(openPR) Vielfalt in der Geschlossenheit: Die Stücke dieser CD könnten unterschiedlicher nicht sein. Zart verhauchend, dann wieder kantig expressiv. Gemessen schreitend - untergründig rumorend. Aufgewühlt, drangvoll - und fast magisch fein geordnet. Es ist eine Musik, die nie vorhersehbar ist - oder besser: nie vom Ohr vorauszuahnen. Stets überraschen die Klangfarben aufs Neue, stets sind Charakter und Tonmaterial anders, als man es nach den vorhergehenden Stücken erwarten würde. Und trotzdem: Hier ist alles aus einem Guss. Das Unberechenbare wirkt in den elf Stücken dieser CD völlig organisch und zwingend logisch. Für den Hörer eine aufregende Entdeckungsreise, bei der sich nach und nach erweist, dass jedes Stück, jeder Ton genau so sein muss. Eine packende atmosphärische Einheit entwickelt sich, ein starker Sog folgerichtiger Stimmungen. Dies ist eine Musik, die den Hörer nicht überredet, sondern überzeugt. Eine enorme innere Kraft strahlt sie aus - und selten sagt der Obertitel so viel über die Substanz des Ganzen aus wie hier: The Inward Song heißt diese CD des deutschen Saxophonisten und Komponisten Christian Weidner.
Auf trendige Begriffe lässt sich diese Musik bewusst nicht bringen; sie verweigert sich möglichen modischen Kategorien konsequent. Denn sie steht ganz für sich. Das liegt zum einen an den starken und nirgends auf schnelle Effekte setzenden Kompositionen. Zum anderen aber auch an der besonderen Chemie der vier hier miteinander agierenden Musiker. Altsaxophonist Christian Weidner, 1976 in Kassel geboren, in Hamburg, Stockholm und Berlin ausgebildet, acht Jahre durch die Schule des deutschen Radikal-Individualisten Gunter Hampel gegangen, hat hier Mitmusiker um sich versammelt, die jeder für sich eine starke Persönlichkeit mitbringen und zugleich besonders bekannt sind für ihr musikalisches Einfühlungsvermögen, für ihr feines und waches Ohr. Als da sind: der Schweizer Pianist Colin Vallon, mehrfach ausgezeichnet für seine Experimentierfreude und Lust an der Suche nach neuen Klängen, nicht zuletzt durch Verfremdungen des Klaviers mit Hilfe von auf die Saiten gelegten Gegenständen; dessen Landsmann Samuel Rohrer am Schlagzeug, der sich in ganz unterschiedlichen Gruppen als ein Meister der möglichst freien Formen und Rhythmen profiliert hat; und der deutsche Bassist Henning Sieverts, eines Musikers, der in vielen Spielarten des heutigen Jazz eine absolut sattelfeste Kreativität entwickelt - ein großer Vertreter eines Spiels, das stets neue Ausdrucksräume erschließt und in dem man deutlich spürt, dass dieser Mitmusiker selbst auch ein herausragender Komponist in der Jazz-Szene ist.
Nicht nur vier spieltechnische Könner, sondern vier spannende Geister fanden hier zueinander. Und heraus kam eine Musik, die vollkommen auf Klischees, auf vorgefertigte und leicht identifizierbare Muster verzichtet. Es gibt hier keinen Zierrat, keine abschnurrenden Geläufigkeiten. Wie ein langer, aus sich selbst erwachsender Strom wirken die Stücke. Ein Strom allerdings, dessen fesselnder und oft unmittelbar erscheinender Gefühlsausdruck von großer innerer Ordnung bestimmt ist.
Ganz hohe Disziplin im Spielen und Einander-Zuhören prägt diese Musik. Das kann sperrig klingen, wie in dem Stück St. Paul, in dem sich die Töne unruhig in den Raum zu spreizen scheinen und manche Stimmen an vehemente Aufschreie erinnern. Und das kann sich zu so schlichter, ebenmäßiger Schönheit formen wie im Abendlied, mit feinen Kantilenen über ganz sparsamen Klavier-Tönen, zartesten Schlagzeug-Akzenten und einem ruhig zusammen mit der Saxophonstimme einher schreitenden Bass. Es kann sich sogar zu einer leisen Hymne steigern wie in dem Stück Penta, das wiederum mit wohldosierten Mitteln eine mitreißende Stimmung von innerer Beseeltheit schafft. Und es kann so quirlig wuseln wie das Stück Lyra, das klirrende Klänge des präparierten Klaviers zu aufgeregten Saxophon-, Bass- und Schlagzeugparts wie immer neu ansetzende kleine Temperamentsausbrüche anheben lässt.
Ein Stück wie Drawn Ones groovt über einem wiederholten Bassmotiv los - das aber durch weite Kantilenen konterkariert wird. Das Titelstück The Inward Song bezaubert mit lyrischen Stimmführungen und fließendem Duktus. Konsequent werden in diesen Aufnahmen Stimmungen verfolgt und ausgestaltet - sie wirken wie Hörfilme von Gemütszuständen. Und man staunt, wie sich manche Stimmungen noch steigern. Die Ruhe, Klarheit und Zartheit etwa von Abendlied oder Penta finden in der Komposition Psalm und schließlich in Ave eine noch radikalere - und wiederum auf diese Art unerwartete - Fortsetzung.
