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Warum Stockpicking meistens scheitert

Bild: Warum Stockpicking meistens scheitert

(openPR) Auf der Suche nach der nächsten Amazon – und was die Statistik dazu sagt

Jeder kennt die Rechnung: Wer im Jahr 1997 nur 1.000 Dollar in Amazon investiert hätte, säße heute auf über einer Million. Nvidia, Apple, Microsoft – die Liste der Aktien, die aus bescheidenen Beträgen Vermögen gemacht haben, ist lang genug, um jeden Anleger ins Grübeln zu bringen. Die Versuchung liegt auf der Hand: Warum einen langweiligen ETF kaufen, wenn man die nächste Kursrakete finden könnte? Die Antwort steckt in den Daten – und die sind ernüchternd.

Die Illusion der nächsten Amazon

Die Vorstellung, mit ein paar gut ausgewählten Einzelaktien den Markt zu schlagen, ist tief verankert. Rund 4,2 Millionen Deutsche halten Einzelaktien in ihren Depots, wie das Deutsche Aktieninstitut für 2024 dokumentiert. Viele davon kaufen gezielt Wachstumsaktien mit hohem Kursmomentum – Aktien, die an die Erfolgsgeschichten von Amazon oder Nvidia erinnern.

Das Problem: Die Basisrate spricht massiv gegen dieses Vorhaben. Wer eine Aktie zufällig aus dem Gesamtmarkt auswählt, greift mit einer Wahrscheinlichkeit von über 57 Prozent zu einem Titel, der über seine gesamte Lebensdauer nicht einmal kurzfristige US-Staatsanleihen schlägt. Das zeigt die vielzitierte Studie von Hendrik Bessembinder, veröffentlicht 2018 im Journal of Financial Economics. Die Hälfte aller jemals an US-Börsen gelisteten Aktien lieferte eine negative Gesamtrendite. Die mediane Lebenszeit-Rendite einer Aktie lag bei −2,29 Prozent.

Was die Daten wirklich sagen

Bessembinders Datensatz umfasst knapp 26.000 US-Aktien von 1926 bis 2016. Das zentrale Ergebnis: Nur 4 Prozent aller Aktien – rund 1.092 Unternehmen – waren für die gesamte Netto-Vermögensbildung des US-Aktienmarkts verantwortlich. Die restlichen 96 Prozent haben in Summe gerade einmal die Rendite von Staatsanleihen erreicht. Noch extremer: Lediglich 86 Aktien – ein Drittel eines Prozents – erzeugten die Hälfte der gesamten Wertschöpfung von über 32 Billionen Dollar.

Die globale Version der Studie (Bessembinder, Chen, Choi & Wei, 2023, Financial Analysts Journal) bestätigt das Muster für 64.000 Aktien aus 43 Ländern: Nur 2,4 Prozent aller Firmen weltweit erzeugten die gesamte Netto-Wertschöpfung von 75,7 Billionen Dollar. Außerhalb der USA reichte sogar 1,41 Prozent der Unternehmen.

JP Morgans „Agony and Ecstasy"-Studie liefert die andere Seite der Medaille. Von allen Aktien, die jemals im Russell 3000 Index gelistet waren (Daten ab 1980), erlitten rund 40 bis 44 Prozent einen katastrophalen Verlust – definiert als ein Kursrückgang von über 70 Prozent vom Höchststand, von dem sich die Aktie nie wieder erholte. Zwei Drittel aller Einzelaktien blieben hinter dem Index zurück. Der mediane Aktien-Excess-Return gegenüber dem Russell 3000: −54 Prozent.

Das ist kein US-Phänomen. In der europäischen SPIVA-Auswertung für 2024 blieben 94 Prozent der aktiv gemanagten Aktienfonds in Deutschland hinter ihrer Benchmark zurück. Über zehn Jahre lag die Underperformance-Quote europaweit bei 93 Prozent. Wenn professionelle Fondsmanager mit ganzen Research-Teams scheitern, wie realistisch ist der Erfolg eines Privatanlegers mit 10 bis 20 handverlesenen Titeln?

Die Psychologie dahinter

Warum greifen Anleger trotz dieser Zahlen immer wieder zu einzelnen Wachstumsaktien? Die Verhaltensökonomie liefert eine klare Erklärung: den Lotterieeffekt.

Alok Kumar zeigte 2009 im Journal of Finance, dass Privatanleger systematisch Aktien mit Lotterie-Eigenschaften bevorzugen – niedrige Kurse, hohe Volatilität, asymmetrische Gewinnchancen. Diese „Lottery Stocks" lieferten im Schnitt 2 bis 3 Prozent weniger Rendite pro Jahr als andere Aktien. Bemerkenswert: Der durchschnittliche Anleger im Datensatz hielt gerade einmal 4 Aktien im Depot.

Barberis und Huang erklärten 2008 den Mechanismus über die Prospect Theory: Unser Gehirn übergewichtet kleine Wahrscheinlichkeiten extremer Gewinne. Die Chance auf einen Verzehnfacher – auch wenn sie bei unter einem Prozent liegt – wird emotional weit größer wahrgenommen, als sie tatsächlich ist. Neurowissenschaftliche Studien (Kuhnen & Knutson, 2005) zeigen, dass allein die Erwartung eines möglichen Gewinns das dopaminerge Belohnungssystem aktiviert – dieselben Hirnareale, die auch beim Glücksspiel feuern.

