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Wir danken Amazon

01.09.201412:35 UhrKunst & Kultur

(openPR) Als Gutenberg sein System der beweglichen Lettern entwickelte, war dies die Katastrophe für die berufsmäßigen Holzschnitzer, die die Textplatten für die damals sehr bescheidene Buch-produktion herstellten. Trauern wir heute um den Kulturverlust der wunderschön geschnitte-nen Holztafeln? Gedenken wir der Rücksichtslosigkeit, mit der Schöffer und Co. auf Kosten anderer das neue System am Markt platzierten, die Bücher preiswerter und Informationen in Maßstäben verfügbar machten?
Keineswegs. Es war die große technische Revolution, ein unabsehbar folgenreicher Moderni-sierungsschub, dem wir unendlich viel verdanken und der doch einen Kulturbruch erzwang, von dem wir in seinen einzelnen Auswirkungen heute nur noch wenig wissen. Ob die Fort-schrittlichkeit aufwiegt oder übertrifft, was das Internet jetzt gerade zerstört, werden die Men-schen wohl erst in 50 oder 100 Jahren wirklich erkennen und wissen können.
Natürlich ist das Sterben der Buchhandlungen ein kultureller Verlust – aber nicht nur! Die Preisbindung! Ein Monopol zum Nachteil des Publikums (von Ihnen und von mir mit Zwangsaufschlägen auf die Buchpreise bezahlt!), damit künstliche Strukturen finanziert wer-den, die am Markt einfach keine Existenzberechtigung haben. – Der Börsenverein als ziem-lich uneffektive Geldmaschine, die die Mitgliedsverlage mit Gebühren ausplündert, die z.B. im britischen Buchmarkt völlig unbekannt sind. Eine saugende Bürokratie, die vor kurzem um Haares Breite dennoch in die Insolvenz geschlittert wäre. – Die Ablehnung neuer, lesungswil-liger Autoren durch 90% aller Buchhandlungen! Ich muss gestehen, dass mir die Buchhand-lungen alter Art fehlen (werden) wie das gute alte Kino, aber auch: Sie werden von der Ent-wicklung jetzt gnadenlos weggeblasen werden, wenn sie sich nicht zum Geschenkelädchen wandeln. Beides geschieht ihnen nach Jahrzehnten des Hochmuts recht: Denn worauf gründe-te sich der Adel des kulturellen Anspruchs in der Realität? Auf der Stapelware mit Dieter Bohlens Sexleben und Boris Beckers Scala sozialen Umhertaumelns. Der hehre Anspruch, dessentwegen Sie und ich das alte Buchhandelssystem aus unserer Tasche finanzieren muss-ten, wurde, bei Licht betrachtet, vor allem von kulturell niedrigrangigen Büchern eingelöst.
Das könnte nun gleichgültig sein, wie es uns seit Jahrzehnten gleichgültig sein musste – wenn die verkrusteten Strukturen nicht viele neue Autoren behindert und im üblen Fall ihren Auf-stieg sogar verhindert hätten, begünstigt durch die bekannte Allianz der wenigen marktbeherr-schenden Verlage mit den Printmedien, auf deren Bestenlisten sich nun einmal fast aus-schließlich Titel dieser 20 Verlage finden, die auch die Buchwerbung bezahlen. Zu dieser Wirklichkeit gehören aber auch 10.000 Buchverlage, deren Kulturproduktion, im Verhältnis, in die wirtschaftliche Irrelevanz verbannt ist. Der Anspruch des bestehenden Systems auf Kul-turvermittlung, der nicht erfüllt wird, bemäntelt folglich einen kulturellen Schaden, aus dem sicher auch die oft beklagte Stagnation unserer Literatur resultiert.

