(openPR) Rita Süssmuth zu treffen, war immer ein Erlebnis. Sie lächelte, war freundlich, es entwickelt sich ein Gespräch, und du merktest, da blitzt noch etwas anderes durch: ihre Anliegen, ihr Denken, kombiniert mit merkbarer Power und Mut, das alles blitzt aus ihren Augen.
Während andere Smalltalk machen, war sie schon beim Thema
Rita Süssmuth begegnete ich als junger Journalist zum ersten Mal in ihrer Rolle als Bundestagspräsidentin. Wie das bei Fernsehsendungen ist, war sie kurz vor dem Interview da, man wechselt ein paar Worte und dann geht’s auf Sendung. Nicht so bei ihr: Sie war früher da, verwickelte einen nach dem Interview noch in ein Gespräch und machte einen aufmerksam auf ein Thema, das man nicht auf dem Radar hatte. Und so war es jedes Mal, immer sagte sie etwas vor und nach ihrem Auftritt, das Inspiration und gleichzeitige Motivation war und einen nachdenken ließ.
Motivation und Inspiration pur
Rita Süssmuth war eine Streiterin für Themen, die heute selbstverständlich sind, damals aber mindestens liberal, eher schon wild progressiv waren. Sie war ein bisschen wie eine weise Tante, die man nie hatte, die nur das Beste wollte und einen auf Dinge schubste, Motivation und Inspiration pur.
Ein Kondom zur besten Sendezeit
Ich erinnere mich noch gut an eine Unterhaltungssendung mit vielen Popstars, und dabei war auch AIDS ein Thema. Während eines Songs stand ich schon auf der Bühne mit der damaligen Ehrenvorsitzenden der AIDS-Stiftung Süssmuth für ein Interview. Sie lächelte und fragte mich, kurz bevor wir auf Sendung gingen: „Wollen Sie nicht vor der Kamera ein Präservativ in die Hand nehmen und in die Kamera zeigen? Wäre doch super, ich habe die ganze Tasche voll.“
Ich blickte überrascht, und sie lächelte zurück: „Wer nicht kämpft, der hat schon verloren!“
Rita Süssmuth war immer auf ihrer Mission, mit ihrer Motivation, immer Ziele erreichen.
Liberal im Denken, konservativ im Hintergrund
Stand Rita Süssmuth vor einem, wirkte sie unglaublich liberal. Man konnte bei ihrer Liberalität, ihrem nach vorne Denken, ihrem inklusiven Denken, vergessen, dass sie eigentlich eine überzeugte Konservative und Katholikin war.
Rita Süssmuth, Vordenkerin ihrer Zeit
Wenn heute geschrieben wird, Rita Süssmuth sei ein Leitstern gewesen, ein Vorbild, eine Vordenkerin, eine Inspiration für viele, dann meint das genau das.
Rita Süssmuth kam aus einer anderen Zeit, und in dieser anderen Zeit sagte sie Dinge, die man damals gar nicht hören wollte und versuchte zu ignorieren. Es fällt einem heute schwer zu glauben, dass beispielsweise Vergewaltigung in der Ehe, was damals ein Aufreger-Thema war.
Konkret Ziele erreichen statt schöner Worte
Als Frauenministerin führte sie den Anspruch aller Mütter und Väter auf Erziehungsgeld ein, Kindererziehungszeiten wurden in der Rente anerkannt.
Als damals AIDS ein immer größeres Thema wurde und Worte vom sogenannten „Schwulen-Krebs“ lauter wurden, sagte Rita Süssmuth: „Wir bekämpfen die Krankheit, nicht die Kranke“. Worte, die heute nicht auffallen würden, waren damals eine Sensation. Sie setzte auf das öffentliche Sprechen über Sexualität und über sexuelle Vorsichtspraktiken.
Diversity war für sie ein Thema, lange bevor Diversity ein politisches Thema in Politik, Gesellschaft und Unternehmenskultur wurde.
