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AuGuSTheater Neu-Ulm wird 15

13.03.200917:37 UhrKunst & Kultur
Bild: AuGuSTheater Neu-Ulm wird 15
Szenenfoto von der aktuellen Produktion
Szenenfoto von der aktuellen Produktion "Machos, Memmen & Mimosen" im AuGuSTheater Neu-Ulm

(openPR) Frühjahr 1994. Zwei freie Schauspielprofis, Claudia Riese und Heinz Koch, waren plötzlich ganz frei: nämlich ohne Engagement. 15 Jahre hatten sie für eine in der Region bekannte Privatbühne die Kohlen aus dem Feuer geholt und mit ihrem Engagement und ihrem Können wesentlich dazu beigetragen, dass diese Bühne lebendig blieb. Auf einmal wollte man sie nicht mehr, fürchtete um eigene Dominanz, wollte mögliche Konkurrenten ausschalten. Das Duo stand irgendwie mit leeren Händen da – einerseits. Andererseits war da aber offenbar ein absolut zukunftsträchtiges Potential. Jedenfalls war seine zunächst vage Idee, Theatermacher zu werden, einfach mal ein erstes Programm auf die Beine zu stellen, für Auftrittschancen Klinken zu putzen, mangels eines festen Hauses zu spielen, wo mehr als vier Quadratmeter „aufgeschlagen“ wurden, und sich in jeder Hinsicht durchzubeißen, von einem dollen Erfolg gekrönt. Aus dem völlig Ungeplanten, total Unsicheren wurde binnen kurzer Zeit eine erfolgreiche, freie Privatbühne.

Offiziell am 1. April 1994 gegründet, drei Jahre als Wanderbühne geführt und dann im „Konzertsaal“ in Neu-Ulm fest etabliert, ist das AuGuSTheater (Autonomes Goethe- und Schiller-Theater) heute das größte professionelle Privattheater der Region. Und das hat sich inzwischen einen Ruf erworben, der Publikum aus der Region zwischen Stuttgart und Augsburg, zwischen Aalen und Memmingen lockt.

In Neu-Ulm ging es im Herbst 1997 los mit der eigenen Bühne, damals knapp 80 Plätze. Im heutigen „Studio“ startete das AuGuST in Neu-Ulm mit „Sex – aber mit Vergnügen“ von Franca Rame und Dario Fo (der damals gerade den Literaturnobelpreis bekommen hatte). Ein fulminanter Start mit einer fulminanten Darstellerin: Co-Intendantin Claudia Riese sorgte ein Vierteljahr für ständig ausverkauftes Haus. Jetzt läuft die zwölfte Spielzeit in Neu-Ulm mit scheinbar ungebremstem Elan.

Dabei ist es gar nicht so einfach, gerade das Ulmer Publikum über die Donau zu locken. Als Neu-Ulm noch gar nicht Neu-Ulm hieß, vor 200 Jahren, war das Gebiet auf der anderen Seite der Donau „eine Insel der Erholung für den Bürgersmann in der noch mittelalterlich geprägten Enge seiner Stadt“. Schreibt die Neu-Ulmer Chronik. Schattige Alleen, gepflegte Gärten, ein kleines Paradies im Grünen luden die Ulmerinnen und Ulmer ein zum Spazierengehen und Einkehren. Dann schenkte Napoleon Ulm den Württembergern, machte die Donau zum Grenzfluss und schnitt damit die Ulmer von Ihrem Naherholungsgebiet ab. Wenig später wurde mit der Friedrichsau Ersatz geschaffen. Und irgendwie gingen die Ulmer praktisch nicht mehr nach Neu-Ulm, musste man da doch durch die Passkontrolle und eine Zollschranke überwinden. Die „Grenze in den Köpfen“ hat sich irgendwie bis heute gehalten. Na, beinahe…

Seit Beginn der 1980er Jahre nahmen die Anreize (wieder) zu, Freizeit auf Neu-Ulmer Seite zu verbringen. Der Konzertsaal war auch einer der Magneten, erst wegen regelmäßiger Konzerte und dann wegen noch regelmäßigerer Theatervorstellungen. Und seit seinem Wechsel an diese Adresse zieht das Theater Neu-Ulm ein Buntes Gemisch von Theatergängern, in erster Linie aus Neu-Ulm und dem Landkreis, dann aber vermehrt auch Ulmerinnen und Ulmer, die das Spielplan-Angebot der Profi-Bühne in der Silcherstraße 2 sehr wohl zu schätzen wissen.

Das Theater Neu-Ulm hat immer gespielt und spielt, was aktuell ist. Für eine Privatbühne, die dringend auf die Kasseneinnahmen angewiesen ist, stehen erstaunlich viele Uraufführungen auf dem Programmzettel, also Stücke, von denen man gar nicht weiß, ob und wie gut sie beim Publikum „ankommen“ – anter anderem „Freundinnen“ von Maximilian & Pauli, „Die Frau seines Lebens“ von Felix Huby und Boris Pfeiffer oder auch Schillers „Die Räuber“ in der Fassung von Alma Zorn. Andererseits haben die Neu-Ulmer so manches Stück aufgeführt, was sich dann später in der ganzen Republik als Publikumsrenner entpuppte („Drei Mal Leben“, „Männerhort“, „Sekretärinnen“, „Ladies Night“ …).

