(openPR) Wie lässt sich die Ausgangssituation skizzieren? – Allerorten ist bekannt, dass das weltweit als mit-unter teuerste aber auch ineffiziente bestehende System der gesundheitlichen Versorgung mit einem bisher eingeschränkten Verständnis von „Gesundheit“ mangels Kapazitäten und finanzieller Ressourcen, nicht mehr unverändert fortgeschrieben werden kann. Auch ist in vielen Fällen unklar, ob das „absolute Niveau der Bedarfsgerechtigkeit bzw. -notwendigkeit“ überhaupt richtig ist. Zu den Hauptursachen der heraufziehenden Unterversorgung gehört, dass gesundheitliche Versorgung oft nur mit medizinischer Versorgung, d.h. letztendlich Reparaturmedizin, gleichgesetzt wird, sprich mit dem „Beheben“ gesundheitlicher Probleme durch die klassischen Akteure wie niedergelassene Ärzte, Kliniken, Reha-Einrichtungen, Apotheken, Sanitätshäuser, Heilmittelerbringer usw.
Die Akteure, einschl. der zunehmend überalterten Landärzteschaft, sind bereits heute an ihren Kapazitätsgrenzen angelangt. Die Millionen Flüchtlinge binden zusätzliche Ressourcen und werfen alle bisherigen Versorgungsplanungen „über den Haufen“. Gleichzeitig ist die Attraktivität von großen Ballungsräumen bei medizinischen Akteuren, gerade bei jungen Ärzten, ungebrochen. Nüchtern betrachtet, kann an den sich in mehreren Jahrzehnten verfestigten Strukturen des staatlichen Gesundheitssystems auf Gemeinde- bzw. Landkreisebene auf absehbare Zeit kaum Wesentliches verändert werden. Daran ändern auch die Aktivitäten der mittlerweile bundesweit über 90 staatlich-induzierten Gesundheitsregionen (von fast 200 insgesamt) oder das 30 Jahre alte Gesunde-Städte-Netzwerk nur wenig.
Welche Initiativen können also Kommunen ergreifen um den ländlichen Raum als attraktive Standorte für Familie, Wohnen und Arbeiten zu erhalten bzw. auszubauen? – Hier bieten zahlreiche Gesundheitsexperten wie z.B. Ilona Kickbusch (Die Gesundheitsgesellschaft, 2. Aufl. 2014) Ansatzpunkte. Sie postulieren, dass das Gesundheitswesen mittlerweile zum Nebenschauplatz geworden ist und die heraufziehenden Herausforderungen ohne Eigenverantwortung der Bürger nicht mehr zu lösen sind. Damit stehen die Chancen, die in einem ganzheitlichen Gesundheitsverständnis der Bevölkerung als Dimension der Zukunft liegen im Mittelpunkt. Sie müssen erkannt, benannt und aufgegriffen werden. Gesundheit im ganzheitlichen Sinne umfasst neben der „Behebung“ von Leiden und gesundheitlichen Krisen auch alle Maßnahmen zur intensiven und erfolgreich „vorgeschalteten“ Gesundheitsvorsorge und Prävention gerade auch außerhalb der Medizin.
Zahlreiche Bürgermeister und (politisch) Verantwortliche haben bereits erkannt, dass dazu insbesondere das Gesundheitsangebot aus dem Zweiten Gesundheitsmarkt (Markt der Anbieter, deren Gesundheitsdienstleistungen von i.d.R. gesunden Verbrauchern bzw. von den Arbeitgebern selbst bezahlt werden) gehört. Zu den Anbietern gehören u.a. Heilpraktiker, Naturheilkundler, Ernährungsberater, Berater zum Thema „Gesundheit im Betrieb“ (BGM), die Branchen Fitness, Sport, Bewegung und seelische Gesundheit, aber auch Bereiche wie Alternative Medizin und Traditionelle Chinesische Medizin (TCM), um nur einige anzuführen.
