(openPR) Individualität kann man nicht fördern - Zwillinge regeln vieles selbst
Die Geburt unserer Zwillinge begann mit einem kräftigen Tritt. Leon - rechts im Bauch - holte aus und zertrat Henriks Fruchtblase. Zehn Stunden nach dem so verursachten Blasensprung kamen die beiden zur Welt. So wie am Tag ihrer Geburt sind sie geblieben: Leon liebt den großen Auftritt und Henrik hält sich zurück.
An jenem regnerischen Sonntag im Oktober 2003 war uns noch nicht klar, wie unterschiedlich zweieiige Zwillinge sein können. Kurz danach hatten wir sämtliche Milieutheorien über den Haufen geworfen. Unsere Zwillinge brachten so viele eigene, für sie typische Züge mit zur Welt, dass uns unser eigener Einfluss bedeutungslos erschien.
Schon im Bauch habe ich Henrik kaum gespürt. Auf der linken Seite herrschte Ruhe, einziges Lebenszeichen war sein regelmäßiger Schluckauf. Leon hingegen machte ständig Party. Hier getreten, dort gedreht, das Köpfchen in Mamas Blase gerammt, bei Leon war immer was los. Kein Wunder, dass er bei der Entbindung verkehrt herum lag. Da er der erste Zwilling war, ging es nur per Kaiserschnitt. Henrik hingegen lag richtig herum. Doch ihn hat keiner gefragt.
Gleich nach der Geburt fiel uns das unterschiedliche Verhalten an der Brust auf. Leon glich einem Piranha. Er dockte an, trank und schon war die Brust leer. So isst er bis heute. Hinsetzen, reinschlingen, aufstehen. Henrik dagegen war von Anfang an der Gourmet. Entspannt lag er an der Brust, schnupperte erst mal das Aroma, drehte innerlich noch ein paar Runden nach dem Motto „Soll ich oder soll ich nicht?“ und trank schließlich in aller Ruhe. Noch heute lässt er sich beim Essen Zeit. Während sein Bruder längst irgendwo herumspringt, sitzt er am Tisch, das Brot kaum angebissen auf dem Teller.
Wir haben uns während der Schwangerschaft viele Gedanken über die Individualität unserer Kinder gemacht. In Büchern war zu lesen, dass man Individualität zwar nicht fördern, jedoch verhindern könne. Zum Beispiel über die Kleidung. Dabei fanden wir es doch so niedlich, zwei kleine Menschen gleich anzuziehen. Nein, meinten die Fachleute, das stehe der individuellen Entwicklung im Wege.
Inzwischen vertrauen wir nicht mehr auf Bücher, sondern auf unsere Kinder. Sie regeln vieles selbst. Bei der Kleidung hat jeder seinen eigenen Geschmack. Henrik mag es gern gestreift, oben quer und unten längs. Leon hat am liebsten einen Ritter auf dem Sweatshirt und einen Drachen auf der Hose.
Es haben sich viele gegensätzliche Charaktermerkmale herausgebildet. Leon probiert aus, Henrik denkt nach. Leon kämpft mit Fäusten, Henrik mit Worten. Leon ist ein Entertainer, der ein großes Publikum auch dann zum Lachen bringt, wenn er Mist gebaut hat. Henrik äußert seine Bedenken und weist andere auf ihre Schwächen hin.
Menschen, die so gegensätzlich sind, müssen sich einfach anziehen. Und wirklich: Zusammen ist dieses Team unschlagbar. Der eine emotional und risikofreudig, der andere analytisch und kontrolliert. Wenn Henrik sagt: „Leon, sollen wir auf die Mülltonnen klettern und Steinchen auf die Autos schmeißen“, dann klettert Leon auf die Mülltonnen und schmeißt Steinchen auf die Autos. Henrik plant und Leon führt aus. Es hat eine Weile gedauert, bis wir dahinter kamen, dass beide gleichsam hinter Leons Unfug stecken und dass sie somit gemeinsam die Konsequenzen tragen müssen.
Auch in Notsituationen profitieren sie voneinander. Bei einem Spaziergang fuhren sie auf ihren Fahrrädern soweit voraus, dass sie uns Fußgänger nicht mehr wiederfanden. Als wir schließlich zu unserem Ausgangspunkt – einem Spielplatz am Rande einer verkehrsberuhigten Siedlung – zurückkehrten, hörten wir lautes Wehklagen. Leon heulte vor Angst und Aufregung, so dass wir nur dem Weinen folgen mussten, um die beiden wiederzufinden. Henrik dagegen lotste Leon bereits zum Auto. Er hatte sich gedacht: Dahin kehren sie bestimmt zurück. So ist es häufig: Jeder hat seine eigene Strategie, gemeinsam sind sie stark.
Andererseits nutzen diese beiden kleinen Individuen jede sich bietende Gelegenheit, sich voneinander abzugrenzen. Wenn wir sie morgens vor dem Kindergarten fragen: „Wollt Ihr mit dem Fahrrad fahren oder zu Fuß gehen?“ sagt der eine „Mit dem Fahrrad.“ Der andere: „Zu Fuß.“ Sie konnten kaum sprechen, da bezogen sie schon unterschiedliche Positionen. Hauptsache das Gegenteil. Als ich ihnen im Alter von zwei Jahren erzählte, dass sie beide in meinem Bauch gewesen seien, strahlte Leon mich an. Ganz genau ließ er sich zeigen, wo sein Köpfchen gelegen hatte, sein Bauch, seine Beine. Henrik hingegen wollte davon nichts wissen. Er schüttelte nur missbilligend den Kopf und meinte: „Nein. Henrik Papa Bauch.“








