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Pfefferspray - wirklich das neue Wundermittel?

17.02.201609:00 UhrFreizeit, Buntes, Vermischtes
Bild: Pfefferspray - wirklich das neue Wundermittel?
Foto: Johanna Bergmann
Foto: Johanna Bergmann

(openPR) Nach den massenhaft aufgetretenen Sexualstraftaten, Raubdelikten und Taschendiebstählen zur Silvesternacht in Köln und in anderen Bundesländern ist die Nachfrage nach Pfefferspray enorm angestiegen.

Pfefferspray gehört mittlerweile zu den als Wundermittel gepriesenen Mitteln der Selbstverteidigung. Aber Vorsicht: So einfach ist es nicht. Es lauern sowohl rechtlich als auch in der praktischen Handhabung einige Tücken, die man kennen muss, um sich nicht selbst strafbar zu machen oder in falscher Sicherheit zu wägen bzw. selbst in Gefahr zu bringen.

Prinzipiell bin ich gegen eine inflationäre, unprofessionelle Anwendung von Pfefferspray! Ein Haarlackspray oder Parfüm, aus nächster Nähe in die Augen eines Täters gesprüht – immer den Notwehr-Paragrafen beachten! -kann auch beträchtliche Wirkung erzielen. Wenn man es jedoch benutzt, muss man wichtige Regeln der Anwendung kennen und beherzigen!

Polizeibeamte wissen, dass Pfefferspray mitunter wirkungslos bleibt oder seine Wirksamkeit erst nach Minuten eintritt. Das bedeutet, dass ein Täter auch nach Einsatz dieses Mittels nicht immer sofort unschädlich gemacht wird, sondern noch lange auf ein Opfer einwirken kann, sei es durch Schläge und Tritte, Würgen oder Messerstiche. Versuche an gesunden, freiwilligen Probanden haben diese Tatsache bestätigt.
Ist man darauf gedanklich nicht vorbereitet und trainiert, kann eine Schockphase eintreten. Nicht etwa beim Angreifer, sondern beim Verteidiger!

Der österreichische Polizeitrainer Martin Hollunder untersuchte in einer wissenschaftlichen Arbeit den polizeilichen Einsatz von Pfefferspray gegen 352 gesunde und 47 psychisch kranke Personen. Der gewünschte Erfolg stellte sich nur bei 52,3 Prozent der Gesunden und 66 Prozent der Kranken ein. Keine Wirkung zeigte sich bei 8,5 Prozent der Kranken und 10,2 Prozent der Nichterkrankten. Hollunder schreibt des Weiteren, dass Pfefferspray gegenüber Menschen in Psychosen schlechter gewirkt habe und Kollegen deshalb länger auf den Sprühkopf gedrückt hätten.

Ganz wichtig zu wissen ist: Wird Pfefferspray gegen einen Menschen eingesetzt, muss man damit rechnen, dass anschließend ein Richter über die Verhältnismäßigkeit der Verteidigung befindet (rechtswidriger- gegenwärtiger Angriff muss erfolgen, zur Abwehr das mildesten Mittel einsetzen). Eine Frau, die sich damit erfolgreich gegen eine zusammengerottete Horde junger Männer wehrt, von denen sie sich belästigt fühlt, hat demzufolge bei dieser Bewertung bessere Karten, als ein kräftiger Mann, der bei einem eskalierenden Streit seinen Kontrahenten unter Anwendung von Pfefferspray „Schach Matt“ setzt. Deshalb darf dieses Spray keinesfalls „beliebig“ Anwendung finden. Grundsätzlich ist der Einsatz von Pfefferspray in Deutschland nur gegen angreifende Tiere gestattet. Allerdings muss niemand bei einer erheblichen Gefahr für Leib und Leben auf eine Notwehr, auch unter Anwendung von Pfefferspray, verzichten. Detaillierte Informationen zum Thema Notwehr - was ist angemessen, was erlaubt, was geht zu weit - gibt mein Buch „Ratgeber Gefahrenabwehr“.

- Hat man sich entschieden, ein Pfefferspray zu erwerben, ist es aus meiner Sicht ratsam, eine weitere Dose für ein Training ordern. Man darf jedoch niemals Tiere als „Trainingsobjekt“ benutzen. Vielmehr ist es sinnvoll, auf eine große Pappe einige Ziele (Kreis, Rechteck, Dreieck) in verschiedenen Höhen zu aufzeichnen. Dann kann man sich in unterschiedlichen Entfernungen davor aufstellen und einen Sprühstrahl auf eines der Figuren setzen. Ist man selbst eher „von der harten Sorte“, schadet es keinesfalls, sich anschließend dem Ziel vorsichtig zu nähern und das Pfefferspray zu „beschnuppern“. Damit bekommt man ansatzweise eine Vorstellung von dessen Wirkungsweise. Das ist eine präventive Maßnahme gegen einen allzu leichtfertigen Einsatz, der erhebliche rechtliche Folgen nach sich ziehen könnte.

- Die nächste Trainingsstufe ist der Einsatz des Reizstoffes im Stressfall. Das Spray muss in einer Bedrohungssituation schnell und zielsicher gegriffen werden. Hierzu sollte es immer am gleichen Ort mit sich geführt werden. Wer anfängt zu suchen, hat schon verloren und kann darauf gleich verzichten. Die rechte Gesäßtasche der Hose bei Männern, bei Frauen: Handtasche linkes Nebenfach, sind eine gute Idee. Dann wird das Spray wie auf Kommando (nach Möglichkeit durch Trainingspartner) schnell hervor gezogen und auf ein Ziel (Beispiel Dreieck) gesprüht.

- Auch kleine Rollenspiele („Täter, Opfer, Unbeteiligte“) kann sich hier jeder in Eigenregie aufbauen. Effektiver ist aber das praktische Training mit einer leeren Spraydose. Denn Sicherheit ist das oberste Gebot! Bei diesen Übungen geht es um eine schnelle Reaktionszeit bei der sicheren Handhabung des Sprays.

- Noch optimaler ist es, einen Lehrgang bei professionellen Trainern zur Gefahrenabwehr zu besuchen, in dem dieses Training ein Bestandteil sein kann. Auch nach dem Seminar müssen die Handgriffe von Zeit zu Zeit verfestigt werden, damit die Handlungssicherheit auch unter der Stresssituation einer Bedrohung automatisiert bleibt.

Wenn ein erfahrener Angreifer seinem Opfer das Spray gewaltsam entreißt und dieses damit einsprüht, ist der Abwehrzweck verfehlt. Auch ist es schon mehrfach vorgekommen, dass sich Personen selbst unbeabsichtigt damit geschädigt haben. Dringend warnen möchte ich vor einem Einsatz in geschlossenen Räumen oder gar Fahrzeugen. Das Training mit Pfefferspray sollte stets im Freien erfolgen. Die Windrichtung ist zu beachten! Sollte es dennoch unbeabsichtigt zu einem Unfall kommen, ist es wichtig, die Augen mit fließendem kaltem Wasser auszuspülen und die Kleidung zu wechseln. Ein Arzt ist normalerweise nicht notwendig, bei Panikattacken oder einem Schockzustand muss dieser jedoch sofort hinzugezogen werden. Ein Training darf nicht allein erfolgen.
Für weitere Fragen, Trainings etc. stehe ich gern zur Verfügung.

Der Artikel erhebt keinen Anspruch auf rechtliche Korrektheit und Richtigkeit. Das darin empfohlene Training erfolgt auf eine eigene Gefahr. Haftungsan-sprüche gegen mich sind ausgeschlossen.

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