Im Netz gibt es diese schädliche durchorganisierte Interessenwirtschaft und die Behinderung des kulturellen Fortschritts so nicht mehr. Wie in der Politik gilt nun auch in der Literatur-vermittlung: Es soll sein, was das selberdenkende Publikum will! Ein neuer Triumph der Auf-klärung, für den Amazon gescholten wird, wiewohl sonst die Aufklärung, mit ihrer Metaphy-sik des Fortschritts eine Religion, die uns lehrt, wie wir leben sollen, ohne Besinnung vertei-digt wird.
Amazon wird uns die Welt in ihrer Billigkeit aufdrängen und damit unseren Sinn für Qualität schärfen. So wie die Menschen heute wieder ins Reisebüro gehen, für bestimmte Vorhaben, weil „online“ und „nur billig“ dann eben doch nicht ausreicht, wird es auch eine Gegenbewe-gung am Buchmarkt geben: Und das ist Bewusstsein für und Suche nach Qualität.
Da kommen dann auch Autoren zum Zug, die vom Markt wegen ihrer Qualitätsproduktion gewollt sind. Die sexeskapistische Charlotte Roche und die buchhändlerische Biederkeit des Vulgären, die Luther ein „geiles Ausliegen“ genannt hätte, müssen dann mit gekonnter Unter-haltungsliteratur neuer Autoren konkurrieren, die online ebenbürtig sind, die dann auch be-sprochen und somit ihrem Inhalt gemäß beworben werden. Der von manchen Konzernen pro-duzierte Ausschuss (es fällt mir kein passenderer Ausdruck dafür ein) wird sich dann, ohne Präjudiz des Systems, dem von Interessen unverzerrten Wettbewerb stellen müssen.
Insofern bin ich getrost. Das heranwachsende Publikum, das nicht einmal mehr fernsieht und den Öffentlichrechtlichen mit ihren Zwangsgebühren und unsäglich dummen Programmen vermutlich und hoffentlich endlich den Garaus machen wird, wird in den nächsten 20 Jahren so ziemlich alles zerstören, was an Zwangsstrukturen derzeit den belletristischen Buchmarkt in der Hand hat. Im elektronischen Triumph der totalen Verfügbarkeit stehen Mediatoren, die unseren Qualitätsanspruch nicht erfüllen, nur im Weg. Abwehrmaßnahmen wie die halbherzi-gen Tolino-Produkte etc. können das einzige Mittel, das erfolgreich wäre, um Amazon in die Schranken zu weisen, nicht ersetzen.
Der Krieg um Marktanteile zwischen etablierten Konzernen wird erlöschen – denn es geht demnächst keiner mehr hin. Die Werbeblättchen des Börsenvereins, die im Buchhandel aus-liegen, sind schon auf 50% ihres Formates geschrumpft, und die Internetversion dieser teuer bezahlten Selbstempfehlungen der Verlage braucht gar niemand mehr. Da gibt es ganz andere Plattformen, die das Publikum unabhängig, qualifizierend informieren. Hundertmillionen um-satzschwere Konzerne kramen im Publikum mit Wettbewerben und Schreibkursen, die an einem Wochenende wohl kaum mehr als 600 Euro Profit abwerfen. Die Zeichen mehren sich, deren wirtschaftliche Deutung auf der Hand liegt.
Und die Empörung darüber, dass Amazon 50% Marge von den Verlagen haben will statt 30%? Da kann ich nur bitter lachen: Wir haben immer bis zu 50% bei Großhandelsbestellun-gen gewähren müssen mit der gierigen Tendenz nach 55%. Wer da auf Amazon schimpft, kennt die Wirklichkeit nicht oder sieht seine eigenen Felle davonschwimmen.
Kulturgeschichtlich vollziehen wir gerade einen neuen Schritt des „Selberdenkens“ und Selbstentscheidens des Individuums – also, wie gesagt, einen Fort-Schritt zur weiteren Ver-wirklichung der Aufklärung. Nur, hier zählt das nicht, in der Verteidigung der eigenen Inte-ressen, im allgemeinen Blasen zum Angriff auf Amazon.
Auch wenn es viele Meinungsbildner nicht wollen: Die Welt dreht sich weiter. Ihre Achse ist das, was die Menschen wünschen. Die deutsche Kultur des Vorschriftenmachens, der endlo-sen Regulierung der Bevölkerung, der Belehrung und des Umverteilens, stößt jetzt auf das World Wide Web.
Für unsere Autoren, die Qualität produzieren und immer härter kämpfen mussten, um im Markt ihren Platz einnehmen zu können, ist die Entwicklung eine Chance, eine Befreiung. Was hätte wohl Gutenberg gesagt: Danke an Amazon!

Dr. Prinz von Hohenzollern
Altverleger der Frankfurter Verlagsgruppe AG

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