(openPR) LIEBENAU – "Alles inklusiv?" – Zahlreiche Vertreter der kinder- und jugendpsychiatrischen Kliniken in Baden-Württemberg haben sich in Liebenau zum fachlichen Austausch bei Vorträgen und Workshops getroffen. Erstmals Gastgeber dieses Vierteljahrestreffens war die St. Lukas-Klinik der Stiftung Liebenau.
Alles inklusiv?
Im Mittelpunkt des Fachtages stand ein Themenbereich, für den die St. Lukas-Klinik besonders bekannt ist: die Therapie von lern- und geistig behinderten Kindern und Jugendlichen in den verschiedensten Settings. Das Spektrum reicht dabei von der vollstationären Behandlung über ambulante Angebote wie Ergotherapie, die Klinikschule, eine angegliederte zahnmedizinische Praxis bis hin zum Sozialtherapeutischen Heim.
"Alles inklusiv?", so lautete der Titel der Veranstaltung. Aber lassen sich Einrichtungen wie die St. Lukas-Klinik mit dem Anspruch der Inklusion überhaupt vereinbaren? Geschäftsführer und Chefarzt Sebastian Schlaich stellte in seiner Begrüßungsrede klar: Manchmal seien Behinderungen einfach so komplex, dass nur Spezialeinrichtungen bei der anspruchsvollen Betreuung und Therapie der betroffenen Personen in Frage kämen. "Wir sehen uns absolut nicht als Inklusionsverhinderer", wie Schlaich gleichzeitig betonte.
Besonderes Angebot: Eltern-Kind-Station
Das zeige insbesondere das "einzigartige" Angebot der inklusiven Eltern-Kind-Station in der St. Lukas-Klinik. In dieser kümmert sich ein Team aus Fachärzten, Therapeuten und Pflegekräften um Kinder mit und ohne Behinderung zwischen zwei und zwölf Jahren. Das Besondere: Die Sorgeberechtigten und auch die Geschwister werden mit aufgenommen und intensiv in die Behandlung eingebunden. Dadurch werden Konflikte entschärft und die oft brüchigen Familienverhältnisse stabilisiert. Ein weiterer Vorteil: Diagnosen können in diesem Umfeld früh gestellt, die richtigen Behandlungsschritte rechtzeitig eingeleitet werden.
Lernen, das Kind anders zu sehen
Einblicke in dieses "ganz besondere Arbeitsfeld" der Eltern-Kind-Station gab Oberärztin Katharina Kraft. Sie zeigte auf, unter welchen Belastungen die betroffenen Familien oft leiden, welche Herausforderungen es im Alltag etwa mit einem schwer verhaltensauffälligen Kind gibt und wie groß der Druck auf Eltern und Geschwister sein kann. Sie beschrieb aber auch, wie durch die inklusive, stationäre Eltern-Kind-Behandlung Fortschritte erzielt werden, wie die Eltern lernen, "ihr Kind anders zu sehen". Hier wirken erlebnispädagogische Angebote ebenso wie Gruppen- oder Kreativtherapie.
Auch andere Familien helfen
Orientierung, Halt und Unterstützung bieten die Therapeuten und Pädagogen der St. Lukas-Klinik vor Ort. "Aber ein Teil der Therapie findet ohne uns statt", wie Katharina Kraft betont. So spielen auch die anderen Familien auf der Station eine wichtige Rolle. Im Alltag erfahren betroffene Eltern oft Ausgrenzung oder stoßen auf Unverständnis. Hier treffen sie auf Menschen in einer ähnlichen Lage. So unterschiedlich die Patienten auch sind, so verschieden ist ihre soziale Herkunft. Laut Katharina Kraft gelte für alle dasselbe: "Unser Ziel ist es, die Familien zu befähigen, besser in ihrem Leben und Alltag klarzukommen."
Besonders von psychischen Störungen bedroht
Wie der Dipl.-Psychologe und Psychologische Psychotherapeut Stefan Meir berichtet, seien gerade Kinder und Jugendliche mit einer geistigen Behinderung besonders anfällig für die Entwicklung psychischer Störungen. "Menschen mit geistiger Behinderung haben insgesamt ein deutlich erhöhtes Risiko, psychisch zu erkranken." Warum das so ist? Oft sind diese Personen seit jüngster Kindheit geprägt von Fremdbestimmung, schwierigen sozialen Verhältnissen oder einer frühen Traumatisierung – Nährboden für Krankheitsbilder wie Schizophrenien, Bindungs-, Angst-, Ess- oder Schlafstörungen. Und nach den vielen, oft als belastend empfundenen Therapien, sind sie irgendwann schlicht behandlungsmüde.
Auch mal nein sagen dürfen
"Und sie haben schon oft die Botschaft bekommen, dass sie – so, wie sie sind – nicht okay sind", so Stefan Meir. "Deshalb ist es wichtig, ihnen von Anfang an Raum für Selbstbestimmung zu geben." Dazu gehöre, auch einmal nein sagen zu dürfen. Der Schwerpunkt der Psychotherapie liege in der St. Lukas-Klinik auf Interaktion – nach dem Motto: "Mehr aktives Erleben und Gestalten als nur reden!" Verhaltenstherapie, Gestalttherapie, Basale Stimulation – die Methoden sind vielfältig. Wichtig ist: Das Konzept muss stimmen. Schlecht abgestimmte Förderung oder Überförderung müsse vermieden werden, denn – so Meir: "Ein Zuviel des Guten ist auch nicht mehr gut."
Wie Medikamente wirken
In ihrem Vortrag "Neuropädiatrie meets Kinder- und Jugendpsychiatrie" schilderte schließlich Stefan Meirs Kollegin, Oberärztin Dr. Jutta Vaas, den konkreten Fall einer 18-Jährigen, bei der neuropädiatrische Diagnosen wie geistige Behinderung sowie Epilepsie mit psychiatrischen Diagnosen wie Ess- und Panikstörungen einhergingen. Dabei zeigte die Medizinerin auf, wie deutlich sich die medikamentöse Behandlung auf den Zustand der Patientin auswirkte. Und dass bestimmte psychische Störungen auch eine Folge der medikamentösen Epilepsiebehandlung sein könnten.
Workshops am Nachmittag
Vertieft wurden diese und weitere Themen bei zahlreichen Workshops unter fachlicher Leitung sowie Führungen durch die St. Lukas-Klinik.
Weitere Infos zur St. Lukas-Klinik der Stiftung Liebenau finden Sie unter www.st.lukas-klinik.de