Grenzen sind zum Durchbrechen da, nicht zum Verwalten
Heute alles selbstverständlich, aber ohne die Inspiration von Rita Süssmuth wäre es anders. Sie wollte Ziele erreichen und trug vielfach dazu bei, dass die Diskussion im Lande sich veränderte.
Rita Süssmuth hörte nie auf. Sie war ein Vorbild, eine Inspiration, eine Vorkämpferin. Auch Motivation und Inspiration für mich. Sie zeigte mir früh, dass gesellschaftliche Grenzen eigentlich zum Durchbrechen da sind. Für mich Inspiration, dieses Thema in einem Vortrag zu den Themen Diversity, Inspiration und Ziele erreichen „Grenzen durchbrechen“ auch zu meinem Thema zu machen, als Motivation und Inspiration für andere.
Ein letztes Treffen am Flughafen
Das letzte Mal traf ich sie vor gut zwei Jahren auf einem Flughafen. Sie sah mich, winkte, „Cherno“, lächelte sie, „geht’s Ihnen gut?“ Daraus entwickelte sich ein Gespräch über gesellschaftliche Veränderungen, neudeutsch Change und Diversity.
Und da war es wieder, dieses Blitzen in ihren Augen… und ein kleiner Vortrag: „Wissen Sie, wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass dieser Kampf um Gleichheit, etwa bei uns Frauen, so viele Jahrzehnte später noch ein Thema ist, ich hätte es mir nicht vorstellen können.“ Und dann holte sie aus, was noch erkämpft werden muss, welche „Ziele erreichen“ es auf jeden Fall lohnt.
Und man sah ihr an, mit ihren über 80 Jahren, dass sie immer noch voller Kraft und Visionen war, voller Streitlust für gesellschaftliche Themen. Bei dieser Power hoffte man spontan, nie gegen sie antreten zu müssen, sie hätte immer gewonnen. Bei Rita Süssmuth konnte man sich eine Scheibe abschneiden: zum Thema nicht aufgeben, zum Thema innerer Kompass, zum Thema Inspiration und Motivation.
Motivation statt Moralkeule
Man musste sie einfach mögen und wurde zum Fan, weil sie, obwohl in einer privilegierten Position, einfach nicht lockerließ. Ziele erreichen war ihre Agenda! Sie machte immer weiter. Egal wie die öffentliche Meinung war.
Wahrscheinlich war es auch ein Vorteil, dass Rita Süssmuth politische Seiteneinsteigerin war. Die Professorin hatte sich nicht abschleifen lassen in jahrelanger Parteiarbeit. Sie war und blieb ihr eigener Kopf.
Rita Süssmuths Erfolgsgeheimnis war auch, dass sie immer daran dachte, wie man die anderen, die Mehrheit, mitnehmen könnte. Kein reiner Vortrag, sie war immer bemüht um Motivation, Leute mit einzubeziehen. Sie predigte nie und war so subtil moralisch, dass man es gar nicht merkte.
„Setzt den Kampf immer fort“
Sie beglückwünschte mich für mein „Brechen der Glasdecke“, als erster nicht-weißer Fernsehmoderator in Deutschland. Ich weiß noch genau, wie erstaunt ich darüber war. Ich hatte das nie so gesehen, ich machte nur meinen Job.
Sie lächelte damals und meinte nur: „Setzt den Kampf immer fort.“ Da war es wieder: Motivation und Inspiration pur.
Rita Süssmuth ist gegangen, ihr Maßstab bleibt
Nun ist Rita Süssmuth, die langjährige Bundestagspräsidentin, Bundesministerin und Trägerin vieler Ehrenämter, die ein Leben lang für eine bessere Version unserer selbst gekämpft hat, von uns gegangen.
Rita Süssmuth wird uns fehlen, und sie wird mir persönlich fehlen.
Gute Reise, Rita Süssmuth. Der Himmel wird ab jetzt ein noch besserer Ort.
In Amerika würde man das übliche RIP, Rest in Peace, in einen Ehrentitel umbenennen: Rest in Power!











