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„Invest in Future“ - Innovative Bildungskonzepte umsetzen

22.10.200820:36 UhrPolitik, Recht & Gesellschaft
Bild: „Invest in Future“ - Innovative Bildungskonzepte umsetzen
Foto: Konzept-e / Andrea Fabry
Foto: Konzept-e / Andrea Fabry

(openPR) Die Konzepte sind da. Jetzt müssen sie ihren Weg in die pädagogische Praxis deutscher Kindertageseinrichtungen finden. Der interdisziplinäre Betreuungs- und Bildungskongress „Invest in Future“ beschäftigte sich am 13. und 14. Oktober 2008 in Stuttgart unter anderem mit den Herausforderungen des Wandels und präsentierte gute Beispiele betrieblicher oder betriebsnaher Kinderbetreuung. Rund 300 Teilnehmerinnen & Teilnehmer informierten sich in insgesamt 40 Vorträgen und nutzen die Chance zum Austausch sowie zur Vernetzung. Fünf Kindertageseinrichtungen erhielten die Auszeichnung „Invest in Future Award“ für innovative Raumkonzepte. 2009 findet der Kongress am 19./20. Oktober statt.



Stuttgart (eos) – „Wir brauchen eine Pädagogik, die das Kind als 'aktiven Selbstlerner' in den Mittelpunkt der Überlegungen rückt“, sagte Peter Sauber, Vorstand des KIND e.V.-Dachverbands zur Eröffnung des diesjährigen interdisziplinären Betreuungs- und Bildungskongresses „Invest in Future“ in Stuttgart. Am 13. und 14. Oktober besuchten über 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Unternehmen, von Einrichtungsträgern, aus Kommunen und Institutionen das Symposium, das ihnen eine jährliche Plattform für Information, Austausch und Vernetzung bietet. Neben dem KIND e.V.-Dachverband sind die Konzept-e für Kindertagesstätten gGmbH und die Wirtschaftsförderung Region Stuttgart GmbH (WRS) Veranstalter des Kongresses. Die Zusammenschau der wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und pädagogischen Sichtweisen auf Betreuung und Bildung machen das unverwechselbare Profil von „Invest in Future“ aus. So erklärte Peter Sauber in seiner Rede auch, warum eine neue, am Kind und seinen Interessen orientierte Pädagogik wirtschaftlich vorteilhaft ist: „Die Fähigkeit zu vernetztem und fantasievollem Denken, 'Querdenken' als Voraussetzung für echte Innovationsfähigkeit, aber auch die Stärkung einer Leistungsmotivation, die Frustrationstoleranz einschließt – all dies sind Eigenschaften, die Voraussetzung für echtes unternehmerisches Handeln sind. Auch die Wirtschaft hat daher ein fundamentales Interesse an innovativen Bildungskonzepten.“ Das Thema hat an Stellenwert gewonnen, stellte WRS-Geschäftsführer Dr. Walter Rogg fest: „Zum letzten Mal wurde Ende der 60er Jahre unter dem Stichwort Bildungskatastrophe so breit über Bildung diskutiert, heute sprechen wir vom Pisa-Schock.“

