(openPR) mit Jim Andrews, Parangari Cutiri, monochrom, retroyou.org (Jean Leandre), Tiltfactor
18. April bis 3. Mai 2009
Eröffnung: 17. April 2009, 15 Uhr
Öffnungszeiten: Do-So, 13-19 Uhr
Die Art Computer Game Show „Let's restart!!!“ im D21 Kunstraum präsentiert fünf Computerspiele von internationalen Künstler_inne_n bzw. Künstler_innen_kollektiven. Die Auswahl der Spiele demonstriert eine Ahnung der Bandbreite der künstlerische Aneignungen von Computerspielen ohne Anspruch, repräsentativ zu sein. Alle Spiele sind für jede_n Nutzer_in als freie Software oder Onlinespiel im Internet verfügbar. Sie stehen für globale Interaktivität statt weltabgewandter Erhabenheit; für Kunst als frei zugängliche Ressource statt als Ware.
Wir wünschen allen analogen und virtuellen Besucher_innen geistreichen Spielspaß in unserer Ausstellung und auf den heimischen Computern.
Jim Andrews: Arteroids 2.5 (2007)
Der Netzkünstler und e-Poet Jim Andrews aus Vancouver (Kanada) publiziert seit 1996 seine Kunstwerke auf seiner Internetseite vispo.com. Wissenschaftliche Kenntnisse in Literatur, Mathematik, Informatik und Akustik sowie seine praktischen Erfahrungen als Produzent eines literarischen Radioprogramms, Herausgeber eines Literaturmagazins und Veranstalter von Lesereihen verschaffen ihm die ungewöhnliche Position eines Dichters, der gleichzeitig kreativ als Programmierer und Tonproduzent arbeiten kann.
Da es sich beim Programmieren und Produzieren seiner Meinung nach lediglich um weitere Formen des Schreibens handelt, folgt er seiner Idee, „Schreiben als etwas Umfassenderes zu erkunden, nicht lediglich als Worte auf einer Seite, sondern als Variationen des Einschreibens in verschieden Medien.“
„Arteroids handelt vom Aufbrechen der Sprache,“ so Andrews über die Ästhetik und Poetik seines Remakes des klassischen Videospiels Asteroids. Sein Spiel bietet die Arena für eine dynamische Sprache, die „gespielt“ werden muss, um gelesen werden zu können. Die Bedeutung dieses Cyber-Gedichts stellt sich weniger über die Bedeutung der Worte als über ihre Sounds, Bewegungen und ihrem destruktiven Gehalt her.
Parangari Cutiri: B-CITIES (2006-2007)
Parangari Cutiri ist eines der zahlreichen Alter-Egos, unter denen die Netz- und Softwarekünstlerin, Autorin, Kritikerin und Kuratorin Anne-Marie Schleiner aus den USA agierte. In Online-Ausstellungen von Spielmodifikationen und Add-Ons, eigenen Programmen und Texten untersucht sie die Konstruktion von Geschlechterrollen am Beispiel von Avataren, forscht über die Kultur der Computerspiele und der „Hacker-Kunst“. Auf ihrer Internetseite opensourcery.net veröffentlicht sie Auseinandersetzungen als (Hyper-)Texte, Beiträge zu Spiele-Hacks und Open-Source-Kunst.
B-CITIES ist ein „Split-screen shifting views Blender game“ für die Open-Source-Software Blender, mit der Programmierer dreidimensionaler Welten erstellen können. Das Spielumfeld erweist sich jedoch als komplexer als die bekannten 3 Dimensionen. Ziel der 3 Spiellevel ist es, Städte mit Rollschuhen zu durchqueren und zu zerstören. Durch die Bildschirmaufteilung und simultane Seitenansichten sind Kopfschmerzen vorprogrammiert.
monochrom: Sowjet-Unterzögersdorf - Sektor I+II (seit 2005 fortlaufend)
Das in Wien, Bamberg und Graz situierte „Kunstneigungskollektiv“ monochrom konstruiert und reflektiert alternative Welt- und Geschichtsmodelle. Ihre Projekte setzten sich teilweise mit interkulturellen, wissenschaftlichen und philosophischen Konzepten auseinander, nehmen aber auch direkt Bezug auf die Science-Fiction- und Fantastik-Fankultur.
