile von Altersmechanismen. So sei es grundsätzlich möglich, mit Stammzellen das Leben um ein Vielfaches zu verlängern, zugleich wird damit aber auch der beste Tumorabwehrmechanismus außer Kraft gesetzt.
Simm stellte vereinfacht dar, wie intensiver Stress Alterungsprozesse beschleunigt, milder Stress sich positiv auf die Lebensspanne auswirken kann. Die vielfach propagierte Zusatzeinnahme von Vitaminen (z. B. Vitamin E + C) hilft in der Vorsorge gegen das biologische Altern nicht. Aktivität jedoch ist immer gut. Dabei ist die Auswahl der passenden individuellen Sportart von besonderer Bedeutung.
Die Individualität des Einzelnen zeichnete somit den Bogen über alle Vorträge. „Wir sind einmalige Individuen, bei aller Reproduzierbarkeit“, philosophierte Prof. Dr. phil. Thomas Rentsch, Professor für Praktische Philosophie und Ethik, von der Technischen Universität Dresden. Er kritisierte die negative ideologische Sicht auf das Alter und plädierte für eine Erziehung zum ganzen Leben. „Die gesellschaftliche Diskussion des Alterns muss bereits in der Schule eingeführt werden.“ Denn das Leben bringt den Tod mit sich und Leben lernen heißt auch Sterben lernen. Die Auf- und Abspaltung von Lebensbereichen bezeichnete er als Grundfehler des Denkens. Und er rief zwingend dazu auf, die Pflege und Begleitung von alten Menschen aufzuwerten.

Prof. Dr. med. Christian Winkler, Chefarzt der Neurologie vom Krankenhaus Lindenbrunn in Coppenbrügge, zeigte abschließend am Beispiel der Parkinsonkrankheit individuelle Möglichkeiten der Altersrehabilitation auf. „Denn jeder Patient hat andere Wünsche und das zunächst Sichtbare muss nicht das entscheidende Problem sein.“

Dabei zeigen Studien den Trend, dass eine kontinuierliche Arbeit, die durchaus in den Bereich der individuellen Erschöpfung gehen kann, deutlich hilfreicher ist. Einmalige Trainings helfen nicht.
„Bei aller Anstrengung darf Reha Spaß machen“, so Winkler. So schaffen computergestützte Bewegungsspiele wie Basketball, Tischtennis und Bogenschießen bei wenig beweglichen Patienten, insbesondere auch über 80 Jahren, eine deutlich verbesserte Aufmerksamkeit.

In einem waren sich Neurologen, Biologen und Mediziner einig: So individuell der Alterungsprozess ist, Tanzen ist für jeden gut.

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