(openPR) Zum Thema Pioniertaten: Körperbehinderter gründet Unternehmen für behindertengerechten Motorrad-und Fahrzeugumbau. Wilhelm Költgen hat mit seinen technischen Entwicklungen und großem persönlichen Engagement entscheidend dazu beigetragen, dass Menschen mit Handicaps Motorrad fahren können
Es gibt schönere Ausblicke im wildromantischen Kaunertal als den, den sich Sibylle Klings und Wilhelm Költgen an diesem Morgen ausgesucht haben. Das Paar sitzt auf einer Bank und schaut auf die nur wenige Meter entfernte Hauptstraße, die sich von Prutz kommend bis zum Weisseespitzen-Gletscher hochwindet. „Das ist eine Ka“, sagt Költgen, noch bevor etwas zu sehen ist. „Willi hört die Maschinen“, sagt Sibylle in dem Moment, als die Kawasaki ZRX 1200S um die Kurve fliegt. Gibt es einen schöneren Schauplatz für die beiden Urlauber an diesem Sommermorgen im Kaunertal?
Motorräder haben Willi Költgen von klein auf fasziniert. Seine Eltern sind auch Motorradfans, aber vor allen Dingen haben sie ihm von vornherein eingeimpft: „Geht nicht, gibt’s nicht!“ So war klar, dass er als Jugendlicher Mofa fuhr, mit einer Schlauchschelle am Gaszug, weil ihm von Geburt an die rechte Hand fehlt. Was er mit unbändiger Lust am Schrauben dann an seiner Kreidler Florett machte, wollen wir lieber verschweigen. Und dennoch war der 1958 in St. Tönis bei Krefeld geborene Költgen erst einmal als EDV-Experte in einem „sauberen“ Beruf tätig, bis es ihn dann richtig packte. Vor fast 20 Jahren eröffnete er in einer kleinen umgebauten Halle eines Bauernhofs die erste Werkstatt zur behindertengerechten Umrüstung von Motorrädern, 1996 absolvierte er dann die Prüfung zum Zweiradmechaniker-Meister. Weil Willi Költgen ein auf Sicherheit bedachter Mensch ist, war er bis dahin halbtags noch in seinem angestammten Beruf tätig.
„Ich war damals der Erste, der sich in Deutschland überhaupt professionell mit Motorrädern für Menschen mit Handicaps beschäftigt hat, und musste erst einmal Überzeugungsarbeit leisten“, berichtet er. Und so zog er als Pionier durch die Lande und verkündete sein Credo: „Nutzt eure Möglichkeiten und fahrt Motorrad, denn es gibt kaum etwas Schöneres!“ Vertrauen fassten die Kunden natürlich auch deshalb schnell, weil Willi Költgen selbst gehandicapt ist und das Biken „eine Handbreit zwischen Asphalt und Körper“ mit Herzblut lebt. Doch überzeugen konnte er vor allem durch innovative Entwicklungen, die es heute beinahe jedem behinderten Menschen ermöglichen, seinen Mobilitätstraum auf zwei Rädern zu erfüllen. Mit den Integralbremssystemen für Hand (HIBS) und Fuß (FIBS) sowie elektropneumatischen Schaltsystemen made by Költgen und gegebenenfalls weiteren individuellen Anpassungen können Menschen mit verschiedensten Fehlbildungen oder Amputationen an Beinen und Armen (wieder) Motorrad fahren. „Bei allen Umrüstungen achten wir darauf, dass auch Nichtbehinderte das Fahrzeug jederzeit nutzen können“, berichtet Willi Költgen.
Die größte Herausforderung waren für ihn jedoch querschnittgelähmte Menschen, die bis dahin allenfalls im Gespann fahren konnten. „Das ist doch kein richtiges Motorradfahren“, dachte er, und so entstand das Feetless-Biking-System (FBS), das 1999 auf die Firma Költgen patentiert wurde. Innerhalb von Sekundenbruchteilen klappen auf Knopfdruck zwei Stützräder am Fahrwerk ein beziehungsweise aus; die schnellen „Beine“ verhindern ein Umfallen des anhaltenden oder stehenden Fahrzeugs und ermöglichen im Betrieb Fahrspaß und Kurvendynamik einer echten Einspurmaschine. Das System kann an alle gängigen Motorräder angepasst werden, auf Wunsch lässt sich sogar ein spezieller Rolli mitführen. „Als das FBS heraus kam, ist das Ding geradezu explodiert“, berichtet Willi Költgen. Die Fernsehteams drängten sich in der kleinen Werkstatt und der Messestand auf der REHACare war ständig überlaufen.
