(openPR) Zittau, 12.12. 2012 - Eine „Nacht der Tiere“ wird am dritten Advent (16.12.) weihnachtliche Legenden und Musik mit einem in Deutschland einzigartigen Textilkunstwerk zusammenführen: Das Große Zittauer Fastentuch von 1472 bildet ab 18 Uhr im Museum Kirche zum Heiligen Kreuz in der Oberlausitz-Stadt Zittau die Kulisse für das heiter-besinnliche Familienprogramm.
Das 56 Quadratmeter große Textilkunstwerk hängt dort in der größten Museumsvitrine der Welt. Unter dem Motto „Denk mal am Fastentuch – Besinnliches mit Wort, Bild und Musik“ finden vor ihm regelmäßig Veranstaltungen statt. Seit 1999 wird die sakrale Sehenswürdigkeit mit 90 Szenen aus dem Alten und Neuen Testament restauriert gezeigt. Seither hat sie über 400 000 in- und ausländische Besucher zu Besichtigungen, Führungen und Veranstaltungen angezogen.
Die Geburt Jesu Christi auf Leinen
Das Weihnachtsereignis hat der unbekannte mittelalterliche Maler auf dem Großen Zittauer Fastentuch als schlichte Familienszenen dargestellt – ohne Engel und Hirten. Maria hat ihr Kind im Freien gebettet. Gemeinsam mit Josef wacht sie betend bei dem Neugeborenen. Aus dem Stall schauen Ochs und Esel heraus. Die Geburt Jesu Christi fügt sich als 52. Feld in die riesige farbige Bilderbibel ein. Zehn Bildreihen – geschaffen in nasser Tüchleinmalerei – veranschaulicht die religiösen Offenbarungen von der Erschaffung der Welt bis zum Jüngsten Gericht. Weltweit haben sich nur 18 vollständige Exemplare dieser Art von Fastentüchern erhalten.
Das Fasten der Augen
Heute wird das Fasten nicht nur als jahrhundertealtes religiöses Ritual verstanden und praktiziert, sondern überhaupt als ein Weg zur Selbsterfahrung, zu höherem Wohlbefinden und verbesserter Gesundheit. „Dadurch ist der Begriff wieder stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt“, sagt Dr. Volker Dudeck, der Geschäftsführer des Vereins Zittauer Fastentücher e. V. Was allerdings Fastentücher sind, sei nur den Wenigsten bekannt.
„In Europa kamen diese Tücher vermutlich um das Jahr 1000 als Zeichen volkstümlicher Frömmigkeit auf. Zunächst als einfarbige Stoffe, später mit, Stickereien und Malereien gestaltet, wurden sie in der vorösterlichen Fastenzeit vor den Altarraum gehängt. Sie verwehrten den Gläubigen den Blick auf den Altar. Zu den körperlichen Entsagungen kam so für die Gemeinde das Fasten der Augen hinzu, der zeitweilige Verzicht auf das Schauen der heiligen Handlungen im Gottesdienst“, erläutert Dudeck.
Abenteuerliches Schicksal
Als „Wunder von Zittau“ wird beschrieben, dass sich das Große Zittauer Fastentuch über 540 Jahre erhalten hat. Sein Schicksal war abenteuerlich. Ein städtischer Gewürz- und Getreidehändler hatte das Tuch 1472 für Zittaus Kirche St. Johannis gestiftet. 200 Jahre lang tat es dort seinen Dienst. Es überstand die Reformation unbeschadet und wurde danach noch 150 Jahre weiter verwendet. Danach geriet es in Vergessenheit und galt als verschollen. Die Wiederentdeckung 1840 in der Zittauer Ratsbibliothek begeisterte sogar den nachmaligen sächsischen König Johann. Er holte das kostbare Tuch nach Dresden, wo es bis 1876 im Barockpalais im Großen Garten ausgestellt war. Nach Zittau zurückgekehrt, wurde das Fastentuch nur noch selten gezeigt, da die geeignete Räumlichkeit fehlte. Vor Ende des Zweiten Weltkrieges versteckte man den sakralen Schatz auf dem nahegelegenen Berg Oybin.
