(openPR) „Energie sparen – Ressourcen nutzen“ – unter diesem Motto stand ein Seminar, zu dem das ‚Kompetenzzentrum Ernährung‘ (KErn) am 17. Februar 2016 ins bayerische Landwirtschaftsministerium eingeladen hatte. In seinem Grußwort präsentierte der Hausherr, Staatsminister Helmut Brunner, kaum zu glaubende Erkenntnisse aus der Studie
‚Potenziale zur Energieeinsparung durch Vermeidung von Lebensmittelverschwendung‘.
Lebensmittel, mit denen man 73.000 Lkw voll beladen könnte, werden jährlich in Bayern weggeworfen. In Energie umgerechnet sind das 4.000 Gigawattstunden. Mit dieser Energie, so referierte Helmut Brunner, wären die Städte Würzburg, Fürth und Erlangen ein Jahr lang energieautark. In diese Rechnung gehe jeder Energieeintrag in den einzelnen Stationen der Herstellung eines Lebensmittels ein. Bis beispielsweise ein Laib Brot auf unserem Frühstückstisch liege, seien viele Produktionsschritte und –prozesse nötig, die alle Energie und weitere Ressourcen wie Wasser und Flächen beanspruchten: Getreide anbauen, ernten und mahlen, den Teig herstellen und backen, die fertigen Brote verpacken über den Transport in die Filialen bis hin zum Einkauf durch den Verbraucher. Nehme man nun all die in Bayern in Form von Lebensmitteln praktisch weggeworfene Energie zusammen und errechne den Preis dafür, komme man auf jährlich 100 Billionen Euro.
Den Vorteil einer Monetarisierung der Lebensmittelverluste sieht Minister Brunner darin, dass die Kosten der Verschwendung bzw. umgekehrt die Einsparungsmöglichkeiten für die Akteure der Lebensmittelkette auf jeder Stufe ganz konkret würden. Die einzelnen Akteure könnten so finanziell abschätzen, ob sich neue Wege und Verfahren wirtschaftlich rechneten.
Die mit Abstand meisten Lebensmittel werden in den privaten Haushalten weggeworfen. Was in deren Müll landet, hat bereits alle Verarbeitungsschritte durchlaufen und trägt die entsprechende Energie quasi in sich. Daran denkt kaum jemand. Der Kühlschrank soll immer gut gefüllt sein mit einer reichhaltigen Auswahl an Produkten.
Wer planlos einkauft, wird vieles aus seinem Kühlschrank irgendwann entsorgen. Obwohl so manches Lebensmittel noch genießbar wäre – auch nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums. Kein Problem, wo Nase und Augen nichts Auffälliges bemerken. Anders beim Mindestverzehrdatum, das in der Regel bei Fleischprodukten aufgedruckt ist. Abgelaufenes Fleisch ist vor der Tonne nicht zu retten. (Vgl. dazu die Lawiki.bayern-Stichworterläuterung im Video „Haltbarkeitsdatum bei Lebensmitteln“)
Frischeprodukte immer in der richtigen Menge vorrätig zu haben, ist auch für den Lebensmittelhandel eine große Herausforderung. Darauf machte Prof. Dr. Diane Ahrens, Leiterin des Campus Grafenau für angewandte Forschung in den Bereichen Supply Chain Management und Big Data Analytics an der Technischen Hochschule Deggendorf, aufmerksam. Die Kunden würden immer anspruchsvoller und hielten es für selbstverständlich, auch zum Beispiel leicht verderbliche exotische Früchte noch kurz vor Ladenschluss im Sortiment der Lebensmittelhändler zu finden. Diese stünden vor der Aufgabe, so viel zu bevorraten, dass die Regale nicht leer seien, andererseits solle aber auch nichts weggeworfen werden - ein Spagat zwischen Fehlmengen und Lebensmittelverlusten. Erfahrene Disponenten wüssten damit meist umzugehen. Ihre Urlaubsvertretung sei jedoch schnell überfordert. Für alle Disponenten schwer zu kalkulieren seien Feiertags- und Werbeeinflüsse.
Wie Prof. Ahrens berichtete, sei sie deshalb zusammen mit ihren Studenten daran gegangen, ein Warenwirtschaftssystem zu entwickeln, das die Händler künftig unterstützen solle. Gefördert vom bayerischen Landwirtschaftsministerium und dem Lebensmitteldiscounter NORMA seien für unterschiedliche Kategorien von Frischeprodukten relevante Einflussfaktoren auf die Abverkäufe erfasst worden. Außerdem habe man anhand realer Daten aus NORMA-Filialen verschiedene Prognoseverfahren getestet, von klassischen Zeitreihenverfahren bis hin zu Verfahren aus dem Bereich der künstlichen Intelligenz.