Veränderte Kindheit – veränderte Bildung
Neben den vielzitierten unterdurchschnittlichen Ergebnissen deutscher Schülerinnen und Schüler beim Bildungsvergleichstest PISA ist es eine veränderte „Kindheit“, die neben einem Strukturwandel im Bildungssystem auch eine neue Pädagogik nötig macht. Wolfgang Hörner, Professor für vergleichende Pädagogik an der Universität Leipzig, sagte: „Wir haben es mit gelockerten Familienstrukturen zu tun, die Kindern heute häufig weniger Sicherheit bieten als früher. Unkontrollierter Einfluss von Medien konfrontiert sie außerdem oft früh mit der Erwachsenenwelt und führt zu einem Leben 'aus zweiter Hand'.“ Außerdem beschreibt Hörner eine Kindheit die großteils isoliert im Haus stattfindet, weil natürliche Lebensräume für Kinder in einer eng bebauten, verkehrsreichen Umgebung fehlen. Die Nachmittage sind in Zeitblöcke mit festen Aktivitäten – Fußball, Flötenunterricht, Tanzen – eingeteilt. Verinselung nennt das der Fachmann. Eine sich immer weiter spreizende soziale Schere führt zudem dazu, dass viele Kinder solche Angebote nicht mehr wahrnehmen können. Soziale Herkunft und Bildungserfolg sind nachhaltig miteinander verknüpft. Hörners Forderungen: „Wir müssen den Bereich vorschulischer Bildung erweitern und stärken, gebundene Ganztagsschulen einführen und Gemeinschaftsschulen etablieren, in denen alle Kinder möglichst lange gemeinsam lernen.“ Neben strukturellen Veränderungen empfiehlt Hörner auch einen offeneren Unterricht, der die Selbstständigkeit der Schüler stärkt.

Individualisierung der Bildungsprozesse
Guten Kindertageseinrichtungen machen vor, wie diese offene, am Kind, seinen Interessen und Stärken orientierte Pädagogik aussehen kann. Die Bildungspläne der Länder geben den Rahmen dafür vor. „Diese Vorgaben werden jedoch häufig falsch verstanden und führen zu einer Verschulung frühkindlicher Bildung“, kritisierte Dr. Martin Textor, Leiter des Instituts für Pädagogik und Zukunftsforschung (IPZF) in Würzburg. Statt dessen seien Fachkräfte gefragt, die die Kinder feinfühlig beobachteten, ihre jeweils eigenen Interessen aufgriffen und mit ihren Schützlingen auf Augenhöhe in Interaktion träten ohne lehrerhafte Vorgaben zu machen. Das sei mit dem häufig verwendeten Schlagwort der Individualisierung von Bildungsprozessen gemeint. „Pädagoginnen und Pädagogen verstehen sich heute idealerweise als Forschungs- und Bildungsassistenten der Kinder.“ Dass das einen Paradigmenwechsel bedeutet, darin waren sich die Vortragenden einig. Diese Neuorientierung erfasst auch Kita-Architektur, Raumgestaltung sowie Materialwahl. Zu diesem Thema lobte die Konzept-e für Kindertagesstätten gGmbH daher 2008 erstmals den „Invest in Future Award“ aus. „Über 30 Einsendungen von hoher Qualität machten deutlich, was in diesem Bereich möglichst ist“, berichtete Konzept-e Geschäftsführerin Waltraud Weegmann. „Die ersten drei Preise, die wir während der Abendveranstaltung feierlich verliehen, gingen an vorbildlich gestaltete oder ausgestattete Einrichtungen in Freiburg, Hamburg und Kaiserslautern.“

Neue Pädagogik: Umsetzung als Herausforderung
„Wir können die Umsetzung dieser neuen Pädagogik entlang der frühkindlichen Bildungspläne nicht nur durch Fortbildungsveranstaltungen für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erreichen“, sagte Dr. Margarete Finkel, Leiterin der Abteilung Jugendhilfeplanung des Stuttgarter Jugendamtes. „Wir brauchen Team- und Einrichtungsentwicklungsprozesse, damit wir den mit dem Orientierungsplan, wie er in Baden-Württemberg heißt, verbundenen Paradigmenwechsel tatsächlich vollziehen können.“ Die Stadt bietet daher bis 2011 allen Stuttgarter Kindertageseinrichtungen eine einmalige Förderung von 355 Euro pro Platz an. Die Kitas bewerben sich mit einer Konzeption, die beschreibt, wie sie das Geld verwenden wollen.

