(openPR) Neujahr 2113. Am Neujahrsmorgen sitzen Max und seine Eltern Willi und Maria Von der Rur nach dem Frühstück noch gemütlich zusammen. Mit Freunden aus der Nachbarschaft haben sie die Silvesternacht verbracht, einen lustigen Spieleabend erlebt und pünktlich um 0:00 Uhr mit dem obligatorischen Glas Ananas-Saft angestoßen. „Ein frohes neues Jahr“. Es wurde gelacht und gescherzt. Alle waren herrlich albern, bis gegen 3 Uhr morgens auch die Letzten von der Müdigkeit besiegt wurden. Auch der 10-jährige Max durfte bis 1 Uhr aufbleiben. Auf die 30-minütige Laserzauber-Show, die alle Städte in Deutschland traditionell pünktlich um Mitternacht starteten, hatte er schon Tage zuvor hin gefiebert.
Ebenfalls traditionelle Züge hat bei der Familie Von der Rur der Neujahrsvormittag. Nach einem reichhaltigen Obstfrühstück kommt man im Wohnzimmer zusammen und schaut sich die Fotoerinnerungen des letzten Jahres an. Schnappschuss für Schnappschuss lässt man im Familienkreis das Jahr Revue passieren. Erst kommen die schönen Bilder. Die vom Urlaub, die tollsten Erlebnisse und die attraktivsten Portraits. Der eigentliche Höhepunkt ist alljährlich jedoch die »Rocky-Horror-Bilder-Show«.
Statt sie zu löschen, haben Max, Willi und Maria jeweils ihre schrägsten Bilder, die schlimmsten Grimassen, die verrücktesten Posen in einem separaten Foto-Ordner gespeichert. Eine gehörige Portion Selbstironie gehört hier dazu. Dieser Ordner war so programmiert, dass man die Bilder hier zwar speichern, nicht aber erneut abrufen konnte. Erst um 0:00 Uhr des kommenden Kalenderjahres wurde der Foto-Ordner zur Ansicht und Bearbeitung freigegeben.
Hätte jemand an diesem Morgen neue Aufnahmen von den Von der Rurs gemacht, es wären schon am ersten Tag des Jahres viele Fotos für die nächste »Rocky-Horror-Bilder-Show« entstanden. Mit Tränen in den Augen, krümmte sich die Familie vor Lachen beim Betrachten der Diashow auf der digitalen Wohnzimmer Fototapete.
„Nochmal“ schrie Max immer wieder, als die 36 gruseligsten Fotos des Jahres 2112 mal wieder durchgelaufen sind. Darunter sein Vater beim tollpatschigen Sturz vom Surfbrett. Die entsetzten Gesichtszüge der Mutter beim Herausziehen des misslungenen Kuchens aus dem Ofen. Oder das verheulte Gesicht von Max, nach einer Fünfminus beim Chinesisch Vokabeltest. Mit der guten Laune des Neujahrsmorgens waren diese Erinnerungen locker zu tragen.
„Nochmal“, schrie Max.
„Nein, ich habe eine bessere Idee“, entgegnete seine Mutter. „Wir schauen uns jetzt mal Fotos an, die ungefähr 100 Jahren alt sind. Ich habe zuletzt ein Album entdeckt, mit ganz vielen alten Familienaufnahmen. Was haltet ihr davon?“
Willi und Max waren begeistert. Mit ihrem neuen iPhone 55 steuerte Maria durch die Ordner und ihre Familie konnte auf der Bildertapete verfolgen, wie sie schließlich den Foto-Ordern »Best of 2010« fand. 122 Bilder. Maria drückte auf START.
Und wieder wurde gelacht. Die Frisuren. Die Kleidung. Die Schuhe. Die Autos.
