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Die Pilger sind zurück

09.01.200814:15 UhrKunst & Kultur
Bild: Die Pilger sind zurück
Moschee in Medina, Saudi Arabien
Moschee in Medina, Saudi Arabien

(openPR) Nicht nur die Muslime aus Marokko, treten einmal im Leben in die Fußstapfen des Propheten Mohammed, aber sie sind es wert, ihnen einen Blick über die Schultern zu werfen. Zu den fünf Säulen des Islam, zählt Hadj oder Hadsch zu den am meisten herbei ersehnten Erfüllungen, die ein Muslim mit großer Ehrfurcht erwartet. Sobald man Volljährig ist, sich bester Gesundheit erfreut und auch ein paar Euro auf der hohen Kante hat, steht der großen Reise an den Ort, wo alles begann nichts mehr im Weg. Nun gut, die Abfahrt und die Pilgerfahrt selbst, kann man sich en masse in Print und Medien reinziehen, doch das Erlebnis, das alle und vor allem die mit Segen und Spiritualität um einiges gereiften Pilger nach ihrer Rückkehr erwartet, das ist eine Erzählung wert.



Seit einer Woche sind nun Väter, Mütter, Tanten, Onkel und auch ältere Geschwister mit anderen, über tausende Pilger aus Mekka zurück. Zu Zeiten des Propheten Mohammed, empfing man die auf Kamelen angereisten Pilger mit Palmblättern, die den Weg wedelnd zeigten und mit Bendirs, einem arabischen Handtrommel Instrument, sang man ihnen fröhlich zu. Wann und ob sie zurück kamen wusste nur Allah.
Heute sorgt ein ausgeklügeltes System von Anzeigetafeln und Flugmaschinen, die eigentlich immer pünktlich sind dafür, dass man nicht mehr Wache stehen muss. Und dass das mit den Kamelen, so romantisch es auch klingen mag, nicht mehr realisierbar ist, braucht man nicht mehr näher zu erwähnen. Denn auch ein Hadj und eine Hadja müssen teilweise wieder nach ihrem beantragten Urlaub arbeiten gehen. Dieser würde bei einem Kamelritt von Mekka nach Frankfurt mal locker ein halbes Jahr andauern.
Zurück nach Frankfurt. Jedda – Amman – Frankfurt. Ganz klar, bei so einer Route und Masse an Pilger, die teilweise zum ersten Mal fliegen, ist eine pünktliche Landung schon fast ein Wunder. Und so erwarten mindestens 10 Angehörige je Mekkaner in der Wartehalle auf ihre Hadjs und Hadjas und überbrücken die Wartezeit mit Dingen, die ein Marokkaner am liebsten macht.

Die Kinder spielen Fangen und „ich sehe was, was du nicht siehst“. Die Frauen spielen die Ungeduldige und „ich weiß was, was du nicht weißt“. Die Männer sind völlig entspannt und reden über Gott und die Welt. Kurz gesagt, man amüsiert sich prächtig und für die Besucher des Flughafens wird der Gang durch die Empfangshalle fast schon so was wie eine kleine Reise durch und in die wunderbare Welt von 1001 Nacht. Der Pilot und die Stewardessen kommen als erste durch die Tür und der erste Freudenschrei, den die Damen mit vorgehaltner Hand und einem geheimen Zungenspiel entsenden, deutet allen Anderen sich bereit zu machen.

Milch und Datteln tragende kleine Mädchen, stellen sich an das Tor des Gate B. Schon zu Zeiten der ersten Pilgerfahrten, war dies das Begrüßungsmahl, welches man den Wanderern zur Stärkung nach der langen Reise entgegenbrachte. Heute ist es ein Stück Tradition - genauso wie das Lied das Kinder, Frauen und Männer im Chor zu singen beginnen. „ Tala´ al-badru ´alaina“ das Willkommenslied aus Medina. Eine Kostprobe und die Definition dieses Lieds, finden Sie auf der marokkanischen Community www.petittaxi.de (*). Tränen der Freude und des Glücks über die sichere Rückkehr fließen in Strömen. Solche Momente sind unbeschreiblich schön und Touristen und Mitarbeiter des Flughafens bleiben stehen und nehmen lächelnd an der Zeremonie teil. Ein Glückstag auch für ein asiatisches Paar, das sich in der Menge von weiss gekleideten Hadjs mit Datteln und Milch fotografieren lässt.

