(openPR) Nerverhaltene OP-Techniken bei der Behandlung von Prostatakrebs gewinnen zunehmend an Popularität - allen voran die Roboter-assistierte OP mit der „DaVinci-Methode“. Doch halten sie auch das, was sie versprechen, nämlich den Erhalt der Erektionsfähigkeit und damit der Potenz? Und wie steht es um Libido und Orgasmusfähigkeit? „Valide Studien zur Sexualität des Mannes nach Prostata-OP sind bislang Mangelware“, sagt Pedram Derakhshani, Urologe im Westdeutschen Prostatazentrum. Einen eindeutigen Beweis für den Erfolg nerverhaltender Operationen gibt es derzeit nicht.
„Bei der nervschonenden Prostata-OP wird versucht, die Gefäßnervenstränge die an beiden Seiten der Prostata verlaufen und für die Erektion (Gliedversteifung) verantwortlich sind, nicht zu schädigen“, erklärt Dr. Pedram Derakhshani. Dabei gibt es, so der Kölner Urologe, im wesentlichen zwei Probleme: Zum einen lassen sich die Nervenfasern nur mit viel operativer Erfahrung von der Prostatakapsel lösen und zum anderen breitet sich das Prostatakarzinom bevorzugt entlang der Prostatakapsel aus, was bei kapselnahen Tumoren ein erhöhtes Risiko der unvollständigen Entfernung des Tumors birgt.
„Ob und wer nun tatsächlich von einer nervschonenden OP profitiert, hängt neben der Ausprägung und Lage des Tumors von einer Vielzahl weiterer Faktoren ab, die in der täglichen Praxis oft unberücksichtigt bleiben“, betont Derakhshani. So spielen zweifellos auch das Alter und zusätzliche Erkrankungen wie Diabetes oder Herz-Kreislauferkrankungen des Patienten eine wichtige Rolle. „Wer schon vor dem Eingriff über Potenzprobleme klagt, wird daher auch nicht von einem Nerverhalt profitieren“, stellt der Urologe des Westdeutschen Prostatazentrums klar. Nicht vergessen werden sollte, dass wesentlich die Erfahrung des Operateurs über den Erfolg der Behandlung entscheidet.
Widersprüchliche Ergebnisse
Wenig verwundert es daher, dass es über kaum eine andere Methode so widersprüchliche Angaben gibt, wie über den Erfolg bzw. Misserfolg nerverhaltender OP-Techniken. So findet man sehr unterschiedliche Aussagen über den Erhalt der Erektionsfähigkeit nach einem nervschonenden Eingriff: Während spezialisierte Zentren bei beidseitigem Nerverhalt mit Potenzraten über 70 Prozent werben, lie-gen sie in groß angelegten Bevölkerungsstudien bei nur 20 bis 40 Prozent. Dar-über hinaus gibt es so gut wie keine Studien, welche Libido und Orgasmusfähigkeit der Männer nach Prostata-OP untersuchen1. „Wenn den Betroffenen eine ausreichende Erektionsfähigkeit geblieben ist, bedeutet dies jedoch noch lange nicht, dass sie auch einen körperlichen Orgasmus erleben können“, so Derakhshani. Der Grund: Wird die Vorsteherdrüse zusammen mit den Samenblasen vollständig ent-fernt, bleibt der Samenerguss aus. „Auch wenn es dennoch zu einem so genann-ten Orgasmusgefühl kommen kann, ist bei vielen Männern das Erleben durch die fehlende Ejakulation stark beeinträchtigt“, betont der Urologe. Dabei sei gerade ein befriedigender Höhepunkt für viele Männer wichtig für ein erfülltes Sexualleben.
Wissenschaftliche Bestätigung bleibt bislang aus
Betrachtet man die Gesamtheit aller Studien gibt es bislang trotz aller propagierten Vorteile keinen Beweis für den Erfolg nervschonender Operationsverfahren. Im Gegenteil: Eine amerikanische Kohortenstudie konnte zeigen, dass die Roboter-unterstützte Prostata-OP mit einem erhöhten Auftreten von Impotenz und Inkontinenz einhergeht und trotz der minimal-invasiven Technik sogar noch stärker aus-geprägt ist, als bei den herkömmlichen Operationsverfahren.2
„Neben der Frage, ob nervschonend operiert werden soll oder nicht, geht es aus heutiger Sicht vielmehr darum, auszuloten, ob eine Operation überhaupt gerecht-fertigt ist“, resümiert der Urologe. Gerade Patienten, deren Tumor auf die Prostata begrenzt ist, steht mit der inneren Bestrahlung (Brachytherapie) eine gleichsam effektive3 aber nachweislich schonendere Behandlungsmethode4 zur Verfügung, vor allem was Potenz, Orgasmusfähigkeit und Libido betrifft.
Literatur:
1Benson CR, Serefoglu EC, Hellstrom WJ.: Sexual Dysfunction Following Radical Prostatec-tomy.; J Androl. 2012 Jun 28. [Epub ahead of print]
2B Jim C. Hu, MD, MPH; Xiangmei Gu, MS; Stuart R. Lipsitz, ScD; Michael J. Barry, MD; Anthony V. D’Amico, MD, PhD; Aaron C. Weinberg, MD; Nancy L. Keating, MD, MPH: Compara-tive Effectiveness of Minimally Invasive vs Open Radical Prostatectomy; JAMA. 2009;302(14):1557-1564.
3Grimm P, Ignace Billiet I, Bostwick D et al. Comparative analysis of prostate-specific antigen free survival outcomes for patients with low, intermediate and high risk prostate cancer treat-ment by radical therapy. Results from the Prostate Cancer Results Study Group. BJUI 109, Suppl. 1, 22-29, 2012
4 Chen R.C., Clark J.A.; Talcott J.A.: Individualizing Quality-of-Life Outcomes Reporting: How localized prostate cancer treatments affect patients with different levels of baseline urinary, bowel and sexual function; Journal of Clinical Oncology, 2009; 27 (24), 3916 – 3922.


