(openPR) „Ich kann mich nicht mehr ausdrücken, und ich fühle mich unterlegen oder an die Wand gestellt. Dann kommt der Gewaltausbruch.“ Dieses Selbstbild eines Suchtkranken stellt der Kriminologe und Therapeut Jürgen Fais (Köln) in den Mittelpunkt seines aktuellen Readers "Gewalt - Sprache der Verzweiflung. Vom Umgang mit Gewalt in der Suchthilfe".
Dass Drogenkonsum und übermäßiger Alkoholgenuss häufig mit Gewalt einhergehen, ist unbestritten. Es wäre jedoch ein Fehlschluss zu denken, allein mit dem Überwinden der Sucht wäre die Gewaltbereitschaft entscheidend vermindert. In der Suchttherapie wird die Gewaltbereitschaft kaum je bearbeitet. Ein Patient formuliert seine Erfahrung so: „Weder in der Entgiftung, noch in der Kurzzeitbetreuung, noch in der Langzeittherapie wurde das Thema Gewalt als Programmpunkt abgearbeitet.“
„Gewalttätigkeit“, erläutert Fais, „ist eine häufige Begleiterscheinung bei einer Reihe von psychischen Störungen wie Alkohol- und Drogenabhängigkeit. Sie werden aber im Rahmen einer Psychotherapie unzureichend thematisiert.“ Häufige Gründe: Psychotherapien konzentrieren sich auf die Hintergründe der der Sucht, im Gespräch verhalten sich Patienten friedlich, der Therapeut unterschätzt die Neigung zur Gewaltanwendung.
Mit einem hochkarätigen Team aus Spezialisten unterschiedlicher Berufsgruppen - wie Psychotherapie, Kriminologie, Drogenhilfe und -prävention - behandelt Jürgen Fais in seinem Reader Gewalterfahrungen von alkohol- oder drogenabhängigen Frauen und Männern, den Umgang mit Gewalt in Einrichtungen der Drogenhilfe und wirksame Therapieangebote für unterschiedliche Zielgruppen und Rahmenbedingungen: alkoholabhängige Männer, stationäre Suchthilfe, drogenabhängige Männer, Frauen und Jugendliche sowie Frauen in der Beschaffungsprostitution. Gemeinsames Ziel aller Therapien ist, gewaltfreie Bewältigungsalternativen einzuüben.
In seinem Beitrag stellt Dr. Johannes Lindenmeyer (Berlin) eine Gruppentherapie für alkoholabhängige Männer mit erhöhter Aggressions- und Gewaltbereitschaft vor. Der inhaltlichen Schwerpunkt seine Konzepts besteht in einem offenen, schonungslosen Bekenntnis zur eigenen Gewalt; damit beginnen die Sensibilisierung für Aggressivität und die Einübung respektvoller Umgangsweisen.
„Die unmittelbare und konsequente Reaktion des Therapeuten auf jedwedes aggressive Verhalten innerhalb der Gruppentherapie-Stunde stellt das Herzstück des gesamten Trainingsprogramms dar und ist für die Wirksamkeit des Trainings bedeutsamer als die vollständige Besprechung aller vorgeschlagenen inhaltlichen Themen.“
Lindenmeyer hat rund zehn Jahre Erfahrung mit der Methode und sieht die Erfole: Nach fünfzehn Sitzungen stufen 84% der Teilnehmer das Ergebnis des Antiaggressivitätstrainings als hilfreich bzw. sehr hilfreich ein. M.W.
>> Jürgen Fais (Hrsg.): Gewalt – Sprache der Verzweiflung. Vom Umgang mit Gewalt in der Suchthilfe. Pabst, 2013, 201S, ISBN: 978-3-89967-812-3













