(openPR) MECKENBEUREN-LIEBENAU – Fachkräftemangel und Zuwanderung standen im Mittelpunkt eines Fachgesprächs mit Vertretern aus Politik und Wirtschaft anlässlich der Europawahl am 25. Mai im Liebenauer Schloss. Auf dem Podium diskutierten Jutta Driesch, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Konstanz-Ravensburg, Maria Heubuch, Kandidatin Bündnis 90/Die Grünen für Baden-Württemberg, Prof. Dr. Peter Jany, Hauptgeschäftsführer der IHK Bodensee-Oberschwaben, Norbert Lins, Kandidat der CDU Württemberg-Hohenzollern und Dr. Berthold Broll, Vorstand der Stiftung Liebenau.
Plädoyer für Europa
"Wir wollen einen Beitrag zur Versachlichung in der bisweilen zu wenig differenzierten Zuwanderungsdebatte leisten und ein Plädoyer für Europa halten", schickte Dr. Broll dem Fachgespräch voraus, zu dem rund 45 Interessierte ins Liebenauer Schloss gekommen waren. Europäische Fragen seien für die Stiftung Liebenau prinzipiell bedeutsam, sei diese doch sozial-karitativ und sozialwirtschaftlich neben Deutschland in vier weiteren EU-Staaten (Österreich, Italien, Slowakei und Bulgarien) sowie in der Schweiz tätig. "Wir vertreten die Auffassung, dass uns innerhalb von Europa weit mehr verbindet als trennt", so Dr. Broll. Aktuell sei die Stiftung Liebenau an einem Pilot-Werbeprojekt um Pflegekräfte aus Spanien beteiligt. "Wichtig ist uns unter ethischen Gesichtspunkten allerdings, dass diese Fachkräfte nur dann angeworben werden, wenn sie in ihrer Heimat arbeitslos wären", erklärte Dr. Broll.
Bis 2030 fehlen 500 000 Pflegekräfte
Ulrich Dobler, Referent Sozialpolitik der Stiftung Liebenau, moderierte das Fachgespräch und zeigte einige interessante Fakten auf. "Laut einer Untersuchung der Bertelsmann Stiftung werden uns bis 2030 in der Pflege 500 000 Vollzeitkräfte fehlen." Sowohl auf unternehmerischer als auch auf politischer Ebene werde zunehmend die gezielte Anwerbung von Fachkräften als ein Instrument zum Umgang mit dem Fachkräftemangel in einem Bündel an Maßnahmen gesehen. Seit Anfang 2014 gilt auch für arbeitsuchende Menschen aus Rumänien und Bulgarien die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit. "Es gibt jedoch eine verzerrte öffentliche Debatte zum Thema Armutseinwanderung aus diesen Ländern", stellte der Verwaltungswissenschaftler fest. Die Fakten sprechen eine andere Sprache. So sei jeder vierte erwachsene Zuwanderer aus Südosteuropa Akademiker, und die Mehrheit befinde sich in einem Beschäftigungsverhältnis.
Arbeitnehmerfreizügigkeit als wirtschaftlicher Faktor
Dies bestätigte Jutta Driesch: "Armutszuwanderung spielt in unserer Region keine Rolle." Nichtsdestotrotz ist die Stimmung in der Bürgerschaft eine andere. Aufgabe der Politik sei es hier, über Hintergründe aufzuklären und Lösungsstrategien aufzuzeigen, sagte Norbert Lins, CDU-Kandidat für das Europäische Parlament. Er betonte, dass die Arbeitnehmerfreizügigkeit nicht nur eine Errungenschaft, sondern auch ein bedeutsamer wirtschaftlicher Faktor nicht zuletzt für Unternehmen in der Region sei. Auch Maria Heubuch unterstrich, dass das Fehlen fachlich-qualifizierter Arbeitskräfte zeige, wie notwendig Zuwanderung sei. "Wir Grüne sind sehr offen für ein Europa, in dem sich die Menschen frei bewegen können." Die Suche nach einem besseren Leben sei legitim.
Das Land braucht nicht nur Akademiker
Prof. Dr. Jany betonte, dass es den Unternehmen in der Region aktuell gut gehe und die Konjunktur glänzend sei. "Trotzdem befasst sich jedes fünfte Unternehmen bewusst mit dem Thema Zuwanderung. Weitere Schlüsselthemen sind Aus- und Weiterbildung", so der IHK-Hauptgeschäftsführer. Aber es genüge nicht, nur auf diese Strategien zu setzen. "Wir müssen Fans des großen Blumenstraußes werden", forderte Prof. Dr. Jany. So brauche das Land nicht nur Akademiker, sondern auch qualifizierte Mitarbeiter auf Facharbeiterebene aus anderen Ländern. Bereits jetzt werde gemeinsam für Arbeit in der Vierländerregion Bodensee geworben beispielsweise mit dem länderübergreifenden EURES-Stellenportal, berichtete Jutta Driesch zum Thema Arbeitskräftemobilität. Dr. Broll sieht einen zunehmenden Bedarf in der wechselseitigen Anerkennung von Berufsabschlüssen. Lins sagte in dem Zusammenhang, dass das System der Dualen Ausbildung in anderen europäischen Ländern zunehmend diskutiert werde. Prof. Dr. Jany berichtete jedoch von der Erfahrung, dass sich ein Erfolgsmodell nicht einfach woanders überstülpen lasse.
Zuwanderung auch Frage der Haltung
Impulse gab es auch von Seiten der Zuhörer. So sei eine höhere Wertschätzung durch eine Willkommenskultur für in die Region zuwandernde Arbeitnehmer wichtig. Aus dem Publikum wurde berichtet, dass für die Region Bodensee-Oberschwaben ein Welcome-Center für internationale Fachkräfte eingerichtet werde. Die zentrale Frage an diesem Punkt sei "Wie gehen wir mit den Menschen um, die schon hier sind oder zu uns kommen?". Prof. Dr. Jany merkte an, dass die Politik inzwischen hervorragende Bedingungen für Zuwanderer geschaffen habe. "Aber es werden immer noch eher die Risiken als die Chancen gesehen, und es gibt noch viel zu tun, damit sich die Zuwanderer bei uns wohl fühlen."














