(openPR) LIEBENAU – Der Sozialbereich steht in Deutschland, aber auch international, vor großen Herausforderungen: Als Folge des demografischen und gesellschaftlichen Wandels geraten die sozialen Dienstleistungen und ihre bisherige Finanzierung zunehmend unter Druck. Im Rahmen der britischen G8-Präsidentschaft im vergangenen Jahr befasste sich ein internationales Expertengremium, die "Social Impact Investment Taskforce", mit diesem Thema. Auf nationaler Ebene wurden zudem so genannte National Advisory Boards (NABs) mit Vertretern aus der Sozialwirtschaft, Finanzwirtschaft, Stiftungen, Wissenschaft und öffentlicher Hand gegründet. Das Ziel: Innovative Finanzierungsinstrumente für die sozialen Dienstleistungen zu diskutieren und fundierte Empfehlungen abzugeben. Der Abschlussbericht des deutschen NABs liegt jetzt vor. Dr. Markus Nachbaur, Vorstand der Stiftung Liebenau, wirkte als einziger Vertreter der süddeutschen Sozialwirtschaft aktiv an den Empfehlungen mit und brachte das Know-how der Stiftung Liebenau ein.
Grenzen und Möglichkeiten
Die deutsche Expertengruppe setzte sich mit den Grenzen und Möglichkeiten neuer Finanzierungswege für den nationalen Sozialbereich auseinander. Sie ist zu dem Schluss gekommen, dass ein Schlüssel für die Bewältigung der zukünftigen Aufgaben darin liegt, verstärkt privates Kapital für die Sozialwirtschaft zu erschließen und wirkungsorientiert ergänzend zur bewährten Regelfinanzierung einzusetzen.
International wird diese Finanzierungsform unter dem Begriff "Social Impact Investments" (SII) diskutiert. In Deutschland setzt sich hierfür zunehmend die Bezeichnung "Wirkungsorientiertes Investieren (WI)" durch. Hierbei handelt es sich um private Kapitalanlagen, die, über die Rendite hinaus, festgelegte und nachweisbare positive soziale Wirkung erzielen sollen. SII kann vor allem dort zum Tragen kommen, wo ein gesellschaftlicher Bedarf besteht, aber keine Refinanzierung erfolgt. Im regelfinanzierten Sozialsystem spielen zum Beispiel Maßnahmen zur Prävention von Problemlagen, innovative Ideen, das Entwickeln von neuen Diensten und Angeboten bis dato kaum eine Rolle. Dabei lohnen sich solche Investitionen in die soziale Infrastruktur: "Einige unserer Projekte und verschiedene Regelangebote sind unterfinanziert. Wir engagieren uns jedoch trotzdem, weil wir von der Notwendigkeit und gesellschaftlichen Nachhaltigkeit überzeugt sind und es außerdem unserem Stiftungsauftrag entspricht", erläutert Dr. Markus Nachbaur, Vorstand der Stiftung Liebenau. Ein konkretes Beispiel hierfür sei die Netzwerkarbeit in Kommunen, wie die Gemeinwesenarbeit in den "Lebensräumen für Jung und Alt" der Liebenauer Altenhilfe.
Ergänzungen und Erweiterungen
Eines ist aber klar: "Bei WI geht es nicht um den Ersatz von bestehenden Finanzmitteln, sondern um Ergänzungen und Erweiterungen", betont Nachbaur. Die staatliche garantierte Daseinsvorsorge müsse unberührt bleiben. Nicht eine Privatisierung oder Kommerzialisierung sei die Lösung. Beim Austausch im internationalen Kontext sei es wichtig, auf die Besonderheiten und Stärken des deutschen Sozialsystems hinzuweisen, so Nachbaur. Grenzen und Möglichkeiten neuer Finanzierungsansätze - vor allem aus dem angloamerikanischen Raum - müssten offen, aber auch kritisch, auf ihre Übertragbarkeit für die deutsche Sozialstaatskultur diskutiert werden.
Der Expertenbeirat, der von der Bertelsmann Stiftung und dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung federführend geleitet wurde, stellte für Deutschland nicht, beziehungsweise nicht ausreichend, finanzierte Bereiche in der Altenhilfe sowie im (Aus-)Bildungsbereich fest. "Hier gibt es bereits Angebote, die auf ihre gesellschaftliche Wirkung hin wissenschaftlich untersucht sind. In vielen Fällen kommen sie jedoch hinsichtlich der Finanzierung nicht über die Phase der Modellförderung hinaus", so Nachbaur.
Neue Finanzierungsansätze erproben
Laut den Empfehlungen des NAB liegt der nächste Schritt darin, neue Finanzierungsansätze hierfür zu erproben und auf den Prüfstand zu stellen. Vorhandene Geschäftsmodelle könnten dann in Zukunft strategisch so ausgestaltet werden, dass Investoren hier einsteigen könnten. "Nach unseren Erfahrungen als großes Sozialunternehmen ist privates Kapitel am wirkungsvollsten in der Forschung und Entwicklung innovativer sozialer Dienstleistungen sowie für die Finanzierung von Gründungsvorhaben eingesetzt", lautet hier Nachbaurs Empfehlung.
Der Abschlussbericht der NAB finden Sie auf www.stiftung-liebenau.de zum Download.
Social Impact Investment Taskforce und National Advisory Board
2013 gründeten die G8-Staaten eine Social Impact Investment Taskforce. Ziel war, für den Sozialbereich Empfehlungen für den Aufbau bzw. die Weiterentwicklung von internationalen Märkten zu formulieren. In den Mitgliedsländern wurden in diesem Rahmen National Advisory Boards gegründet, die die länderspezifischen Gegebenheiten und Erfahrungen mit privatem Kapital bündeln und bewerten sollten. Das hierbei gewonnene Wissen fließt in einen länderübergreifenden Abschlussbericht der Taskforce für die G8-Regierungschefs ein.
Weitere Informationen unter www.socialimpactinvestment.org.
Zur Person
Auf Empfehlung der Bertelsmann Stiftung wurde Dr. Markus Nachbaur, seit 2006 Vorstand der Stiftung Liebenau, in das Expertengremium National Advisory Board berufen. Der 50-jährige promovierte Betriebswirt ist der einzige Vertreter der süddeutschen Sozialwirtschaft in diesem Gremium.
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