Das Adventuregame Sowjet-Unterzögersdorf implementiert eine "falsche Erinnerung" in die österreichische Historie: Es ist die Fiktion einer letzten existierenden Teilrepublik der UdSSR in Österreich. Der digitale Miniaturstaat unterhält keine diplomatischen Beziehungen zur „sogenannten Republik Österreich“ oder zur „Festung Europäische Union“. Die Fake-Historie wurde kreiert, um Themen wie die theoretische Problematik der Historiographie, das Konzept der Sozialen Utopie und die politischen Probleme im Europa der Nachkriegszeit zu verhandeln. Für monochrom stellt das Adventuregame - eine beinahe ausgestorbene Gattung des Computerspiels - das perfekte Medium dar, die Idee Sowjet-Unterzögersdorfs zu kommunizieren.
"Radikal-konstruktivistisch-non-dualistische Kunst at its best!" schrieb Stefan Weber über monochrom im Internetmagazin telepolis.
retroyou.org (Joan Leandre): retroyou nostal(G), (2002-03)
Der spanische Medienkünstler Joan Leandre, Mitglied des „Unknown Frame Observatory” und der „OVNI Archives”, hat auf retroyou.org seit 1999 zahlreiche Hacks kommerzieller Spiele und Software veröffentlicht. retro You (RC) ist eine Modifikation der 3D-Grafiken eines Autorennvideospiels, während retroyou nostal(G) eine aggressive, aber mit Sorgfalt über Jahre hinweg betriebene destruktive Reduktion eines Helikopter-Flugsimulators ist. In beiden Fällen nutzt er Software, um machtvolle Ideologiemaschinen zu unterwandern und neu zu schreiben, um konventionelle Realitätsgeneratoren in ein Medium für Illusionen zu verwandeln.
Mittels des spieleigenen Editors wurdem in retroyou nostal(G) die für die Navigation grundlegenden Parameter des handelsüblicher Flugsimulator wie Reliefstruktur der Erdoberfläche, Schwerkraft und Steuerinstrumente radikal modifiziert und damit weitestgehend außer Kraft gesetzt. Joan Leandre enttäuscht vorsätzlich die Erwartungshaltung der User_innen, die das Zustandekommen sinnvoller Interaktion mit dem Computerspiel als selbstverständlich voraussetzen. Die auf sich selbst gestellten Spieler_innen sind herausgefordert, sich die unsinnigen Funktionen des Spiels wieder anzueignen. Diese Software-Manipulation erschüttert das naive Vertrauen in die Illusion von Wirklichkeitsreferenzen und richtet sich gegen das übermächtige Monopol der Softwareindustrie, in der „Nutzer_innenfreundlichkeit“ allzu oft Mittel ist, Menschen zu manipulieren.
Tiltfactor: LAYOFF (2009)
Das Labor Tiltfactor ist das erste akademische Zentrum für kritisches Spielen, beheimatet am Dartmouth College in New York City (USA). Künstler_innen, Designer_innen, Theoretiker_innen kreieren alle Arten von Spielen, darunter auch einfach simple Online-Computerspiele. Diese Spiele dienen keinen kommerziellen Interessen, sondern haben letztendlich pädagogischen Hintergrund. Der Spielspaß steht dabei an erster Stelle. Tiltfactors Software soll sozial verantwortliche Interaktion und sozialen Wandel ermöglichen.
LAYOFF (dt.: Kündigen) ist Tiltfactors (gemeinsam mit Value at Play) aktueller Kommentar zur Krise des Finanzsystems und ihren Auswirkungen. Die Spieler sind Manager, dessen Aufgabe es, ist Arbeitsplätze zu kürzen und Gruppen von Arbeitern zu bestimmen, die gekündigt werden, um das allgegenwärtige Diktum der Effizienz zu erfüllen. Wie so vieles im Spiel und in der (Wirtschafts-)Welt ungerecht ist, so sind bei LAY OFF die Bänker, obwohl Verursacher des Desasters, unkündbar.











