(openPR) FREIBURG – Ein Modell zur Integrierten Versorgung von Menschen mit Depressionen wird seinen eigenen Zielvorgaben nicht gerecht. Die Mehrzahl der niedergelassenen Psychotherapeuten bleibt dabei außen vor. Davon betroffen ist unter anderem der Großteil aller ärztlichen Psychotherapeuten einschließlich der Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Entgegen dem aktuellen Stand von internationaler Forschung und Therapie-Leitlinien wird den Patienten ein großer Teil der nachweislich wirksamen Psychotherapieverfahren vorenthalten – letztlich zugunsten der weniger nachhaltig wirksamen und risikoreicheren Pharmakotherapie.
„Integrierte Versorgung“ (I.V.) klingt gut, doch die bislang gestarteten I.V.-Projekte werden ihrem hehren Anspruch oft nicht gerecht. Möglicherweise trifft dies auf Projekte, die psychisch Kranken zugute kommen sollen, in besonderem Maß zu. Es ist nicht von ungefähr, dass die Mehrzahl der bislang erfolgreich gestarteten I.V.-Verträge auf klar umgrenzte körperliche Erkrankungen fokussieren, bei denen ganz bestimmte organmedizinische Maßnahmen angezeigt sind, wie etwa die operative Einpflanzung eines künstlichen Hüftgelenks. Depression ist aber nicht Depression und vor allem: Eine Person, die an einer solchen erkrankt, kann sich erheblich von dem unterscheiden, wie ein „typischer Depressiver“ im Lehrbuch beschrieben wird. „Die Einteilung in leichte, mittelschwere und schwere Depressionen beispielsweise wird dem einzelnen Patienten mit seiner individuellen Geschichte, seinem sozialen Umfeld und seinen spezifischen Persönlichkeitsfaktoren bei weitem nicht gerecht“ erklärt Prof. Thomas Loew, Regensburg, erster Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie. Dem entsprechend bräuchten Patienten mit Depressionen eine maßgeschneiderte Therapie. Voraussetzung dafür sei unter anderem eine sehr sorgfältige Diagnostik, wie sie im Rahmen der Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik (OPD) umgesetzt werde.
Die schmucke Fassade bröckelt
„Schauen Sie sich die Verträge sehr genau an, die Ihnen derzeit angeboten werden, denn möglicherweise steht die Absicht der Krankenkassen, Geld zu sparen dabei im Vordergrund und nicht immer nur das hehre Ziel, die Patientenversorgung wirklich zu verbessern“, warnt Loew. Klopft man prüfend ab, was derzeit von der DAK in konzertierter Aktion mit der Psychiatrischen Abteilung der Freiburger Uniklinik als „Freiburger Modell“ angepriesen wird dann bröckelt es erheblich von der schmucken Fassade des Vertragsgebäudes.
Der am 1. November 2008 unterzeichnete Vertrag sieht vor, dass DAK-Versicherte, bei denen eine leichte bis mittelschwere Depression diagnostiziert wird, zunächst von den beteiligten Hausärzten und niedergelassenen Psychiatern medikamentös oder psychotherapeutisch behandelt werden. Da das Vertragswerk keine spezifische psychotherapeutische Kompetenz der beteiligten Ärzte fordert, dürfte sich die primäre Behandlung dieser Patienten in der Regel auf die Verordnung von Medikamenten beschränken. Hier ist ein eklatanter Widerspruch zu einer Aussage zu erkennen, die an verschiedenen Stellen des Vertragswerks und des dazugehörigen Werbematerials auftaucht. Dabei wird betont, dass durch das I.V.-Modell eine leitliniengerechte Behandlung der Depression gesichert werden soll. „Leitliniengerecht würde aber bedeuten, dass die Psychotherapie bei den in Frage kommenden Therapiemodalitäten an erster Stelle steht und die medikamentöse Behandlung immer mit einer psychotherapeutischen kombiniert werden sollte“, erklärt Prof. Hans-Christian Deter, Berlin, erster Vorsitzender des Deutschen Kollegiums für Psychosomatische Medizin.
Wachsende Bedeutung der Psychotherapie
Dass der Stellenwert der Psychotherapie in der leitliniengerechten Therapie der Depression noch weiter wachsen wird, zeichne sich, so Prof. Henning Schauenburg, Heidelberg, im Hinblick auf die in Kürze zu erwartende Veröffentlichung der aktualisierten, nationalen Versorgungsleitlinie zur Behandlung der unipolaren Depression bereits deutlich ab. Die psychotherapeutische Versorgung Depressiver wird derzeit überwiegend von niedergelassenen ärztlichen und psychologischen Psychotherapeuten im Rahmen der Richtlinienpsychotherapie gewährleistet. Das Freiburger Modell schließt aber eine reguläre ambulante Psychotherapie gemäß Psychotherapierichtlinien von vornherein aus. Von den beteiligten Hausärzten können in sechs Wochen maximal vier Gespräche á 20 Minuten abgerechnet werden, von den Psychiatern maximal fünfeinhalb Stunden in fünf Monaten. Für Patienten mit schweren oder chronischen Verläufen werden von der psychiatrischen Uniklinik Freiburg Gruppentherapie und ggf. stationäre Behandlung angeboten.
Gruppentherapie für viele Patienten unvorstellbar
„Das Freiburger Modell wird dem Anspruch einer integrierten Versorgung bei weitem nicht gerecht, weil es im ambulanten Sektor ganze Berufsgruppen ausschließt, die aber an der Versorgung depressiver Patienten maßgeblich beteiligt sind“, bestätigt Dr. Irmgard Pfaffinger, niedergelassene Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in München und stellvertretende Vorsitzende im DGPM-Vorstand. Das Psychotherapie-Angebot im Rahmen des Modells steht – entgegen den Leitlinien und einem breiten internationalen Konsens – nur einem Teil der Patienten zur Verfügung und ist zudem auf einen kleinen Ausschnitt aus der Vielfalt der Psychotherapieverfahren begrenzt, nämlich auf verhaltenstherapeutische Gruppenangebote. Viele Patienten mit Depression können sich die Teilnahme an einer Gruppentherapie jedoch beim besten Willen nicht vorstellen.
Nachbesserungen dringend erforderlich
Möglicherweise kann das Freiburger Modell dazu beitragen, die nach wie vor niedrige Früherkennungsrate von Depressionen im hausärztlichen Bereich zu verbessern. Der primäre Schwerpunkt auf einer rein medikamentösen Therapie bei den leichten bis mittelschweren Depressionen konterkariert jedoch die von den Autoren des Vertrags proklamierte Zielsetzung, Chronifizierung und Rückfälle zu vermeiden. Dazu gibt es eine Reihe von Studien, die belegen, dass die Psychotherapie einer rein medikamentösen Behandlung bei der Vermeidung von Rückfällen deutlich überlegen ist.
Die DAK plant, das „Freiburger Modell“ auf eine Reihe weiterer Städte auszudehnen. Was bleibt, ist die Hoffnung auf eine tief greifende Nachbesserung des Vertrags, angefangen beim Titel des dazugehörigen Flyers. In dessen Überschrift ist nämlich vom „Freiburger Modell zur Integrierten Versorgung depressiver Erkrankungen“ die Rede und nicht von Menschen mit depressiven Erkrankungen, um die es doch eigentlich gehen sollte…
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Stand: 19.01.2009, Veröffentlichung honorarfrei, für Belege sind wir dankbar