Wer jetzt glaubt, dass sich die Sache nun erledigt hat, man in sein Auto steigt und die Mekka Besucher ins Bett bringt und gut ist, der hat sich geschnitten. Nun geht es erst richtig los und wenn man verstehen will, warum Marokkaner und auch andere muslimische Migranten so viele Lebensmittel verbrauchen, dem geben wir hier einen kleinen Einblick.

Ab der Landung des Fliegers aus Amman, muss sich jede Familie auf uneingeladenen (nicht unwillkommenen) Besuch einstellen. Auch das ist ein besonderer Teil des Pilgerns. Wer es sich einfach machen will, der mietet eine Halle und schickt an sämtliche Menschen eine Einladung raus. Am Besten einfach Jedem – auch denen, die man nur über 10 Ecken kennt, denn sie kommen sowieso. Auch gehört es zum Brauch seine Nachbarn, unabhängig von Religion und Herkunft, einzuladen und mit Kleinigkeiten zu beschenken. Wer sich denkt, dass die Halle oversized wäre, der stellt sich auf eine Woche Nonstop Klingeln und Versammlungen ein. Ab heute gibt es die marokkanische Version von einem All You Can Eat Büffet – for free, versteht sich.

Man trennt vorsorglich Männlein und Weiblein und das in 2 Wohnungen wenn es ein Plattenbau sein sollte. Man sitzt gesellig beisammen und sofern genügend Stühle da sind, befinden sich auf die Schnelle, in einem normalen Wohnzimmer bereits 5 Hadjas, 5 Erstgebärende, 2 Geschiedene, 1 Witwe und jede Menge Maxi Cosis in dem Raum – gereiht wie im Parkhaus.

Platz wäre für 20 Leute, aber wenn eine Marokkanerin oder ein Marokkaner erstmal auf dem akkuraten Sitzfleisch Platz genommen haben, machen sich sogar die Dekokissen rar. So lädt man nur den engsten Kreis ein, denn sonst wird es im Kreis zu eng und verteilt den Besuch so gut es geht über Info-SMS auf mehrere Tage.

Nach dem die Tochter und der Sohn des Hauses die mitgebrachten Datteln aus Medina und das Heilige ZamZam Wasser an die Gäste austeilt – werden Bittgebete und Glückwünsche gesprochen. Kommunikation ist alles und deshalb wird die Neugierde bis zum nächsten Gang mit Fragen nach Genesung, Mama, Papa, den 5 Kindern und den Enkelkindern, befriedigt. Zwischendurch die berühmt berüchtigte Stille, in der alle an die Decke starren bis die Hausherrin und der Hausherr eintreffen und alle nochmals in freundlichen Salven ihre Glückwünsche zum Hadj äußern.

Noch ist alles gut, noch ist der Geist wach, noch weiß Magen und Darm nicht, was gleich für ein Tsunami an Masse auf sie zukommt. Während man wartet und sich amüsiert, kommen Klassiker wie Cola, Fanta, stilles Wasser und Mineralwasser auf den Tisch. Papierservietten und wer es richtig drauf hat, der legt noch eins drauf und serviert echte Servietten aus feinstem Zwirn. Und schon kommen sie. Die Hauptdarsteller des Abends. Teller gefüllt mit gebratenen Hähnchen, mit schöner fetter Soße und schönen braungebrannten Mandeln. Dazu leckeres Weißbrot, nach marokkanisch traditioneller Art (**). Man isst langsam und merkt wie jedes Stück Weißbrot eingehüllt in Hähnchenfleisch und getunkt in Öl und Soße, sich seinen Weg Richtung Magen schlägt. Dort bleibt er und die anderen 15 Stücke (oder waren es doch 35?) einfach liegen.

