(openPR) Auf der Titelseite der letzten "electrical business news" war die Überschrift zu lesen: „Quo vadis, Hagemeyer?“ Die nicht formulierte Antwort ergab sich aus dem Inhalt des Textes – Sonepar oder Rexel kamen als stolze neue Hagemeyer-Besitzer in Frage, die Namen anderer Käufer wurden rein hypothetisch genannt.
Sonepar oder Rexel – das war die klare Alternative. Eine andere schien nicht vorstellbar, auch nicht für renommierte Fachblätter und –journalisten. Dass dann aus diesem „oder“ auch ein „und“ werden könnte, war auch für gewöhnlich gut informierte Insider eine Überraschung. Ein Coup, der aufhorchen lässt und zeigt, dass sich speziell bei Rexel strategische Überlegungen gut mit kreativen Vorgehensweisen vertragen.
Teilen statt streiten:
Am 25. Oktober veröffentlicht Rexel eine Presseerklärung, in der man die neue Linie bekannt macht. Erstens bietet Rexel 3 Mrd. EUR für Hagemeyer, das heißt 4,60 EUR pro Aktie. Das sind immerhin eine halbe Milliarde mehr als Sonepar am 9. Oktober geboten hatte. Zweitens informiert Rexel über eine Vereinbarung mit Sonepar – bei einem erfolgreichen Hagemeyer-Kauf könne Sonepar die Hagemeyer-Aktivitäten in Amerika, Asien/Pazifik, Österreich, Schweiz und Schweden übernehmen. Zusammen summieren sich diese Länder und Regionen auf einen Umsatzwert von 2,6 Mrd. EUR. Gemessen auf der Umsatzbasis von 2006 hätte Sonepar damit einen Umsatz von 12,05 Mrd. EUR, mit 7,5 Mrd. EUR würden 62% davon in Europa erzielt.
Rexel selbst reserviert sich die Länder Estland, Lettland, Litauen, Belgien, Niederlande, Finnland, Norwegen, Russland, Polen, Slowakei, Tschechische Republik, Deutschland, Vereinigtes Königreich, Irland und Spanien. Zusätzlich übernimmt man die Elektronik- bzw. Vertretungsaktivitäten von Hagemeyer. Daraus ergibt sich ein Umsatzvolumen von 3,6 Mrd. EUR. Auf der Grundlage von 2006 bedeutet das: Rexel verfügt über einen Gesamtumsatz von 12,95 Mrd. EUR, 7,8 Mrd. EUR (60%) kämen aus Europa.
Beide Konzerne, Rexel und Sonepar, machen mit der Hagemeyer-Übernahme also einen signifikanten Sprung nach vorne.
Rexel- und Soneparumsätze nach der
Hagemeyer-Übernahme im weltweiten Überblick:
Rexel (Mio. EUR):
Europa :7.830
Amerika :4.020
Asien/Pazifik: 635
Sonstiges : 460
Gesamt :12.945
Sonepar (Mio. EUR):
Europa : 7.480
Amerika : 3.760
Asien/Pazifik : 500
Sonstiges : 305
Gesamt : 12.045
Kein schlechtes Geschäft für Sonepar:
Wenn die Transaktion zu den geschilderten Konditionen über die Bühne ginge, wäre Sonepar mit Sicherheit nicht unglücklich. Für einen neuen Zusatzumsatz in Höhe von 2.600 Mio. EUR müsste man „normalerweise“ 1.260 Mio. EUR an Rexel überweisen. Aber: Sonepar besitzt seit dem 10. Oktober bereits 10,24% von Hagemeyer – ein Anteil, für den man von Rexel den gleichen Preis bekommt wie alle anderen Aktionäre, also die angenommenen 4,60 EUR pro Aktie.
Rexel hätte also ungefähr 307 Mio. EUR an Sonepar zu überweisen – bleibt für Sonepar eine Restschuld von ca. 953 Mio. EUR. Ein kleines „Schnäppchen“, wenn man den Zusatzgewinn miteinbezieht: Sonepar hat sein 10,24%-Aktienpaket schließlich zu weit günstigeren Konditionen erworben.
Für Rexel ist es wohl nur eine Notiz am Rande, dass in den 3,6 Mrd. EUR Umsatz, den man von Hagemeyer übernimmt, 400 Mio. EUR an Elektronik- und Vertretungsumsätzen enthalten sind. Man wird diese Sparten über kurz oder lang ganz einfach verkaufen.