Risiko auch in anderer Hinsicht: Die Neu-Ulmer Theatermacher haben viele Stücke selbst geschrieben. Dabei hatten sie allerdings meist ein „Händchen“, schrieben sie doch überwiegend absolute Kassenmagneten! Wie das derzeit nochmals wieder aufgenommene „Machos, Memmen und Mimosen“, die immer wieder gezeigte allererste und ständig aktualisierte Produktion „Liebe & andere Katastrofen“ (die längst so etwas wie Kult im AuGuST ist), „Alles nur aus Liebe“ oder auch das (neuerdings an anderen Theaterstandorten gefragte) „Schixen in the City“.

Die Neu-Ulmer haben schon vor 15 Jahren „Loriot“ gespielt, der heute bundesweit zu den zehn meistgespielten Autoren gehört. Aber neben großer Theaterliteratur wie Goethes „Faust“ und Schillers „Die Räuber“ oder auch Dostojewskis „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ waren es auch immer wieder tolle Stoffe lebender Autoren, mit denen das Publikum begeistert wurde, wie „Salzwasser“ (als Tournee durch 20 Kneipen in der Region) und „Port Authority“ von Conor McPherson oder „Kelly Briefe“ von Wolf Wondratschek (UA) oder jetzt gerade der außergewöhnliche Abend „Über Männer“ von Xavier Durringer.

Am liebsten ist es den Neu-Ulmer Theatermachern, wenn sie ihre erzkomödiantische Ader zeigen und ihr Publikum gut unterhalten können. Dabei halten Sie es auch John Cleese (Monthy Python), der mal gesagt hat: "Vielleicht gibt es etwas Schwierigeres, als gute Komödie zu machen - aber ich weiß nicht, was es ist."

Anlässlich der letzten Komödienpremiere des Theater Neu-Ulm Ende 2008, „Ganze Kerle“ von Kerry Renard in der Bearbeitung von Matthias Freihof, zog die Neu-Ulmer Zeitung das "Fazit: Das AuGuSTheater hat mit dieser Inszenierung wieder mal bewiesen, dass es in der Komödien-Sparte weit und breit kaum zu toppen ist."

So richtig gefeiert wird nicht am 1. April, obwohl 15 Jahre für eine freie Bühne eine verdammt lange Zeit sind. Über die Jahre hin einen derzeitigen Spielplan, wie oben skizziert, bei dem Mini-Etat hinzulegen, ist vermutlich beispiellos. Sich künstlerisch weiterentwickelt und materiell über Wasser gehalten zu haben, grenzt an ein Wunder, vor allem unter dem Aspekt, dass die Region nicht gerade arm an Künstlerischen und Kulturellen Angeboten ist. Wenn man die wirtschaftliche (allgemeine Krisen-)Situation berücksichtigt, ist es alles andere als leicht, Prognosen für weitere 15 Jahre zu wagen. Das Theater Neu-Ulm – das ist immerhin mal sicher – will sich keinesfalls auf seinen Lorbeeren ausruhen.

Als eine Art „Ersatz-Geburtstagsfeier“ darf man die Premiere am 3. April ansehen. Da bringt das AuGuSTheater Neu-Ulm sein neues Stück heraus: "Novecento - die Legende vom Ozeanpianisten“.

Die Textvorlage gehört zu der Sorte von Romanen, „die uns mit ihren Worten noch lange verfolgen, uns dazu verhelfen, die Welt einmal mit anderen Augen zu sehen oder neue zu eröffnen“ , so Alexandra Kelpin in „wortlaut.de Göttinger Zeitschrift für neue Literatur“.

Die Rezensentin fährt fort: „Ein solches Kunststück ist Baricco mit 'Novecento’ gelungen, einer 'laut vorzulesenden Erzählung’, die eigentlich als Theaterstück konzipiert war, sich aber jeder eindeutigen Klassifizierung entzieht.“ Und sie behauptet: „Novecento ist sicherlich eine der großen europäischen Geschichten - mit einem außergewöhnlichen Helden und ohne Happy End - die die Gratwanderung zwischen Melancholie und lebensklugem Witz meistert."

»Solange du eine gute Geschichte auf Lager hast und jemanden, dem du sie erzählen kannst, bist du noch nicht am Ende.« (Novecento)

Danny Boodmann T.D. Lemon Novecento – das Findelkind in der Zitronenkiste auf dem Klavier im Ballsaal der Luxus-Klasse eines Überseedampfers Anfang des Jahres 1900 (novecento) – er wird sein Leben lang an Bord bleiben, nicht einen Schritt aufs Land setzen.
Er liest in den Augen und den Geschichten der Menschen alles über die Welt, die er nie betreten hat. Er selbst wird weltbekannt. Als der legendäre Ozeanpianist verzaubert er nicht nur alle an Bord: Der „Erfinder des Jazz“, Jelly Roll Morton, bucht als Passagier, um Novecento zum musikalischen Duell herauszufordern…

Das AuGuSTheater Neu-Ulm spinnt mit „Novecento“ den Faden in puncto modernes Erzähltheater weiter, zu dem frühere Inszenierungen gehören wie "Sex - aber mit Vergügen" von Franca Rame und Dario Fo, „Salzwasser“ und "Männerseelen“ von Conor McPherson, „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ von Dostojewski, "Die Frau seines Lebens" von Boris
Pfeiffer / Felix Huby, "Executor 14" von Adel Hakim oder auch „Kelly-Briefe“ von Wolf Wondratschek – um nur ein paar AuGuST-Produktionen in diesem Genre zu nennen.

Für alle, die noch mehr über das Theatermacherduo, seine Intentionen und Ambitionen erfahren möchte:

http://www.theater-neu-ulm.de/wunderbar.pdf

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