(openPR) 06.06. bis 28.06.2008, Mi bis Sa, 14 bis 18 Uhr
Was in Sebastian Gögels zahlreichen Zeichnungen und Gemälden – und Tätowierungen – als drastische Penetrationsmotivik und Perforationsgeste daherkommt, gewinnt in der neuen Skulpturenserie des Künstlers eine neue metaphysische Ebene. Hier liefert Gögel gewissermassen Einblick in die gedanklichen Werkzeuge, Nebenformen und Urwesen seiner (Bild-)Welt. Fernab verkrampfter Bemühungen, das Schöne im Häßlichen, das Groteske im vermeintlich Normalen (oder umgekehrt) anhand eines technisch überambitionierten Manierismus zu zelebrieren bis die Aussage vom Kitsch eingemummelt wird, sehen wir hier in aller Präzision, worum es sich handelt:
Ein stalagmitisch emporwachsendes Fließwesen versucht sich triefend von den Gesetzen der Schwerkraft zu befreien: ein harter Kampf gewiss, der das Genick dieses gelatinös-geschmeidigen Humanoiden letztendlich doch strapaziert und in horizontale Stellung zu bringen droht. Auf tautologische Weise benötigt er jedoch die Anziehungskraft der Erde um richtig in Form zu kommen, seinen tragikomischen, viskosblubbernden Wachstumsweg weiter verfolgen und seine fluiden Produkte porentief ausscheiden zu können. Als Psychogramm betrachtet, geht es hier nicht bloß um das Freisetzen des Verdrängten, sondern um das metallische Erstarren einer nicht-instrumentalisierbaren dunklen Macht, die die Konvulsionen des Ausdrucks aber antreibt: Es ist was Anderes, was uns zur Kontaktaufnahme zwingt, bloß was?
Die Kubatur einer in einfacher Bauweise konstruierten, gedämmten Holzkiste verdichtet sich zum psychologischen Gedankenspiel, frei nach dem illustrativen Motto: 'Wer total offen ist, ist nicht ganz dicht.' Der Kasten, der verschiedentlich an einen Kühlschrank, Sarg, Laborschränkchen, Architekturmodell oder Werzeugtruhe denken lässt, liegt als Skulptur am Boden, mit allen sechs Türklappen geöffnet, wie beiläufig gestrandet. Wie von einem anderen Planeten zu Besuch unter uns gelandet, strahlt der Kubus zunächst eine von Luft und Licht durchflutete positive, wenngleich mysteriöse Präsenz aus. In diesem Zustand als hyperventilierende Kapsel büßt der Kasten seine Funktion als praktischer Gebrauchsgegenstand ein und erlangt paradoxerweise den Status eines Behälters formal-ästhetischer Inhalte.
Der Spiegel als das Instrument schlechthin der Selbstreflektion und – wenn man Glück hat – der Selbsterkenntnis, tritt bei Gögel als handwerklich penibel ausgeführte, narzisstische Vasenekstase auf. In seiner Form immer noch als funktionales pseudo-neoklassizistisches Behältnis wahrnehm- und einsetzbar (vielleicht als Blumentopf, Champagnerkelch, Taufbecken, Tennisballbehälter oder Pinseleimer), erzeugt das Ding verstörenden optischen Lärm, der einen Kurzschluss zwischen Disko und mitgebrachtem römischen Klimbim des großen Feldherren Hannibal produziert. Auf jeden Fall ist diese sich vortizistisch selbstverschlingende, glasfressende Vasenblume vorstellbar auf der Terrazzoterasse eines jeden Deutschen, der schon mal in Italien war ('Nudeln machen ihn glücklich') und gerne kultiviert lebt, vielleicht auch malt: Sie scheint die psycho-ornamentale Symbiose zweier konkurrierender Kulturen zwischen Norden und Süden zu verkörpern, kann jedoch über diese mystische Einigung – und wie wir aussehen, wenn wir jene zu erkennen glauben – formbedingt nur fragmentarische Auskunft geben.
Oliver Kossack, 2008 (Künstler, lebt und arbeitet in Leipzig)
Sebastian Gögel, geboren 1978 in Sonneberg/Thüringen, lebt und arbeitet in Leipzig. 1997-2002 Studium der Malerei/Grafik, Hochschule für Grafik und Buchkunst, Leipzig. 2002-2005 Meisterschüler bei Prof. Sighard Gille. Seit 2005: HAGEL - künstlerische Zusammenarbeit mit Paule Hammer. Aktuelle Ausstellungen: 'Past-Forward', Zabludowicz Collection at 176, London; Einzelausstellung im GEM, Musuem of Contemporary Art, Den Haag, Niederlande (12.07. bis 05.10.2008).