Ebenso am Rande seien die internationalen Verflechtungen in Erinnerung gerufen, die bei der ganzen Transaktion eine Rolle spielen bzw. spielen könnten. Rexels Hauptaktionäre sind auch nach dem Börsengang noch Clayton, Dubilier & Rice (CD&R), Eurazeo und Merrill Lynch. CD&R ist – zusammen mit Bain Capital und der Carlyle-Gruppe – aber auch Mehrheitsaktionär des Elektrogroßhändlers Home Depot Supply aus den USA, der im Juni dieses Jahres für 8,5 Mrd. USD (5,9 Mrd. EUR) übernommen wurde. Und: Assoziierter Partner von CD&R ist ein gewisser Jack Welch, ehemaliger Chef von General Electric.
Wie lange wehrt sich Hagemeyer noch?
In einer Presseerklärung vom 26. Oktober hat Hagemeyer das Rexel-Angebot abgelehnt. Die 4,60 EUR pro Aktie entsprächen nicht dem realistischen Wert des Unternehmens – aber man sei zu einem Treffen mit Rexel-Vertretern bereit.
Dieses Treffen fand bereits vier Tage später statt. Hagemeyer blieb bei seiner ablehnenden Haltung, die Performance des Unternehmens läge bedeutend über dem angebotenen Wert. Man wiederholte noch einmal die grundsätzliche Überzeugung, dass eine eventuelle Kombination zu bedeutenden Synergien für den/die Aufkäufer führen würde und „dass im Falle einer realisierten Transaktion Hagemeyer und seine Aktionäre ihren fairen Anteil erhalten sollten.“
Was sagt dieser Satz? Er drückt aus, dass sich die Niederländer nicht mehr gegen eine Übernahme wehren wollen/können. Hagemeyer gibt auf – es geht nicht mehr um das „ob“ einer Übernahme, sondern nur noch um das „zu welchem Preis.“ Entsprechend erklärten sich die Niederländer auch zu einem weiteren Treffen bereit, wenn „es von Rexel gewünscht wird.“
Die Analysten sind sich einig: Wenn Rexel den Preis pro Hagemeyer-Aktie auf 4,90 bis 5,10 EUR anhebt, ist das Geschäft perfekt und Hagemeyers Aktionäre geben ihr Placet zum Verkauf. Zu den Anteilseignern gehören u.a. die Schweizer Investmentbanken Credit Suisse (5,3%), Pictet (5,1%), UBS (4,9%), Bestinver aus Spanien (5,1%), Orbis Investment (8,2%), Hermes Focus Asset (5,0%), GLG aus dem Vereinigten Königreich (6,88%) und natürlich Sonepar (10,24%).
Pech für Paul Zekhuis:
Um noch einmal auf die bevorstehende Übernahme von Hagemeyer zurückzukommen – eine Transaktion, die übrigens vollkommen fremdfinanziert werden soll: Sie hat zumindest für Paul Zekhuis eine vermutlich nicht gerade angenehme Auswirkung. Der Manager wurde am 24. Oktober, das heißt einen Tag vor der Rexel-Erklärung, Hagemeyer übernehmen zu wollen, zum COO von Hagemeyer ernannt. Er behält seine Aufgaben als CEO für Zentraleuropa, dazu kommt jetzt die Verantwortung für das Vereinigte Königreich, Südeuropa und für die Asien/Pazifik-Aktivitäten. Für Skandinavien, die Schwellenländer und Nordamerika wird weiterhin CEO Rudi de Becker zuständig sein.
Noch wichtiger für Zekhuis aber war wohl die Aussicht, die Nachfolge von Rudi de Becker antreten zu können. Der langjährige Chef des Konzerns scheidet wie allgemein bekannt im April des nächsten Jahres aus – und Paul Zekhuis war sein prädestinierter Erbe.
Es war einmal – denn bei einer Übernahme von Hagemeyer durch Rexel/Sonepar werden die Karten neu gemischt. Wohl ohne Paul Zekhuis....
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Die 1995 zum ersten Mal erschienene Studie »Strukturen und Verflechtungen des internationalen Elektrogroßhandels« hat EMR breite internationale Anerkennung gebracht. Aktuell sind neben der Europa-Studie auch Untersuchungen zum Elektrogroßhandel in Kanada sowie Australien, Neuseeland und Südafrika verfügbar. Bei zahllosen Veröffentlichungen zum Thema »Internationalisierung des Elektrogroßhandels« werden die EMR-Studien als Referenz herangezogen. Bei vielen namhaften Unternehmen im In- und Ausland sind diese Studien längst zum Standardwerk im Bereich Vertriebsplanung und Key-Account-Management geworden.