Was ist der Kern der Herausforderung? – Der Wertbeitrag dieser Anbieter aus dem Zweiten Gesundheitsmarkt zur gesundheitlichen Versorgung muss mehr als bisher auf lokaler Ebene erkannt, kommuniziert und genützt werden. Deren Angebot und die Anbieter selbst sind in den Kommunen und Landkreisen transparent zu machen und das bisher nur auf das tradierte Gesundheitswesen ausgerichtete Verständnis staatlicher Daseinsvorsorge zu ergänzen. In Rede stehen hier nicht nur die kostenseitig vom Bürger eigenverantwortlich in Anspruch zu nehmende Gesundheitsversorgung aus dem Zweiten Gesundheitsmarkt sondern auch die Integration bereits vorhandener Vereine und Freizeitgruppen.
Im Sinne eines ganzheitlichen, d.h. auch psycho-sozialen Gesundheitsverständnisses, das Körper, Geist, Seele und gesundes soziales Umfeld einschließt, gehören hier z.B. Theater- und Musikvereine usw. ebenso dazu wie Sportvereine. Hier bieten sich gerade den Verantwortlichen im ländlichen Raum Chancen, die weit über die Möglichkeiten von Verantwortungsträgern im großstädtischen Raum hinausgehen. Voraussetzung für das Gelingen ist jedoch die Kommunikation eines anderen, eigenverantwortlichen Gesundheitsverständnisses. Damit wird der Druck auf die zunehmend an die Grenzen stoßende medizinische Versorgung bereits durch das quasi (kostengünstigere) „Vorfeld“ deutlich reduziert.
Welche Rolle können die Kommunen auf dem Lande dabei übernehmen? – Die Kommunen können sich als Partner der Unternehmen aus dem gesamten Gesundheitsmarkt positionieren und beim Aufbau von lokalen bzw. regionalen Gesundheitsnetzwerken mitwirken, die z.B. eigenverantwortlich Gesundheitszentren mit Anbietern aus dem Gesundheitswesen (Erster Gesundheitsmarkt) und Zweiten Gesundheitsmarkt als Zukunftsmodell betreiben. Für die Mobilisierung und Integration eines solchen ganzhaften Gesundheitsangebots werden die Kommunen für Konzepterarbeitungen, Sichtbarmachung, Kommunikation, Moderation, Implementierung und Akzeptanzsicherung umfangreiche finanzielle Mittel einsetzen müssen.
Wie kann ein solcher Prozess angestoßen und realisiert werden? – Sicherlich mit einer wert- und vorurteilsfreien Bestandsaufnahme aller lokalen bzw. regionalen Gesundheitsanbieter sowie der bestehenden gesundheitsrelevanten Vereins- und Verbandsstrukturen. Dieses Ergebnis ist hinsichtlich seiner Inanspruchnahme, Wirksamkeit (Wertbeitrag), Nachhaltigkeit und Effizienz zu reflektieren. In einem Folgeschritte sind Modelle einer ganzheitlichen Versorgung zu entwickeln, zu diskutieren und die notwendigen Maßnahmen zur Entlastung der Praxen einschl. der Landärzte und stationären Anbieter und für ein verstärktes vorbeugendes Einbinden des in die Zukunft gerichteten Gesundheitsangebots auch außerhalb der Medizin zu entwickeln.
Dass für einen solchen zukunftsweisenden Ansatz eine Menge an Überzeugungsarbeit geleistet werden muss, darf dabei nicht verschwiegen werden: Es gilt von alten Gesundheitsvorstellungen und wer dafür zuständig ist, Abschied nehmen. Positiv wirkt sich dabei sicherlich das sich bereits ändernde Gesundheitsbewusstsein der Bevölkerung aus, das den Zweiten Gesundheitsmarkt zu einem der am schnellsten wachsenden Märkte überhaupt macht. Auch werden die dazugehörigen Veränderungsprozesse und die Einbindung der vielen „Einzelkämpfer“ (besonders aus dem Zweiten Gesundheitsmarkt) in solche stabilen und nachhaltigen Versorgungskonzepte einige Zeit in Anspruch nehmen. Um ein reibungsloses Anstarten zu ermöglichen, sind operative Netzwerk-Organisatoren für ein solches Vorgehen zu gewinnen. Diese bringen auch die Erfahrung mit, die unterschiedlichen Nutzenerwartungen aller Akteure bestmöglich zu integrieren.













