(openPR) Mehr als die Hälfte der neuen Musik-Uploads bei Deezer war zeitweise vollständig KI-generiert. Für Musiker verschiebt sich damit das eigentliche Problem: Nicht mehr die Produktion ist knapp, sondern Aufmerksamkeit.
Potsdam, 21. August 2026. Musik zu produzieren war noch nie so einfach. Ein Prompt, einige Minuten Rechenzeit – und aus einer Idee wird ein Song. Was früher Studio, Musiker, Equipment und Tage oder Wochen erforderte, lässt sich mit generativer KI inzwischen in erstaunlicher Qualität innerhalb kürzester Zeit erzeugen.
Doch genau darin könnte das größere Problem für die Musikbranche liegen.
Der Streamingdienst Deezer meldete im Juli, dass vollständig KI-generierte Musik auf Spitzenniveau inzwischen mehr als 50 Prozent aller täglich neu angelieferten Titel ausmacht. Rund 90.000 KI-Tracks werden demnach pro Tag hochgeladen.
Eine Zahl, die weniger über die Zukunft des Komponierens verrät als über die Zukunft des Musikmarketings.
Denn während die Menge der verfügbaren Musik explodiert, wächst die verfügbare Zeit der Hörer nicht mit.
90.000 neue Songs – aber kein einziger zusätzlicher Hörer
Der entscheidende Engpass der Musikindustrie verschiebt sich.
Jahrzehntelang war Musikproduktion teuer. Studiozeit kostete Geld, professionelle Aufnahmen erforderten Wissen, Technik und Personal. Das Internet senkte anschließend die Kosten der Distribution. Streaming machte schließlich praktisch jeden Song weltweit verfügbar.
Generative KI beseitigt nun auch einen großen Teil der Produktionshürde.
Was sie nicht erzeugen kann, ist zusätzliche Aufmerksamkeit.
Deezer liefert dafür einen bemerkenswerten Hinweis: Obwohl vollständig KI-generierte Songs inzwischen einen gewaltigen Anteil der täglichen Uploads ausmachen, entfallen nach Angaben des Unternehmens lediglich etwa ein bis drei Prozent der tatsächlichen Streams auf diese Titel.
Mit anderen Worten:
Das Angebot explodiert. Die Nachfrage nicht.
Damit entsteht eine paradoxe Situation. Einen Song zu erzeugen wird immer billiger. Einen Menschen dazu zu bringen, genau diesen Song freiwillig anzuhören, könnte gleichzeitig immer schwieriger und damit wertvoller werden.
Der Song verliert seine Knappheit
„Wir erleben gerade einen fundamentalen Wechsel“, sagt Autor und Musikschaffender Frank-Ringo Gutacker. „Lange bestand die Herausforderung darin, gute Musik produzieren zu können. Künftig kann nahezu jeder in kurzer Zeit große Mengen technisch überzeugender Musik herstellen. Damit wird nicht mehr der Song zum knappen Gut – sondern der Mensch, der ihm zuhört.“
Das verändert auch die Rolle von Marketing.
Ein weiterer KI-Song unter hunderttausenden anderen KI-Songs besitzt zunächst keinen besonderen Wettbewerbsvorteil. Selbst perfekte Produktion, professionelles Mastering und ein makelloses Cover garantieren keine Wahrnehmung.
Bedeutender werden andere Faktoren:
eine erkennbare Identität, eine Geschichte, eine Community, Vertrauen, Wiedererkennbarkeit und das Gefühl, dass hinter einem Musikprojekt etwas existiert, das über die Audiodatei hinausgeht.
Ausgerechnet in einer Welt synthetisch erzeugbarer Musik könnte deshalb das Menschliche zum wichtigsten Marketinginstrument werden.
KI konkurriert inzwischen mit KI
Hinzu kommt ein zweiter Effekt.
Nicht nur Musik wird zunehmend automatisch produziert. Auch Cover, Videos, Pressebilder, Social-Media-Beiträge, Künstlerbiografien, Werbetexte und ganze Marketingkampagnen können inzwischen von KI erzeugt werden.
Damit entsteht ein Markt, in dem automatisiert erzeugte Musik mit automatisiert erzeugten Bildern durch automatisiert erzeugte Werbung um die Aufmerksamkeit von Menschen konkurriert.
Die technische Qualität steigt – gleichzeitig sinkt die Bedeutung technischer Qualität als Alleinstellungsmerkmal.
Gut produziert zu sein reicht nicht mehr.
Sichtbar zu werden wird zur eigentlichen Disziplin.
Streamingplattformen ziehen bereits Konsequenzen
Die Plattformen beginnen auf die Entwicklung zu reagieren.
Deezer kennzeichnet KI-generierte Musik und schließt erkannte KI-Titel aus seinen algorithmischen und redaktionellen Empfehlungen aus. Das Unternehmen kündigte außerdem an, bestimmte ungehörte oder für Streamingbetrug verwendete KI-Titel zu entfernen.
Parallel verschärft sich die rechtliche Auseinandersetzung. Musikverlage und Rechteinhaber streiten mit Anbietern generativer Musiksysteme über Trainingsdaten, Urheberrechte und Vergütung.
Die zentrale wirtschaftliche Frage könnte jedoch unabhängig vom Ausgang dieser Verfahren bestehen bleiben:
Was passiert mit einem Markt, wenn das Produkt nahezu unbegrenzt erzeugt werden kann?
Vom Musikproduzenten zum Aufmerksamkeitsunternehmer
Gutacker beschäftigt sich mit dieser Entwicklung auch in seinem Ratgeber „Der KI-Musikunternehmer“.
Dabei geht es weniger um die Frage, wie Musiker mit KI noch mehr Inhalte erzeugen können. Davon dürfte es künftig ohnehin genug geben.
Im Mittelpunkt steht vielmehr die entgegengesetzte Frage:
Wie schafft man Relevanz in einem Markt, in dem Produktion praktisch unbegrenzt skalierbar wird?
„Die interessante Fähigkeit der nächsten Jahre wird nicht darin bestehen, hundert Songs erzeugen zu können“, sagt Gutacker. „Das kann bald jeder. Interessant wird, wer hundert Menschen dazu bringt, einen bestimmten Song hören zu wollen.“
Vielleicht verändert künstliche Intelligenz die Musikindustrie deshalb ganz anders als erwartet.
Nicht weil irgendwann keine Menschen mehr Musik machen.
Sondern weil Musik selbst ihre Knappheit verliert.
Und Aufmerksamkeit dadurch kostbarer wird als je zuvor.
Hintergrund
Nach Angaben von Deezer erreichten vollständig KI-generierte Titel im Juni 2026 auf Spitzenniveau mehr als 50 Prozent der täglichen neuen Musiklieferungen. Im Monatsdurchschnitt registrierte der Streamingdienst rund 90.000 vollständig KI-generierte Titel pro Tag. Gleichzeitig machen diese Titel laut Deezer lediglich etwa ein bis drei Prozent der tatsächlichen Streams auf der Plattform aus.
Quelle: Deezer, Juli 2026.
Über Frank-Ringo Gutacker
Frank-Ringo Gutacker beschäftigt sich als Autor mit den Auswirkungen künstlicher Intelligenz auf Arbeit, Kreativität, Technologie und digitale Geschäftsmodelle. In seinem Buch „Der KI-Musikunternehmer“ untersucht er, wie sich Musikproduktion und -vermarktung verändern, wenn KI nicht nur Musik, sondern zunehmend auch Grafik, Text, Video und Promotion automatisieren kann.
Weitere Informationen zum Buch und zum Thema KI-Musik:
https://burml.com/ki-musik/
