Viele der Stücke haben nur ein einziges Wort als Titel. Ein Wort, das manchmal direkt auf die Musik schließen lässt - und manchmal Rätsel aufgibt. Eines verraten diese Titel durchweg: Der Leader dieser Band hat ein ganz hohes Stilbewusstsein: einen feinen Sinn für ästhetische Klarheit. Und genau das prägt in besonderem Sinne auch die Musik. Christian Weidners CD The Inward Song ist ein höchst eigenständiges, fein durchdachtes künstlerisches Statement - und zugleich Jazz von starkem Ensemble-Geist. Kompositorische Konsequenz mündet in lebendigen, ausdrucksgierigen Jazz von hoher Interaktionsfreudigkeit. Dass beides wunderbar ineinander greifen und sich wie selbstverständlich fügen kann, ist in diesen Stücken hörbar. Man kann staunend entdecken - aber sich auch einfach nur in die Stimmungen fallen lassen und mit wachen Ohren genießen: je öfter, je mehr.
+++Besetzung+++
Christian Weidner alto saxophone
Colin Vallon piano
Henning Sieverts bass
Samuel Rohrer drums
+++Diskografie auf Pirouet+++
2010 Christian Weidner: The Inward Song (Christian Weidner as, Colin Vallon p, Henning Sieverts b, Samuel Rohrer dr) · PIT3052
2008 John Schröder: Sir Lemuel’s Dance (John Schröder p, Christian Weidner as, Oliver Potratz b, Oliver Steidle dr · PIT3033
2004 Christian Weidner: Choral (Christian Weidner as, Antonio Palesano p, Daniel Schröteler dr) · PIT3009
+++Pressestimmen zu Christian Weidner: Choral (Pirouet 2004)+++
Gut Ding will Weile haben. Christian Weidner hat sich für seine Debüt-CD die Zeit genommen, die eine reife Leistung erfordert. Gelungen ist ihm im Trio mit Antonio Palesano, p, und Daniel Schröteler, dr, eine luzide Aufnahme, die kühne Architektur und lichtdurchlässige Konzentration mit einem gefühlvoll weichen Ton verschmelzen lässt. Der Altsaxophonist studierte in Hamburg, Stockholm und Berlin, verdiente sich seine Sporen im BuJazzO, bei Albert Mangelsdorff, Nils Wogram und vor allem Gunter Hampel. In essentieller Klarheit feiner Klangschichtungen orientieren die 16 Kompositionen das filigrane Zueinander der drei Akteure am Ideal des Chorals. Der gibt in seiner Gleichzeitigkeit von formaler Strenge und schöpferisch bewegtem Fluss der Melodie das nachgerade ideale Gefäß ab für den sanften Freigeist kreativer Offenheit. So strukturieren sich Zeit und Raum je neu und kommen dem Geheimnis von Vergänglichkeit und Dauer mehr und mehr auf die Spur.
(Tobias Böcker in Jazzzeitung, 7-8/2004)
Frei schöpferisch zu sein und doch bodenständig bleiben“, könnte als treffende Beschreibung von Christian Weidners kreativer Herangehensweise und seiner Musik gelten: In den Klanguniversen des Saxophonisten verbindet sich – dokumentiert auf Choral, der aktuellen CD seines Trios – die Lust der Jazzimprovisation mit dem Fundament des Folkloristischen und herausfordernder Avantgarde.
(Carina Prange in Sonic 4/2005)
Der Choral gilt zu Recht als feste Burg. Durch und durch lutherisch (nicht gregorianisch, wie viele glauben) und gerade deswegen die aufmüpfigste Musik der vergangenen Jahrhunderte. Eine Art Avantgarde der Renaissance, durch lokale Unterschiede und zeitgebundene Einflüsse radikal verändert. Etwas für fromme, musikalische Menschen, die sich nur schwer mit dem zufrieden geben, was geschrieben steht. Christian Weidner ist so einer. Sein Altsaxofon tönt nicht wie aus dem Alten Testament des Bebop oder dem Buch der zwölf Avantgardisten. Er, der Pianist Antonio Palesano und der Drummer Daniel Schröteler wollen keine Jünger des plakativen Crossover sein. Sie drehen das Rad der Choral- Geschichte schlicht weiter: mit vitaler Spiritualität, der Melodie ritueller Gesänge, der Liebe für Nuancen, verwegenen Modulationen, temporären Fragmenten und melodischen Schichtungen, durch die das Thema stets matt hindurchschimmert. Ein klitzekleiner Grat zwischen Komposition und Improvisation, Vergangenheit und Gegenwart, auf dem Weidner mit kleinen Mitteln Großes schafft: Leben, Musik, Glaube und Hoffnung in einer Note zu bündeln.
(Reinhard Köchl in Jazz thing, 9-10/2004)