Im vergangenen Jahr ist das Krefelder Unternehmen in größere Räumlichkeiten umgezogen und hat das Angebot auf den Umbau jeglicher Fahrzeuge vom PKW über Quad und Trike bis zum Gespann erweitert. „Viele behinderte Kunden fahren nicht nur Motorrad und wünschen sich kompetente Mobilitätslösungen aus einer Hand“, sagt Költgen. „Aber keine Angst, das Motorrad steht natürlich weiterhin im Mittelpunkt“. Im über 200 qm großen Showroom sind ständig bis zu 20 Ausstellungsmaschinen zu besichtigen. Vier Mitarbeiter, darunter Thomas Hirsch, der trotz Handicap Motorradrennen fährt, realisieren zusammen mit Willi Költgen auch die ausgefallensten Kundenwünsche. „Wir haben sogar schon einmal eine Honda Goldwing zum Trike-Dreirad mit Hundeanhänger umgebaut“, berichtet er. Im Außenbereich stehen ausreichend Behindertenparkplätze zur Verfügung und hier besteht auch die Möglichkeit zu einer Probefahrt auf der mit FBS-System ausgestatteten Fahrschulmaschine, einer BMW 1100.
Bei allem Erfolg ist Wilhelm Költgen auf dem Teppich geblieben. „Wir wollen unsere Kunden nicht abzocken, sondern sie dabei unterstützen, ihren Traum zu verwirklichen“. Dazu gehört eine ausführliche Beratung, welches Motorrad für welche Art von Behinderung am sinnvollsten ist genau so wie Informationen zu finanziellen Hilfen für die Umrüstung. „Prinzipiell kann jeder Motorrad fahren, der zumindest noch eine Hand funktionell einsetzen kann“, sagt Willi Költgen. „Wir raten eigentlich nur ab, wenn wir bemerken, dass die Leute nach einem Unfall noch traumatisiert sind“. Die umzurüstenden Maschinen können von den Kunden mitgebracht oder von Költgen zu günstigen Konditionen eingekauft werden. Die Umbauten beginnen ab ca. 1.600 Euro für eine pneumatische Schaltung mit Verlegung der Bremsanlage. „Bei ca. 2.500 Euro ist für uns meist eine Schallgrenze erreicht“, sagt Willi Költgen. Eine komplette Umrüstung mit dem FBS-System ist mit 15.000 Euro natürlich wesentlich teurer, kann gegebenenfalls aber vom Kostenträger übernommen werden.
Die meisten Probleme haben behinderte Motorradfahrer mit der technischen Abnahme durch den TÜV und der (Wieder-)Erlangung der Fahrerlaubnis. „Viele Leute, die zu uns kommen, haben Odysseen erlebt“, berichtet Költgen. „Fahrlehrern, Gutachtern und der Polizei fehlt leider häufig Erfahrung und Kompetenz.“ Deshalb ist Willi Költgen die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem TÜV besonders wichtig. „Wir stellen haarige Projekte vorher vor und sprechen sie mit dem TÜV-Gutachter ab. Das funktioniert in der Regel reibungslos.“ Durch die enge Kooperation mit der Krefelder Fahrschule Schroers gehen auch Fahrausbildung und Führerscheinerwerb unbürokratisch vonstatten. „Bei uns bekommen die Leute ihre Fahrerlaubnis mit minimalen Auflagen“, verspricht Willi Költgen.
So ist auch Sibylle Klings bei ihm gelandet. Die oberschenkelamputierte Skilehrerin spielte schon lange mit dem Gedanken, Motorrad zu fahren, aber in einer Fahrschule beschied man ihr: „Als behinderte Frau können Sie keine Straßenmaschine beherrschen“. Irgendwann rief sie bei Willi Költgen an, ließ sich ausführlich beraten und machte schließlich den Führerschein. Bei einer gemeinsamen Ausfahrt vor zwei Jahren funkte es zwischen beiden, seitdem sind sie ein Paar.
