(openPR) Der Mensch ist ein geschichtlich verfasstes Wesen, d.h. er ist eingespannt zwischen Vergangenheit, die ihm entzogen ist, und ankommender Zukunft, in der er seine noch unfertige und unabgeschlossene Wesensgestalt in der Auseinandersetzung mit der ihm vorgegebenen Situationswelt erst schaffen und sich zueignen muss.
In dieser geschichtlichen Prägung lebt der Mensch stets in der bedrängenden Spannung zwischen dem Menschsein als Besitz und dem Menschsein als Aufgabe, die erfüllt, aber auch verfehlt werden kann. Jedenfalls heißt, geschichtlich bestimmt zu sein, sich auf dem Wege zu befinden - vom Noch-nicht-Erfülltsein zur Erfüllung. Es bedeutet zugleich, auszublicken in die Zukunft, aus der her das Vollendete oder zu Vollendende erst noch erwartet wird: In dieser Offenheit auf Zukunft hin ist der Mensch Erwartung und Hoffnung, Erwartender und Hoffender.
Ein geschichtliches Wesen zu sein, bedeutet aber auch, dass sich das Schicksal des Menschen in einem zeitlichen Nacheinander erfüllt, in eigenen Entscheidungen ebenso wie in Widerfahrnissen von außen. Ein Teil dessen, was den Menschen als konkrete Person ausmacht, steht immer noch aus. Und dieses Ausständige seiner Existenz ist das Künftige.
Und so ist denn die Zukunft der Raum, in dem der Mensch - in Gedanken der Gegenwart vorgreifend - lebt und in den hinein, mit Heidegger gesprochen, er sich selbst vorweg ist, während er die Gegenwart als den flüchtigen Moment einer Bewegung erlebt, der eben dadurch, dass er zur Zukunft weiterleitet, selbst schon Vergangenheit wird. Genau hier hat die Hoffnung ihren Platz: „Die einzige Antwort, die der wirklichen Existenz-Situation des Menschen entspricht, ist: die Hoffnung“ (Josef Pieper).
Der „Mensch unterwegs“ (= homo viator) - Hoffnung als Weggefühl
Sehr gerne bezeichne ich den Menschen mit meinem Lieblingsbild als einen „homo viator“ und benenne damit einen metaphysischen Wesenszug des Menschen, nämlich das Unterwegssein = stets auf dem Weg zwischen Orten von hier nach dort, in der Zeit von gestern zum Heute und Morgen und Übermorgen, unterwegs auch zwischen Zuständen, beispielsweise zwischen Anlage und Erfüllung, unterwegs zwischen dem „schon-da“ und dem „noch-nicht.
Wenn man diese Grundverfassung des Menschen, den Stand des Auf-dem-Weg-Seins ernst nimmt und eben darin die Existenzsituation des Menschen widergespiegelt sieht, dann ist die Hoffnung ein „Weggefühl“, das auf Künftiges gerichtet ist und dieses in einer auslangenden seelischen Bewegung herbeisehnt.
Hoffnung als „Weggefühl“ richtet sich auf ein Ziel, das es zu erreichen gilt. Sie enthält also Zuversicht und Gewissheit des Gelingens. Sie ist jedoch immer auch gekennzeichnet von der Tatsache, dass die Ankunft des Ersehnten noch aussteht. So ist der einer jeden Hoffnung gemäße Ort immer angesiedelt zwischen dem Schon-da-Sein und dem Noch-nicht-Sein, und das heißt: Das erstrebte Ziel ist schon da, es erfüllt mein Bewusstsein, es bewegt und ergreift meine Existenz, aber die unverkürzte Erfüllung ist noch nicht erlangt.
Allerdings muss, was ich erhoffe, mir grundsätzlich möglich und erreichbar sein. Was unmöglich geworden ist, erhoffe ich nicht mehr, ich sehe es an mit Verzweiflung oder Resignation. Auch das, was mir restlos verfügbar ist oder mühelos in Reichweite meiner eigenen Kräfte liegt, erhoffe ich nicht eigentlich, sondern beschließe und ergreife es. Nur was mir nicht oder nicht restlos verfügbar ist und was steil meine Kräfte überragt und was zu erlangen ich doch zuversichtlich bin (ohne freilich vor Fehlschlägen ganz sicher zu sein), davon sagt, meine ich, unsere Sprache, dass man es erhofft.
Der Hoffende konkretisiert die Zukunft, das heißt: Er erwartet einzelne Dinge, Ereignisse, Begegnungen, beispielsweise Genesung und Heilung. So trägt Hoffen immer etwas von Erwartung in sich, und doch ist Hoffnung mehr als Erwartung, denn was mir ohnehin zur Hand ist, was mit Sicherheit gut ausgehen wird, brauche ich nicht mehr zu erhoffen, wohl aber das, was nicht so ohne weiteres zu haben ist und nicht in unserer Macht steht. „Das Erhoffte ist immer von solcher Art, dass der Hoffende keine Gewalt darüber hat“ (Josef Pieper), oder: „Die einzige Hoffnung ist die, welche sich auf etwas richtet, was nicht von uns abhängt“ (Gabriel Marcel).
Jedenfalls dürfen, wenn Gutes, Erwünschtes, Geliebtes erhofft wird und wenn in solcher Hoffnung Verlangen und Sehnsucht mitschwingen, die Schwierigkeiten sich nicht zu hoch auftürmen: In meinem hoffenden Auslangen nach dem Erstrebten muss dieses auch in irgendeiner Weise erreichbar sein. Dunkle Zukunft daher, die keinen Lichtschimmer zeigt, erstickt die Hoffnung und schlägt leicht in Verzweiflung um. Zukunftslosigkeit lässt sich nicht leben! Erst die Überzeugung, dass die Aufgabe, auch die des individuellen Lebens, zu bewältigen ist, bildet ein hinreichendes Fundament, aus dem Hoffnung entstehen kann.
Daher sage ich, Sinn schafft Hoffnung, denn gerade er ist dieses Fundament - von Stunde zu Stunde, von Situation zu Situation. Das Wort „Sinn“ kommt vom niederhochdeutschen ‚sinnan‘ und bedeutet ursprünglich „reisen, streben, gehen“, also „einer Richtung nachgehen“ auf einem Weg, der mir ein Wert ist - der Wert ist die Orientierungsmarke und löst gleichsam den Impuls aus, sich auf den Weg zu machen. Das „Weggefühl“ Hoffnung ist unsere zuverlässige Begleiterin.
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Mehr zum Thema in: Bernhard A. Grimm, „Lust auf Leben - Leben braucht Sinn. Hoffnung statt Nullbock auf Nichts“, Ephatá Verlag, Pfaffenhofen 1999, 384 Seiten, € 20,00 . Zu beziehen - signiert bzw. mit Widmung - unter
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Dr. phil. Bernhard A. Grimm arbeitet seit nunmehr zwanzig Jahren als Referent, Seminarleiter und Dozent für angewandte Philosophie, Persönlichkeitsbildung, Führungsethik und Logotheorie / Existenzanalyse.




