Während seine Eltern lachten, erlebte Max mit großen Augen die Welt seiner Urururgroßeltern, die Feste, die Urlaube, die gemeinsamen Erlebnisse. Ohne ein Wort zu sagen ließ Max die Fotos auf sich wirken. Nachdem die 122 Bilder durchgelaufen waren fragte ihn sein Vater:
„Max, du sagst ja gar nichts. Haben dir die Bilder nicht gefallen?“
„Ich weiß nicht“ sagte Max. „Ich bin ein wenig traurig. Warum waren die Menschen alle so dick? Waren die alle krank?“
„Ach so, Max. Jetzt verstehe ich deine Stille. In der Tat war die Zeit Ende des 20. Jahrhunderts bis Mitte des 21.Jahrhunderts eine Zeit, in der die Menschen immer dicker, immer bewegungsfauler und leider auch immer kranker wurden. Du hast Recht. Es war eine Zeit, in der Wohlstand, technischer Fortschritt und Statussymbole den Menschen viel wichtiger waren, als die eigene Gesundheit. Nur zwei Beispiele. Diese Nacht haben wir eine tolle Laserzauber-Show gesehen und mit Ananas-Saft angestoßen. Früher haben die Menschen statt Lasershows die Luft mit Sprengstoff-Feuerwerkskörpern verpestet und jede Menge Alkohol getrunken. Es gab Sekt für die Erwachsenen und Cola die Kinder.“
„Was ist Cola?“
„Ein zuckerhaltiges Limonadengetränk.“ „Cola, Sekt und Champagner“, für Willi fort, „bekommt man heute nur noch ganz selten. Damals in den Silvesternächten haben das fast alle getrunken. Oder schau dir auf diesem Foto die Nuss-Nougat-Creme an. Heute findet man die nur noch in Retro-Stores. Isst keiner mehr so gerne, weil jeder weiß, das die zu 40 Prozent aus Zucker besteht.“
„Aber Zucker ist doch Gift?“
„Du hast Recht, das war damals noch nicht allen bekannt. Und nachdem in dieser Epoche in fast allen Nahrungsmitteln Zucker enthalten war, wurden unsere Vorfahren auch deshalb immer dicker und kranker. Krebs, Herzinfarkt und Adipositas, oder Arthrose, Bandscheibenvorfall und Diabetis hießen damals einige Volkskrankheiten. Gibt es heute zum Glück fast gar nicht mehr.“
„Damals sind die Menschen krank gestorben“, ergänzte Maria. „Nicht wie heute an gesunder Altersschwäche“.
„Aber,“ fragte Max verwirrt nach, „wie konnte das geschehen? In den Geschichtsbüchern aus dem Mittelalter sehen die Menschen doch so aus wie wir? Okay, die waren deutlich kleiner, aber von der Figur her?“
„Heute fängt jeder Schultag mit Sport und Ballspielen an. Und bevor die Sprach- und Wissenschaft-Stunden beginnen, gibt es für euch Kinder frisches Wasser, Äpfel und Bananen. Früher hingegen gab es Getränkeautomaten, an denen sich die Schüler in dem Pausen Limonaden holten, dazu Brezeln, die nichts anderes waren als Auszugsmehl mit Salz. Ach ja, und Schulsport wurde fast gar nicht unterrichtet. Bewegungsarmut war eine der Geißeln der Menschheit. Selbst 500 Meter zum nächsten Bäcker fuhren die Leute mit dem Auto. Stelle dir das mal vor, du würdest das heute Machen? Da würdest du von deinen Freunden aber kräftig ausgebuht, oder.“
„Und wie hat sich das alles wieder geändert?“
„Die Menschen wurden immer kranker. Sie lebten zwar länger, aber nur, weil die Reparaturmedizin und die Pathologie, also die Behandlung von Krankheiten durch Ärzte, immer besser wurden. Das war von der Gesellschaft und den Krankenkassen bald nicht mehr zu bezahlen. Das Gesundheitswesen drohte zu kollabieren. Die ganzen Zivilisationskrankheiten konnten sich die Menschen einfach nicht mehr leisten. Mit großen Werbekampagnen haben auf der ganzen Welt die Regierungen in der Mitte des 21. Jahrhunderts schließlich die vegetarische Ernährung beworben. Nur so konnte es auch gelingen, die immer weiter wachsende Menschheit zu ernähren. 2010 gab es ungefähr 7 Milliarden Menschen auf der Welt. Heute sind es 24 Milliarden, wie du weißt. Früher haben die meisten Menschen in Deutschland fast täglich Wurst und Fleisch gegessen. Kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Heute weiß jedes Kind, das man höchstens einmal pro Woche Fleisch oder Fisch essen sollte. Besser gar nicht. Und mit Slogans wie »Rohkost statt Feuerkost« wurden die Menschen auch für den Nährstoffgehalt der Speisen sensibilisiert. Und auf die Nuss-Nougat-Cremes und andere Zuckerspeisen wurden Aufkleber gedruckt wie »Der regelmäßige Verzehr von großen Mengen Zucker kann Stoffwechselkrankheiten auslösen«. Die damalige Bildungselite fing wieder an das Laufen zu entdecken und es gab einen Marathonboom. Marathon zu laufen war plötzlich total schick und auch das Wandern wurde wieder modern. Heute weiß jedes Kind, dass es zweimal am Tag mindestens 30 Minuten Sport an der frischen Luft machen sollte. Aber damals war das etwas ganz seltenes“.
„Apropos Sport, Papa. Schau mal auf die Uhr. In 2 Stunden beginnt der Orientierungslauf im Billiger Wald und wir hocken hier noch im Schlafanzug rum. Auf geht’s.“









