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Auf der Suche nach dem Unmöglichen - Istanbul 2010, oder wird die Oper abgeschafft?

03.02.200918:19 UhrKunst & Kultur
Bild: Auf der Suche nach dem Unmöglichen - Istanbul 2010, oder wird die Oper abgeschafft?

(openPR) (von Christian Bauer) Die Signale stehen auf Sturm, in Istanbul wird nicht gekleckert, da wird zugepackt, und eines ist sicher. Die Metropole am Bosporus, die Stadt zwischen Orient und Okzident wird ein beeindruckendes Feuerwerk von Präsentationen bieten, um dem Titel einer europäischen Kulturhauptstadt würdig zu sein. Da hat man schon Erfahrung, da wimmelt es nur so von Chairmen und Direktoren. Man wird das Gefühl nicht los, die gesamte Regierungsmannschaft, die Stadtverwaltung und alle Ämter seien nur noch mit Europa beschäftigt, schaut man auf ihre Internetseite (www. istanbul2010.org). Europa ist ein türkisches Thema, und jeder geht es in türkischer Manier auf seine Art und Weise an.



Schaut man dahinter, dann tun sich schwarze Löcher auf.
Da wiehert der Amtsschimmel, und auch Istanbuls Bürgermeister antwortet auf kein Schreiben, das in irgendeiner Form mit dem 2010 Projekt zu tun hat. „Es ist leider nichts bei uns angekommen“, so heißt es mit bedauerlichem Unterton in der Stimme des 10. oder 14. Adlaten, da weiß man von Vorzimmer zu Vorzimmer zu verweisen, jeder gibt ein Statement ab, und keiner weiß nichts ...

Fragt man beim Büro „Istanbul 2010“ im feudalen Office an der berühmten Istiklal Caddessi um den Stand der Dinge nach, so ist alles in bester Ordnung, aber so fügt Mehmet Gürkan, einer der vier(!) Generalsekretäre weinerlich hinzu, es gebe ja unendlich viele Probleme, die aber alle auf dem besten Weg einer Lösung seien.

Da wird es doch interessant, einmal konkreter nachzufragen, wie es um einzelne Projekte steht. „News from us“, das linkt der erste Button der Internetseite, der tiefe Einblicke gestattet, direkt auf die Seite einer noblen Autoverleihfirma. Zufall oder Missgeschick?
Schauen wir einmal in die Projekte der visuellen Art, findet man einen Hinweis auf Künstler der Partnerstädte, wo niemand genannt wird und auch kaum niemand ist so richtig informiert, wie und wo was laufen soll. Und in der Folge aller Buttons sind Ideen angerissen, vor allem ist Verantwortung delegiert, man darf gespannt sein.

Man wird doch nicht etwa davon ausgehen, dass in Zusammenarbeit mit der Istanbul Foundation for Culture and Arts (IVKS) diese es schon richten mag!


Ein Blick auf die Oper im Zentrum der Metropole
Wir schauen mit trauerndem Blick seit Tagen auf das alte Gebäude, das verweist am Taxim-Platz liegt, kein Arbeiter ist zu sehen, nichts regt sich, dabei ist die Oper bereits vor einem halben Jahr ausgezogen. Es scheint, dass sich unsere Insiderinformationen bestätigen, die da flüstern, man werde sich nicht einig, was und wie eigentlich renoviert werden soll und wie letztendlich die Nutzu7ng vonstatten gehen soll, ob man überhaupt wieder ein Opernhaus in der Mitte der Metropole haben wolle, denn Oper sei nun mal nichts ausgesprochen Türkisches, aber das sind Gerüchte. Wir wollen dem nachgehen
Also machen wir uns auf, das Opernhaus zu suchen, das auf der asiatischen Seite der City gelegen ist, um mit den Verantwortlichen zu versuchen, ein offenes Wort zu sprechen.