Oehler und Schneider bestätigten 2022 im Journal of Asset Management diesen Effekt explizit für deutsche Privatanleger: Auch hierzulande wird systematisch in Aktien mit Lotterie-Charakter überinvestiert. Das ist kein Zeichen von Dummheit – es ist menschliche Psychologie, die sich in Finanzmärkten besonders teuer auswirkt.

Der teure Umweg über Einzelaktien

Viele Anleger treffen eine auf den ersten Blick rationale Entscheidung: Sie meiden teure aktive Fonds – zu Recht, denn bei Kostenquoten von 0,59 bis 0,64 Prozent pro Jahr plus möglicher Ausgabeaufschläge fressen die Gebühren einen erheblichen Teil der Rendite. Die Alternative wird dann aber nicht ein günstiger ETF mit 0,03 bis 0,10 Prozent Kosten, sondern ein selbst zusammengestelltes Portfolio aus 10 bis 20 Einzelaktien.

Das Ergebnis ist statistisch oft schlechter als beide Alternativen. Ein Portfolio aus 10 Aktien erklärt nur rund 55 Prozent der Marktbewegungen (R² ≈ 0,55). Selbst 20 Aktien erreichen lediglich ein R² von etwa 0,75 bei einem Tracking Error von rund 10 Prozent. Für ein einigermaßen marktnahes Portfolio braucht man laut aktueller Forschung mindestens 75 Aktien.

Dazu kommt der Verhaltens-Kostenfaktor. Die DALBAR-Studie 2025 beziffert den „Behavior Gap" für 2024 auf 8,48 Prozentpunkte: Während der S&P 500 rund 25 Prozent Rendite lieferte, erzielte der durchschnittliche Aktienfondsanleger nur 16,54 Prozent. Über 20 Jahre summiert sich selbst ein kleiner jährlicher Verhaltens-Gap von einem Prozentpunkt auf erhebliche Summen – aus 100.000 Euro werden bei 9,7 Prozent Marktrendite rund 637.000 Euro, bei 8,7 Prozent Anlegerrendite nur rund 530.000 Euro. Über 100.000 Euro Differenz, allein durch suboptimales Timing und Verhalten.

Barber und Odean dokumentierten in ihrer wegweisenden Studie von 2000, dass die aktivsten Trader 6,5 Prozentpunkte pro Jahr hinter dem Markt zurückblieben – nicht trotz, sondern wegen ihres intensiven Handelns.

Was der Shift bringt

GMO, die Investmentgesellschaft von Jeremy Grantham, hat die Renditeverteilungen von Growth- und Value-Aktien über Fünfjahreszeiträume analysiert. Das Ergebnis: Weniger als 40 Prozent der Growth-Aktien schlugen den Markt über fünf Jahre. Bei Value-Aktien waren es rund 60 Prozent. Growth-Aktien hatten zudem eine über 50 Prozent höhere Insolvenzrate.

Die Bewertungsspreizung zwischen Growth und Value liegt laut GMO aktuell auf dem 10. Perzentil seit den frühen 1980er-Jahren – das heißt, nur in 10 Prozent der Zeit war die Kluft noch extremer. Value-Aktien handeln mit rund 35 Prozent Abschlag zu ihrer historisch typischen Bewertung. Der Russell 1000 Growth notiert bei einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 39, der Russell 1000 Value bei 22. Die Niveaus erinnern an die späten 1990er-Jahre.

Was passiert, wenn ein Anleger den Shift vollzieht – weg von einem konzentrierten Einzelaktien-Experiment, hin zu einem breit diversifizierten ETF? Der Effekt summiert sich über drei Ebenen: erstens die Kostensenkung (von versteckten Handelskosten und Steuern auf 0,03–0,10 Prozent ETF-Gebühr), zweitens die Eliminierung des Behavior Gaps durch passives Halten, und drittens die Diversifikation, die das Risiko katastrophaler Einzelverluste auf ein Minimum reduziert. In einem breit gestreuten ETF auf den MSCI World oder FTSE All-World ist automatisch jede zukünftige Amazon oder Nvidia enthalten – ohne die Notwendigkeit, sie vorher identifizieren zu müssen.

Fazit

Die Suche nach der nächsten Amazon ist verständlich. Sie bedient ein tief verankertes psychologisches Bedürfnis nach asymmetrischen Gewinnchancen. Aber die Zahlen sind eindeutig: 96 Prozent aller Aktien tragen in Summe nichts zur Wertschöpfung bei. Zwei Drittel bleiben hinter dem Index zurück. Rund 40 Prozent erleiden katastrophale Verluste. Und weniger als 40 Prozent der beliebten Growth-Aktien schlagen den Markt über fünf Jahre.

Das bedeutet nicht, dass Einzelaktien per se falsch sind. Es bedeutet, dass ein konzentriertes Portfolio aus 10 bis 20 Titeln eine implizite Wette ist – eine Wette darauf, genau jene 4 Prozent der Aktien zu finden, die den Markt ausmachen. Die Alternative – ein breit diversifizierter, kostengünstiger ETF – eliminiert diese Wette und liefert zuverlässig die Marktrendite. Nicht die aufregendste Strategie. Aber statistisch die robusteste.

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