(openPR) Neue Gerinnungshemmer versprechen gute Wirkung und mehr Sicherheit
Die Entdeckung der „Süßklee-Krankheit“ in den 30iger Jahren in den USA war das Schlüsselereignis für die Entwicklung von gerinnungshemmenden Medikamenten. Farmer im mittleren Westen hatten bei ihrem Vieh festgestellt, dass beim Fressen von feuchtem Heu ein süßlich riechender, bitter schmeckender Stoff entsteht, der blutverdünnend wirkt und bei Rindern zum Verbluten führte. Seit 1936 ist bekannt, welcher Stoff die Rinder auf der Weide verbluten lässt. 1949 wurde Warfarin in den USA als Rattengift patentiert. 1951 wurde vom ersten Selbstmordversuch eines Seemanns mit dem gerinnungshemmenden Stoff Warfarin berichtet. 1955 erhielt der damalige amerikanische Präsident Dwight D. Eisenhower nach einem schweren Herzinfarkt als einer der ersten überhaupt das neue Medikament Warfarin als Blutverdünner.
In Deutschland wurde das Medikament Phenprocoumon (Marcumar®) lange Zeit erfolgreich angewendet. Jahrzehntelang wurden Patienten mit tiefen Beinvenenthrombosen und Lungenembolien sowie Patienten nach Herzklappenimplantationen mit diesem Medikament behandelt. Insbesondere bei Patienten mit Herzrhythmusstörungen, wie „Vorhofflimmern“, hat Marcumar® die Schlaganfall-Rate bis zu 82 % reduziert. Bei einem Großteil der Patienten, die zwischen 76 und 85 Jahren einen Schlaganfall erlitten, lag ursächlich Vorhofflimmern vor (38 %).
Gerinnung selbst kontrollieren
Heute werden in Deutschland ca. 500.000 Patienten unter Dauertherapie mit den oralen Gerinnungshemmern behandelt. Vielfach überwachen die Patienten heute selbst ihre Gerinnung. Im Jahre 1986 wurde die Gerinnungsselbstkontrolle eingeführt. Seither messen ca. 180.000 Patienten ihre Gerinnungswerte selbst und dosieren sich nach einer intensiven Schulung mit dem gerinnungshemmenden Medikament Marcumar® in eigener Regie.
Es hat sich in verschiedenen Studien gezeigt, dass die Selbsteinstellung deutlich bessere Ergebnisse zeigt. Es treten bei geschulten Patienten, die sich regelmäßig selbst messen, weniger Blutungskomplikationen auf.
Trotz aller Vorteile und günstigen Wirkungen von Marcumar® konnte es niemals den Nimbus abbauen, dass es auch der Inhaltsstoff des Rattengiftes ist. Viele Patienten haben deshalb eine indizierte Behandlung abgelehnt. Bei Vielen ist die Einnahme mit der Angst vor Blutungen, insbesondere Angst vor Stürzen mit der Gefahr des Verblutens, verbunden. Zudem ist die Gerinnungshemmung nicht nur abhängig von der Marcumardosis, sondern auch von den individuellen Essgewohnheiten der Patienten. Vitamin K-reiche Nahrungsmittel wie Spinat, Tomaten und Brokkoli hemmen beispielsweise die Aufnahme von Vitamin K im Darm und führen so zu einer Aktivierung der Gerinnungsfaktoren in der Leber. Vielfach schwankt dadurch die Blutungsneigung von Woche zu Woche. Aus diesem Grund muss die Blutgerinnung regelmäßig kontrolliert werden.
Neue Wirkstoffe
Seit Jahrzehnten bemüht sich die Pharmaforschung intensivst an der Entwicklung neuer gerinnungshemmender Medikamente, die in der Anwendung viel einfacher und auch sicherer für den Patienten sind. Dabei haben zwei deutsche Firmen in der Entwicklung das Rennen gemacht. Inzwischen hat die Firma Boehringer Ingelheim das Medikament Dabigatran (Pradaxa®) entwickelt. Rivaroxaban (Xarelto®) wurde von der Firma Bayer entwickelt. Weitere internationale Substanzen sind aber in der täglichen Erprobung.