Art der Finanzierung kann Qualitätsanreize setzen
Dr. Dieter Dohmen vom Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie erklärte, dass auch eine Umstellung von Objekt- auf Subjektfinanzierung, einen Anreiz für mehr Qualität in der Kinderbetreuung sein könnte. Statt der kompletten Einrichtung finanziert das Land bzw. die Stadt dann tatsächlich genutzte Plätze, zum Beispiel über ein Gutscheinsystem. Das verringert jedoch – zumindest vorübergehend – die Planungssicherheit für die Kitas, macht dort betriebswirtschaftliche Kompetenz nötig und stößt bei vielen Pädagoginnen und Pädagogen auf Angst und Ablehnung. „Kommunen, die eine Umstellung der Finanzierung anstreben, sollten diese daher sehr genau planen und lieber in einem begrenzten Umfang anfangen“, rät Dohmen. „So lassen sich unvermeidliche handwerkliche Fehler besser wieder ausbügeln.“

Familienfreundlichkeit: das Unternehmensthema
Veränderungsprozesse zu gestalten, ist eine ständige Herausforderung in Wirtschaftsunternehmen. Im Moment lautet eine zentrale Zielvorgabe in vielen Betrieben: Wir wollen familienfreundlicher werden. Hans-Michael Diwisch, Personalleiter beim Esslinger Automobilzulieferer Eberspächer, berichtete: „Wir möchten unsere gut qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Unternehmen halten und investierten jetzt über eine Million Euro in unser eigenes Kinderhaus 'Glühwürmchen'. Eine solche bedarfsgerechte und qualitativ hochwertige Kinderbetreuung ist heute noch Mangelware. Das ist ein echter Standortvorteil für uns.“ Das Beispiel zeigt, dass auch in männerdominierten Branchen Familienfreundlichkeit inzwischen ein Thema ist, das ernst genommen wird. „Zu recht“, findet Sofie Geisel, Projektleiterin des Unternehmensnetzwerks „Erfolgsfaktor Familie“. „Studien belegen nämlich, dass 93 Prozent der berufstätigen Väter sich durch die Anforderungen überfordert fühlen, die durch den Beruf und von ihrer Familie an sie gerichtet werden. Über zwei Drittel von ihnen denken daher über eine berufliche Veränderung nach.“

Netzwerke leisten Überzeugungsarbeit
Familienfreundlichkeit ist in vielen Unternehmen jedoch noch ein ganz neues Thema. Erfolgsfaktor Familie, eine gemeinsame Initiative des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) und des Bundesfamilienministeriums, will daher einen niedrigschwelligen Zugang zu familienbewusster Unternehmensführung bieten. „Es muss ja nicht gleich die eigene Kita sein“, sagt Geisel. „Wir machen viele Möglichkeiten publik, die sich auch kleine Betriebe leisten können, vernetzen die Unternehmen untereinander und kurbeln den Erfahrungsaustausch an.“ Auch Dr. Christina Stockfisch, Leiterin des Projektes „Vereinbarkeit von Familie und Beruf gestalten!“ beim DGB-Bundesvorstand, unterstreicht: „Familienfreundlichkeit beginnt in den Köpfen. Sie ist eine Frage der Unternehmenskultur.“ Bei vielen Betriebs- und Personalräten friste das Thema häufig noch ein Schattendasein. „Wir sind jedoch dabei, Vereinbarkeit als Querschnittsthema der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit zu etablieren. Wenn es beispielsweise um Arbeitszeitregelungen oder Gesundheitsvorsorge geht – überall ist die Balance von Familie und Arbeit ein wichtiger Aspekt.“

Invest in Future 2009
Um die Vernetzung der Akteure im Bereich der frühen Betreuung, Erziehung und Bildung geht es auch beim Kongress „Invest in Future“. „Jetzt bin ich so richtig in Fahrt“, sagte eine Kongress-Teilnehmerin lachend. „Eigentlich könnten die Pausen zwischen den Vortragsblöcken zum Ende des Kongresses hin immer länger werden.“ Auch 2009 wird es wieder viele Informationen und ausreichend Zeit zum gegenseitigen Kennenlernen geben. „Invest in Future“ findet nächstes Jahr am 19. und 20. Oktober statt.

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