Aus diesen Erkenntnissen habe man ein innovatives Modell für die Prognose der Abverkäufe entwickelt, das selbst Sortiment- und Wettereffekte adäquat erfasse. Unter Berücksichtigung von Produkthaltbarkeit, Bestell- und Lieferzyklen seien geeignete Dispositionsverfahren für verschiedene Produktklassen konzipiert worden. Die Verfahren seien in eine teilautomatisierte App-Lösung integriert worden, die für Filialleiter bzw. Disponenten nach Eingabe der Restbestände einen Bestellvorschlag generiere. Dieser könne übernommen oder abgeändert werden. In mehreren Testphasen sei in fünf Filialen getestet worden, welche Auswirkungen die Anwendung des Prototyps auf Fehlmengen und Lebensmittelverluste habe, und wie das Programm bei den Betroffenen ankomme. Die Ergebnisse dieser Testläufe seien sehr gut, so Prof. Ahrens. Die Wissenschaftlerin gab sich überzeugt, dass der Prototyp auch im Lebensmitteleinzelhandel funktionieren könne. Zwar wachse mit der Größe des Sortiments der Schwierigkeitsgrad bei der Disposition, weil dann sehr viele Spezialitäten in sehr kleinen Abverkaufsmengen täglich vorgehalten werden müssten. Nichtsdestotrotz seien ihre Ergebnisse für den Lebensmitteldiscounter auf die Situation im Einzelhandel zu übertragen. Das teilautomatisierte Warenwirtschaftssystem der Technischen Hochschule Deggendorf könne auch hier helfen, Lebensmittelverluste zu reduzieren.
Ein weiterer Bereich, in dem jeden Tag viel Essbares im Abfall landet, ist die Außer-Haus-Verpflegung. So schlummert etwa in Hotelküchen und Kantinen ein großes Potenzial, der Lebensmittelverschwendung und damit der Energieverschwendung zu Leibe zu rücken. Nur sei dies den Mitarbeitern in den Großküchen noch zu wenig bewusst, meinte Dipl.-Ing. Dominik Leverenz, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Abfallwirtschaft und Abluft an der Universität Stuttgart:
„Wenn die Mitarbeiter merken, wie hoch die tatsächlichen Mengen sind, dann tritt ein Denkprozess ein. Um aber dahin zu kommen, muss man als allererstes einmal anfangen, die Abfälle zu messen, zu wiegen und zu protokollieren.“
Dabei könnte künftig der „RessourcenmanagerFood“ ( = Resourcemanager-Food) zum Einsatz kommen – eine Waage, die mit einem an die jeweilige Einrichtung angepassten Computerprogramm gekoppelt ist. Dipl.-Ing. Gerold Hafner, Leiter des Arbeitsbereichs Ressourcenmanagement und industrielle Kreislaufwirtschaft an der Universität Stuttgart, zur Funktionsweise des Tools:
„Bevor ich etwas wegwerfe, stelle ich es kurz auf die Waage, habe dann eine vorkonfigurierte Nutzeroberfläche, tippe kurz drauf, was ich wegwerfe, an welcher Stelle und warum, und habe dann sofort ein Feedback. Ich habe eine Datenbank hinterlegt, die mir sofort sagt: Du wirfst jetzt gerade so und so viel Euro weg, Du hast gerade so und so viel Energie weggeworfen.“
Eine Computeranzeige, die mehr bewirken könnte als tausend mahnende Worte. Energie sparen durch weniger Lebensmittelverschwendung heißt für den bayerischen Landwirtschaftsminister Helmut Brunner vor allem Umdenken. Achtung vor Lebensmitteln möchte Brunner, der sich nach der laufenden Legislaturperiode wieder dem heimischen Bauernhof widmen will, schon bei den Kindern fördern . Sie sollten wissen, wie aus Gras Butter oder Käse werde, wie viel Mühe dahinter stecke, aber auch wie viele Ressourcen dabei eingebunden würden. Besonders freue es ihn, wenn sich die Kinder der Region immer öfter bewusst für Lebensmittel aus der Region entschieden und dann auch noch ihre Eltern von ihrer Präferenz überzeugten. Dann sei man auf der richtigen Spur.
Der Text wurde in Anlehnung an den Video-Bericht zur oben genannten Veranstaltung im bayerischen Landwirtschaftsministerium verfasst. Der Film ist abzurufen über das videogestützte Lexikonportal www.Lawiki.bayern