Von idealen neuen Medikamenten erwartet man heute, dass sie als Tablette wirksam sind. Damit entfällt die Angst vor Spritzen, die sich automatisch bei der früher einleitenden Behandlung mit Heparinen (Heparininjektionen, so genannte „Bauchspritzen“) ergibt. Ein großer Vorteil der neuen Medikamente besteht auch darin, dass Gerinnungskontrollen nicht mehr notwendig sind. Es muss kein Blut mehr aus der Vene abgenommen und im Labor analysiert werden.
Neue gerinnungshemmende Medikamente sollten deutlich weniger Nebenwirkungen haben, als die bisher bekannten Gerinnungshemmer. Man erwartet, dass keine relevanten Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten auftreten. Zudem fordert man, dass der Thromboseschutz nach der Tabletteneinnahme rasch einsetzt. Andererseits ist es wichtig, dass die gerinnungshemmenden Effekte zum Beispiel bei einem Notfall mit einem Gegenmittel schnell wieder aufgehoben werden können.
Gute Erfahrung bei der Thromboseprophylaxe
Inzwischen ist die neue Medikamentengruppe bei verschiedenen Erkrankungen gut erprobt. Die Substanzen sind seit Monaten im Einsatz, z.B. bei der Thromboseprophylaxe bei elektiven Hüft- und Kniegelenksoperationen. Sie haben dort eine überlegene Wirksamkeit gegenüber den klassischen niedermolekularen Heparinen als Thromboseschutz gezeigt, bei einem gleichen Blutungsrisiko. Wie unter einer Standardprophylaxe hat die einfache Einnahme einer Tablette deutliche Vorteile beim Handling ohne Monitoring-Notwendigkeit gezeigt.
Die Tabletteneinnahme zur Thromboseprophylaxe ist eine deutliche Erleichterung – auch für das Pflegepersonal. Durch Tabletteneinnahmen entfallen Nadelstichverletzungen, Spritzenentsorgung und die Schulung der Patienten zur Selbstinjektion. „Bauchspritzen“ waren oft schmerzhaft und hatten oft Blutergüsse in der Bauchwand (Hämatome) zur Folge. Inzwischen stehen wir kurz vor der Zulassung des ersten neuen Blutverdünners für die Dauerbehandlung bei Patienten mit Vorhofflimmern zur Schlaganfallverhütung. Eine große Studie, die von Herzspezialisten und gleichermaßen auch von Schlaganfall-Experten weltweit heute anerkannt wird, hat gezeigt, dass sich im Vergleich zu einer Behandlung mit konventionellem Warfarin, mit den neuen Medikamenten die Blutungsraten reduzieren lassen – bei mindestens gleich guter Wirksamkeit.
Gibt es auch Nachteile der neuen Substanzen?
Zurzeit ist noch nicht klar, was genau die Behandlung mit den neuen Medikamenten kosten wird. Ziel sollte sein, dass die Therapie mit den neuen Medikamenten nicht teurer sein darf, als die Behandlung mit Marcumar® plus die entsprechenden Kosten für die Kontrollen (Blutabnahme und Analysen im Labor mit einer sich anschließenden Beratung beim Arzt). Wichtig ist auch, dass die Patienten ganz konsequent und zuverlässig die neuen Tabletten einnehmen. Sollte die Tablette einmal vergessen werden, ist das nicht besonders tragisch. Wenn aber wiederholt Tabletten nicht eingenommen werden, entstehen therapiefreie Intervalle und es folgt eine erhöhte Gefährdung für eine Thrombose bzw. für eine Embolie.
Weitere Informationen:
Prof. Dr. med. Curt Diehm
Abteilung für Innere Medizin und Gefäßmedizin
SRH Klinikum Karlsbad-Langensteinbach
(Akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Heidelberg)
Tel. 07202 613340, Fax: 07202 616167
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