Soldaten der Roten Armee entdecken das Tuch, zerschnitten es und dichteten mit den Stücken eine provisorische Dampfsauna ab. Glück im Unglück: Ein Holzsammler fand und barg die Teile. In der DDR wurde das von den „Freunden“ geschändete und beschädigte Fastentuch stillschweigend verwahrt. Die politische Wende brachte seine Wiedergeburt. Dr. Volker Dudeck, damals neugekürter Museumsdirektor in Zittau, gehörte zu den Unentwegten, die es für die Nachwelt retteten. 1994/95 restaurierte die Abegg-Stiftung in der Schweiz das Textilkunstwerk unentgeltlich. In Zittau wurde die entwidmete, vom Verfall bedrohte Kirche zum Heiligen Kreuz zum Museum umgestaltet. Seit 1999 wird das Große Zittauer Fastentuch dort hinter Glas hängend dauerhaft ausgestellt.
„Stadt der Fastentücher“
Das gut 750-jährige Zittau trägt inzwischen den Beinamen „Stadt der Fastentücher“. Neben dem Großen Zittauer Fastentuch besitzt die Stadt – in der Oberlausitz direkt am Dreiländerpunkt von Deutschland, Polen und Tschechien gelegen – nämlich einen zweiten wertvollen Schatz: das Kleine Zittauer Fastentuch. 2013 wird es 440 Jahre alt. Mit 15 Quadratmetern ist es nur im Vergleich mit seinem riesigen Namensvetter klein zu nennen. An Seltenheitswert übertrifft es ihn sogar noch. Als Arma-Christi-Tuch ist es einzigartig in Deutschland und eines von nur noch sieben Exemplaren, die sich weltweit erhalten haben. Der Begriff „Arma Christi“ bezeichnet die Leidenswerkzeuge, die an die Schmerzen Christi erinnern und als Waffen gegen die Anfechtungen der Sünde dienten. Das Kleine Zittauer Fastentuch zeigt eine Kreuzigungsszene nach einer Vorlage des Lütticher Künstlers Lambert Lombard. Sie wird von mehr als 30 Arma Christi umrahmt.
Das Kleine Fastentuch
Die Geschichte des kleinen Tuches ist weniger turbulent, aber dennoch bewegt: Es ist das einzig bekannte Fastentuch, das von einer evangelischen Gemeinde in Auftrag gegeben wurde, obwohl Martin Luther Fastentücher als „päpstisches Gaukelwerk“ aus den Kirchen verbannt wissen wollte. In der Zittauer Johanniskirche verdeckte es ab 1573 in Fastenzeiten 99 Jahre lang den damals geschaffenen Schnitzaltar. Später ging es in den musealen Bestand über, wurde zunächst regelmäßig, später selten gezeigt. Mit der Restaurierung ebenfalls durch die Schweizer Abegg-Stiftung kehrte die alte Frische zurück. Seit 2005 ist das Kleine Zittauer Fastentuch dauerhaft in einem schlichten, besonders geschützten Ausstellungsbereich im Kulturhistorischen Museum Franziskanerkloster zu sehen.
Neu belebter Brauch
Zehn Laufminuten liegen zwischen den Präsentationsstätten beider Fastentücher. Auf dem ausgeschilderten Zittauer Kulturpfad mit 54 kulturhistorischen Sehenswürdigkeiten sind sie die Stationen 30 und 36. Im späten Mittelalter war die Handelsmetropole Zittau „Die Reiche“ genannt worden. Nicht zuletzt mit ihren beiden Fastentüchern ist sie reich geblieben. Übrigens gibt es in der „Stadt der Fastentücher“ inzwischen noch ein weiteres Exemplar. Die katholische Gemeinde „Mariä Heimsuchung“ hat den alten Brauch neu belebt: Seit 2009 verdeckt das Neue Zittauer Fastentuch jährlich von Aschermittwoch bis Karfreitag den Hochaltar in der Marienkirche. Im oberen Drittel trägt das 28 Quadratmeter große Bauwollgewebe einen waagerechten Fries mit einer wertvollen Kopie des Turiner Grabtuches.