Der Magen weiß nicht was ihm geschieht und er versucht zu trennen was zu trennen ist. Da man als Marokkaner so einiges gewohnt ist und weiß, dass nach dem ersten Gang, sogleich der zweite folgt, nimmt man sich dezent nach dem 35sten Stück zurück. Und gerade als Hadja Khadjia ihr letztes Stück in den Mund schiebt, kommt die Tochter der Hausherrin mit einem neuen Teller. Himmel warum kochen alle Marokkaner, als würde sich der Kölner Gesangsverein anmelden? Keiner kann sich bewegen. Wie denn auch?
Lieber mal zwischendrin über die letzten Diagnosen des Hausarztes reden. Die eine klagt über Zahnschmerzen (ach?!), die andere über Verstopfungen (nee oder?!), die Frau von Hadj Mustafa über Sodbrennen, sie hat es nicht unter Kontrolle (was machen wir da nur?!). Während man in eine Art Trance fällt und spätestens jetzt weiß man, was es heißt, von Fleisch stoned zu sein, sitzt man schlussendlich mit einem völlig entspannten Marmeta(***) - Morphium Lächeln auf der Couch und wünschte sich einen Kran herbei.
Auf die Toilette geht übrigens keiner während solcher Fressorgien. Wie denn auch? So schnell kommt keine Verdauung mit!
Hach wie schön, der Nachtisch drapiert auf zwei 6-Personen Esstische.
2 Backbleche Tiramisu – natürlich alkoholfrei -, 1 Raffaello Torte, 15 Hefeteilchen mit Sesam, 3 Taoussteller (marokkanische Teller) Nussecken und 2 Tabletts mit Attay - dem marokkanischen Minztee (****) und doppelt so vielen Gläsern wie Anwesende.
„Ich schaffe es nicht, ich schaffe es nicht, ich schaffe es einfach nicht“ – hallte es im Kopf!
Jeder Einzelne, der solche Gelage nicht gewohnt ist, versucht sich in Gebärdensprache, weil man einfach nicht mehr sprechen kann aus Angst, dass der Magen seine Chance wahrnehmen könnte, sich hemmungslos zu entleeren.
So ist das Schicksal besiegelt und vor Dir grinsen Teller voller Süßigkeiten für 2 Boxer im Schwergewicht.
Man kämpft mit der Kuchengabel und hofft auf eine gefräßige Nachbarin, die sich des Tellers "aus versehen" annimmt.
Aber nein - keine Chance - jede verputz mit einem "tbarkellah lik Malika, wow das Rezept brauche ich Khadija“ ihren Teller und sollte man nicht mithalten können, ist man ganz schnell der Spielverderber der Nation oder einfach nur verdeutscht!

Und während man versucht zu verstehen und vorsichtig ein paar Gesundheitsratschläge in den Raum zu werfen, steht eine Dame auf und geht an die Tür. " Jamila, unsere Männer sind schon weg - yallah wir müssen!"," Naoual schau doch bitte gerade schnell, ob die braunen Lederschuhe von meinem Mann noch draußen stehen?!"," Nein Khadija die sind weg!", " ok ich muss dann auch mal los!"
Spätestens jetzt, begreift der Nachbar, der mit all dieser wunderbaren Tradition nichts am Hut hat auch, warum wir Araber unsere Schuhe vor die Türschwelle stellen....

Autorin: Nadia Doukali

Anmerkungen:

*Link zum Willkommenslied von Medina: http://www.petittaxi.de/component/option,com_seyret/Itemid,143/task,videodirectlink/id,485/lang,de/
**Link zum Rezept „Marokkanisches Fladenbrot“: http://www.petittaxi.de/component/option,com_garyscookbook/Itemid,80/func,detail/id,24
***Link zum Rezeptbeispiel eines Marmeta-Gerichts: http://www.petittaxi.de/index.php?option=com_garyscookbook&Itemid=80&Itemid=80&func=detail&id=19
****Link zum Rezept des marokkanisch Pfefferminztee „Attay“: http://www.petittaxi.de/index.php?option=com_garyscookbook&Itemid=80&Itemid=80&func=detail&id=10

Bildquelle: istockphoto.com

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