Doch so einfach gestaltet sich die Suche nicht. Wir fahren mit der umstrittenen, aber äußerst praktischen neuen Drahtseilbahn hinunter an das Wasser, steigen in die erweiterte Straßenbahn und fahren bis zur Schiffsanlegestelle, um nach Kadiköy in den asiatischen Teil Istanbuls überzusetzen.
Alles hat vorzüglich geklappt, doch jetzt beginnt unsere Odyssee. Wir fragen die zahlreichen vorbeihastenden Passanten nach dem Süreyya Opernhaus. Man schaut uns ungläubig an, und ganz in türkischer Manier gibt’s eine Ortsbeschreibung. (Darauf sollte man sich besser nicht verlassen, denn auch wenn man den Weg nicht weiß, wird bereitwillig und freundlich Auskunft gegeben) Nach sechs oder sieben vergeblichen Anläufen versuchen wir‘s mit einem Taxifahrer, der unser Objekt der Begierde leider auch nicht kennt. Der nächste bedeutet uns irgendwie den Berg hinauf zu gehen, es sei ganz nahe und eine Taxifahrt lohne ohnedies nicht.
Glücklich stapfen wir im Regen nassen Winterwetter die Straße bergan. Zu unsicher erscheint uns die Suche, so dass wir in zwei Läden nachfragen, die leider keine ortskundigen Angestellten haben.
Der letzte Versuch endlich fruchtet, eine Bäckereiverkäuferin bedeutet uns, dem Straßenverlauf und vor allem den Straßenbahnschien zu folgen. Voller Vertrauen in die sicher klingende Auskunft der netten Türkin machen wir uns auf und finden endlich nach 20minütgem Fußmarsch das Haus, das uns freundlich hell angestrahlt empfängt.

Und da steht sie, unsere liebenswürdige Pressesprecherin der Istanbul Oper, Esra Aysun, die sich soviel Mühe im Vorfeld gegeben hat, uns mit dem laufenden Programm des Hauses vertraut zu machen. Sogleich eilen zwei Herren herbei, wovon uns einer bekannt ist, nämlich Suat Arikan, der uns als Verwaltungsdirektor und künstlerischer Leiter vorgestellt wird, ein sicher nicht leichter Job für den Sänger, dessen Bariton uns aus der Demiris Oper „Murat IV.“ noch in bester klangvoller Erinnerung ist. Begleitet wird er von Niyazi Ölmez, der einen äußerst detaillierten Abriss über das Opernhaus am Taxim 1960-2008 verfasst hat, gerade eben erschienen. Wir sind begeistert. Zwei profunde Kenner und Liebhaber ihrer Arbeit und des Opernhauses. Der Hausherr erläutert das Programm der laufenden Spielzeit, das arg geschmälert versucht, den Ruf des Hauses national und vor allem international hoch zu halten, ein fast unmögliches Unterfangen in dem kleinen „Schatzkästchen“ , das der Bürgermeister des asiatischen Istanbul-Stadtteils der Oper zur Verfügung gestellt hat, für den Übergang.

Am Abend können wir uns dann von dem überzeugen, was man aus einem ehemaligen Kino gemacht hat, um als Weltstadt die Oper zu halten und zu präsentieren. La Traviata steht auf dem Programm, inszeniert von Yekta Kara, der ehemaligen Intendantin und Regisseurin, deren Inszenierungen auch in Deutschland anerkannt sind. Ein etwas unglücklicher Dirigent Peter Valentovic muss im Orchestergraben überzeugen, der gerademal etwas mehr als 20 Musikern Platzangst verschafft. Evren Eksi überzeugt uns als Violetta, auch Hüseyin Likos als Alfredo macht eine gute stimmliche Figur, das ganze Ensemble agiert sehr engagiert im minimalistischen Umfeld der Kara-Inszenierung. Die Regisseurin weiß, ihr westliches Know-how geschickt einzusetzen, und das überwiegend türkische Publikum dankt es allen mit Beifallsbekundungen.

Den nächsten Abend erwarten wir mit Spannung ein Ballett-Medley, das Beyhan Murphy auf die Bretter der kleinen Bühne zu stellen erarbeitet hat. Die Choreographin hat in Europa einen guten Ruf, ihr Experiment, modernes Ballett nach Istanbul zu bringen, wurde nicht goutiert . So verschwand die Könnerin ganz plötzlich vom Spielplan. Dass sie wieder präsent ist, lässt uns hoffen. Und so werden unsere Erwartungen erfüllt. Beyhan Murphy hat es geschafft, ein Kompositum mixtum westlich-östlicher Interpretationen moderner Tanzdramaturgie an einem Abend zu vereinen. Vom Harem Pas de deux zum volksinsiprierten Tanz um das Leben von Frauen in der Türkei bis hin zu Mercan Dede’s retro-inspirierte contemporary Turkish music schafft sie den Spagat zwischen gestern und heute hervorragend. Wir wünschen der Chef-Choreographin den verdienten Erfolg, gerade, wenn es um die Erneuerung der Istanbul Oper und Ballet bis zum Jahr 2010 geht.

Wir hoffen für alle, die so engagiert mit dem Haus verbunden sind, dass Istanbul wieder ein eigenständiges Opernhaus im Zentrum der Weltmetropole zum Jahr 2010 installiert hat. Das wäre einer Kulturhauptstadt Europas würdig und darüber hinaus ein Zeichen dafür, dass Europa für Istanbul nicht nur pekuniär clever gelenkte Tourismus-Interessen beinhaltet.

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