(openPR) Wer will schon hören, dass er heute noch an den Folgen des Zweiten Weltkriegs psychisch leidet? Das ist doch schon Jahrzehnte her und hat nichts mehr mit mir zu tun! Das Buch „Die geheimen Ängste der Deutschen“ der Familientherapeutin und Diplom-Volkswirtin Gabriele Baring kann diesen Standpunkt heftig ins Wanken bringen.
Haben wir Deutsche die Nachwehen der Gräueltaten der Nazizeit tatsächlich noch nicht überwunden? Baring beweist, dass sich vor allem die Trauer nach wie vor ein Familiengeheimnis durch die Generationen zieht. Welche Trauer? Die Trauer, dass die meisten nie über das eigene Leid in der Familie haben reden zu dürfen. Auch in Barings persönlichen Umfeld, wurde der Verlust von Angehörigen totgeschwiegen und das Leid verdrängt - und mit dem Leid das Fühlen und Vergeben.
Den Entwicklungsgrad vergangener Kulturen beurteilen wir heute danach, wie sie mit ihren Toten umgingen. Unsere Toten haben oft keine Grabsteine mehr: eine der traurigen Konsequenzen des Trauerverbots, das seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs auf den Deutschen lastet.
Die Autorin beginnt mit den unterdrückten Gefühlen des „Tätervolks“ und der daraus entstandenen subtilen Kinderfeindlichkeit und führt diese bis zum heutigen Phänomen der kinderlosen Moderatorinnen fort, die Vorkämpferinnen für Kinderprojekte sind; wobei Kritik am Zustand unserer Mediendemokratie nicht ausbleibt.
Mit dem Finger auf mangelnde Aussöhnung, der unterdrückten Wut und verschiedenen Verzichtshaltungen analysiert Baring das Vererben der Traumata und seine schleichende Fortpflanzung durch die Generationen. Aber auch wie subtil es sich bemerkbar macht und wie diese Familiengeheimnisse uns formen können.
Ihre Ausführungen zur Ausgrenzung unserer Vergangenheit werden auf vielen Ebenen innerhalb der Familie sichtbar, aber auch in der politischen Kultur. Im Kapitel „Das vaterlose Jahrhundert“ interpretiert sie das Leben uns bekannter Politiker von einer beeindruckenden und aufwühlenden Seite.
Sie wäre aber keine Therapeutin, würde Baring nicht auch ausführliche Argumente für eine Renaissance der Familie finden, für eine neue Kultur des Miteinanders. Die Trauer und die Angst zu überwinden, sind die eigentlichen Aussagen ihres hervorragend recherchierten Buchs. Sie plädiert für eine Öffnung des Herzens vor allem unserer Elterngeneration gegenüber. Wir befinden uns immer noch in einem emotionalen Lernprozess und sind es unseren Kindern schuldig, mit der Verdrängung aufzuhören.
Dass Heilung geschehen kann, beschreibt die Autorin anhand vieler Beispiele aus ihrer Praxis und diese Erkenntnis macht Mut, sich diesem unangenehmen, weil totgeschwiegenem Thema zu nähern. Ein Buch, das sicherlich nicht einfach zu lesen ist, da es Widerstände wachruft und damit deutlich macht, dass sie Recht hat.
Die geheimen Ängste der Deutschen
Gabriele Baring
Geb. mit Schutzumschlag, 320 Seiten, Format 13,5 x 21,5 cm
ISBN 978-3-942166-46-1, WG: 1970
€ (D) 19,95 / € (A) 20,60 / sFr (CH) 30,50