12.000 Kilometer ist Sibylle seitdem mit ihrer BMW 650 Scarver, einem leichten und beweglichen Motorrad mit 60 PS, gefahren. Und ihrem Willi hat sie inzwischen das Skifahren beigebracht, obwohl er das für zu gefährlich hielt und dabei immer noch „wie ein rohes Ei“ unterwegs ist. Auf dem Motorrad geht das Temperament dafür manchmal mit ihm durch, das kann man an den Reifen seiner BMW 1150 Rockster ablesen. Auf den Urlaubstouren mit Sibylle im Kaunertal bricht er schon mal aus und demonstriert den vielen Bikern auf der kurvenreichen Strecke sein fahrerisches Können. Aber das Abenteuer hat seine Grenzen, denn Willi Költgen ist ein vorsichtiger Mensch: „Bis hier hab’ ich Euch den Hammer gezeigt, ab hier könnt ihr Euch den Kopf selber kaputt machen.“
Informationen: Wilhelm Költgen, Systems For Handicapped Mobility, Oberbenrader Straße 407, 47804 Krefeld, Tel.: 02151/701236, Fax: 02151/707630, E-Mail:
MOTORRAD DEN BEHINDERUNGEN ANGEPASST
Krefeld.- Über 3500 Motorradfahrer schätzen ihn besonders,
viel mehr sind mit ihm per Du. Sie waren verunfallt und behindert – und können jetzt durch ihn wieder Bike fahren. Willi (Wilhelm) Költgen aus Tönisvorst hat ihnen geholfen. Hat die Maschinen so umgebaut, dass auch die unterschiedlichst gehandicapten Biker wieder fahren und an Clubtreffen oder privaten Ausfahrten teilnehmen können.
Der „Bike-Doktor“, wie ihn seine Freunde nennen, selbst seit seiner Geburt behindert und leidenschaftlicher Motorradfahrer, hat lang vor den Toyota-Werbeleuten seinen Leitspruch gehegt „Nichts ist unmöglich“.
„Jede Anpassung eines Motorrades an die Behinderung ist eine Einzellösung, stellt also ein Unikat dar. Dazu ist viel technisches Geschick nötig, unendliche Erfahrungen mit den gehandicapten Menschen und manchmal eine riesige Geduld. Willi liefert technisch hochwertigste Qualität, wobei der Faktor Sicherheit an erster Stelle steht“, meint Uwe Novak aus Kamp-Lintfort, Kunde, Freund und Ex-Speer-Weltmeister, der inzwischen sein drittes Motorrad von Willi Költgen hat umbauen lassen. Bevor er auf seinen Fall eingeht, unterstreicht er noch, der „Biker-Doktor“ habe selbst pneumatische Schaltungen und Integralbremssysteme entwickelt, die auf Behinderungen wie fehlende Extremitäten, Lähmungen, Missbildungen oder andere Leiden oder Unfallfolgen auf jeden Einzelfall individuell abgestimmt werden. Und dass dem rührigen Kfz-Meister mit seinem kleinen Team eine patentierte Weltneuheit gelang, ein adaptiertes Stützfahrwerk für schwerst-gehbehinderte Menschen (Feeetless-Biking-System genannt). Dies kann nach Belieben ein- und ausgefahren werden und erlaubt diesen Menschen so, das Fahrvergnügen einer Solomaschine genießen zu können.
Uwe Novak, 47, Kaufmann von Haus und enthusiastischer Biker, musste fast 20 Jahre auf sein geliebtes Motorrad verzichten. 1981 prallte er mitten in Duisburg mit seinem Bike geben ein Auto. Sein linkes Bein wurde abgerissen.
Was dann kam, würde Bände füllen. Natürlich war der prothesentragende Uwe bei jedem Biker-Meeting dabei, sein innigster Wunsch schien unerfüllbar: wieder selbst fahren zu können. Im Internet (www.koeltgen.de) erfuhr er 1999 über den Tüftler aus Tönisvorst und dessen herausragende Aktivitäten.
18 Jahre später ist Uwe Novak wieder an Deck. Zunächst mit einer von Willi Költgen umgebauten Suzuki SV 650, dann mit einer Bandit 600 und heute mit „meiner Dicken“, einer Yamaha FJR 1300. Er hat eine pneumatische Schaltung wegen seiner Beinamputation bekommen und ist mehr als zufrieden. Betonend:
„Ich weiß, wovon ich spreche. Mit der Betreuung und geleisteten Arbeit von Willi Költgen und seinem Team bin ich sehr zufrieden. Ich schätze dort vor allem das Engagement, die Verbindlichkeit und den menschlichen Umgang mit den Kunden. Für mich ein RED DOT-Unternehmen, ich kann die Firma Költgen nur bestens empfehlen“. Solch´ deutliche Worte aus dem Munde eines erfolgreichen Kaufmanns zu hören, ist schon bedeutsam.









