(openPR) Nationaltrainer sind daran gewöhnt, Kritik über ihre Spielernominierungen einzustecken. Doch dass Roberto Donadoni sich dermaßen standhaft weigert, die in Topform spielende Nationalikone Alessandro Del Piero zu nominieren, hat selbst den Sohn des Trainers, Andrea Donadoni erstaunt. „Del Piero hätte nominiert werden sollen“, so Donadoni Jr. gegenüber der Gazzetta dello Sport. „Er spielt bei Juve auf sehr hohem Niveau.“
Immerhin kann sich Roberto damit trösten, dass sein Sohn mit seiner anderen kontroversen Entscheidung einverstanden war: nämlich damit, auch das stürmische Talent Antonio Cassano nicht für die Nationalmannschaft zu nominieren.
Eine Nation in Erwartung
Debatten wie diese sind der Beweis dafür, dass Donadoni ein Trainer ist, der sich um die Klasse seiner Mannschaft keine Sorgen zu machen braucht. Die Azzurri haben die Europameisterschaft erst einmal, nämlich im Jahr 1968, gewonnen. Doch in diesem Sommer erwartet das Land - wie auch die italienische Fußballliga - von der Nationalmannschaft mindestens, die "Todesgruppe" unbeschadet zu überstehen und das Halbfinale zu erreichen.
Obwohl Francesco Totti und Alessandro Nesta ihren Rücktritt aus der Nationalmannschaft erklärt haben, hat Donadoni höchstens noch mehr Talente zur Auswahl als Marcello Lippi damals beim WM-Sieg 2006. Er hat dieses große Potenzial bisher genutzt und fordert die Spieler zu Flexibilität auf, um es ihm zu ermöglichen, seine Taktik während eines Spiels zu wechseln und vom 4-4-2-System auf 4-5-1 oder auch 4-3-3 schalten zu können.
Im Tor hat sich Donadoni bisher auf Gianluigi Buffon verlassen. Der Juventus-Keeper, die Nummer 10 (1882 Punkte) in der Castrol Performance Index-Rangliste der besten europäischen Torhüter, ist derzeit nicht in seiner gewohnten Form. Gegen Portugal wurde er nicht in den Kader berufen – in diesem Spiel stand Marco Amelia, Torwart des AS Livorno, im Tor – doch die meisten Italiener erwarten, dass er bis zum Sommer wieder in Topform spielen wird.
Ungewöhnliche Großzügigkeit
Die Abwehr wird nach wie vor von Fabio Cannavaro angeführt. Der Star von Real Madrid spielt zwar derzeit nicht in der bestechenden Form, die ihn 2006 zum FIFA-Weltfußballer des Jahres gemacht hatte – ein Blogger stellte kürzlich die Frage, wie es sein könne, dass er der beste Abwehrspieler Italiens und gleichzeitig der schlechteste Abwehrspieler der spanischen Liga sein könne –, doch laut dem Castrol Performance Index ist er nach wie vor der bestplatzierte italienische Verteidiger in Europa (Rang 17, 1098 Punkte). Neben Cannavaro hat Donadoni bisher gerne die unterschätzten Spieler Marco Materazzi, Massimo Oddo, Fabio Grosso und Gianluca Zambrotta spielen lassen.
Für ihre Verhältnisse zeigten die Italiener in der Abwehr ungewohnte Großzügigkeit während der Qualifikationsrunde, in der sie insgesamt neun Gegentreffer zuließen und nur fünf Mal in 12 Spielen zu null spielten. Perfektionist Donadoni, wird mit Sicherheit alles daran setzen, dass seine Abwehr gegen Frankreich und die Niederlande dicht steht.
Gennaro Gattuso und Andrea Pirlo bilden die Achse im Mittelfeld, wo Jungstar Daniele de Rossi vom AS Rom sich nun beeindruckend durchzusetzen scheint. Pirlo ist ein vollendeter Passspieler – vielleicht der beste, den der heutige Fußball zu bieten hat, und liegt in der Rangliste der besten Mittelfeldspieler Europas mit 1372 Punkten auf Rang 7.
Spätentwickler
Im Sturm steht Donadoni eine unverschämt große Auswahl an Klassespielern zur Verfügung. Die Nummer 1 des Castrol Performance Index, Luca Toni (4058), hat schon oft zusammen mit Antonio Di Natale, seinerseits Nummer 3 der Rangliste (2885 Punkte) den Sturm gebildet. In der Qualifikationsrunde erzielte Toni fünf Tore in sechs Spielen, und im Verein bei Bayern München spielt der Spätentwickler im Sturm in ebenso starker Form.
Doch unabhängig davon, ob Del Piero und Cassano in den Kader berufen werden oder nicht, haben die Azzurri ja immerhin auch noch Filippo Inzaghi, Neuling Marco Borriello (der in Topform spielende Stürmer des FC Genua ist in dieser Saison der beste italienische Torjäger der Serie A) sowie Fabio Quagliarella von Udinese Calcio, der das dritte Tor für Italien im jüngsten Testspiel gegen Portugal erzielte.
Momentan sind die Italiener als starke Favoriten anzusehen. Doch es lasten gewaltige Erwartungen auf der Mannschaft. Viele talentierte italienische Nationalmannschaften ließen sich schon durch den Medienrummel ablenken, schwächelten und kriselten dann im Vorfeld großer Fußballturniere und enttäuschten in der Endrunde. Die Zeit vor und bis zur EM 2008 kann für Donadoni ebenso viele Herausforderungen bereithalten wie die EM selbst.
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