openPR Recherche & Suche
Presseinformation

Folge dem Blick der Taube

07.07.202516:45 UhrWissenschaft, Forschung, Bildung

(openPR) Ein Blick hat etwas Magnetisches: Wenn nur genügend Menschen in dieselbe Richtung schauen, werden andere ihrem Blick folgen. Doch gilt das auch für Tiere wie Tauben – und spielt es eine Rolle für den Effekt, ob nur eine oder viele Tauben schauen? Ein Team von Tierverhaltensforscher*innen um Fumihiro Kano und Mathilde Delacoux von der Universität Konstanz nahm das Gruppenverhalten von Tauben in den Blick. Warum es wichtig ist, zu wissen, wohin die Tauben starren.

Gemeinsam starren
Das Verfolgen der Blickrichtung spielt in der Verhaltensforschung eine besondere Rolle. „Viele Tiere einschließlich dem Menschen neigen dazu, dort hinzuschauen, wohin andere schauen; wir nennen das „gaze following“. Das ist eine einfache, aber wichtige Art und Weise, um Aufmerksamkeit zu teilen und von anderen zu lernen“, schildert Mathilde Delacoux. Frei nach der Formel: Ich denke, dass du denkst, dass dort etwas Interessantes ist – also sollte ich ebenfalls dorthin schauen.

Der US-amerikanische Sozialbiologe Stanley Milgram erforschte die Blick-Verfolgung in einem Verhaltensexperiment, das Berühmtheit erlangte und seitdem zigfach kopiert wurde, vor allem in Flashmobs: Eine Gruppe Menschen starrt auf das Dach eines Hauses. Ab einer gewissen Größe der Gruppe werden Passant*innen stehenbleiben und in dieselbe Richtung schauen. Milgram schlussfolgerte, dass eine gewisse Mindestzahl an Personen nötig ist, damit der Effekt eintritt. Er nannte dies einen „Quorum“-Effekt.

Doch wie sieht es in der Tierwelt aus? Folgen auch Tiere den Blickrichtungen ihrer Artgenossen? Gibt es bei ihnen einen Quorum-Effekt? Und verrät uns ihr „Blick für den Blick“ wirklich etwas über ihre kognitiven Leistungen?

Dass Tiere dem Blick ihrer Artgenossen folgen, wurde bereits bei verschiedenen Vogelarten wie Raben, Staren, Gänsen, Pinguinen, Nandus oder auch Emus nachgewiesen. Diese Verhaltensexperimente fanden bisher jedoch allesamt in Zweier-Konstellationen statt: ein Vogel schaut, der andere folgt seinem Blick. Welche Rolle spielt dabei aber das Gruppenverhalten? Ist die Gruppengröße vielleicht sogar der entscheidende Faktor, so wie Milgram es beim Menschen zeigte? Dieser Frage gingen Delacoux und Kano anhand von Tauben nach. „Tauben sind für diesen Zweck gut geeignet, da sie typischerweise relativ große Gruppen bilden, in denen die einzelnen Tiere gewöhnlich von mehreren Artgenossen umgeben sind. In solchen Schwärmen sollte es für die Tiere von Vorteil sein, dem Blick der andern zu folgen, zum Beispiel bei der Futtersuche oder zur Wachsamkeit“, erläutert Delacoux.

In der High-Tech-Scheune
In einer speziell präparierten High-Tech-Scheune in Möggingen am Bodensee platzierten sie die Tauben gegenüber in zwei Gruppen. Der einen Gruppe wurde ein bewegliches Objekt gezeigt, das ihre Aufmerksamkeit erregte – doch der anderen Gruppe blieb das Objekt verborgen: Es lag außerhalb ihres Sichtfelds, hinter einer Abdeckung versteckt. Nun stellte sich die Frage: Folgt die zweite Gruppe der Blickrichtung ihrer Artgenossen? Wie zuverlässig tritt dieser Effekt ein? Und spielt die Anzahl der Tiere, die in dieselbe Richtung starren, eine Rolle?

Die Tauben waren währenddessen rundum von einem Kamerasystem umgeben, das die Bewegungen ihres Kopfes aus unterschiedlichen Perspektiven in Echtzeit erfasste. Auf diese Weise konnten die Forschenden millisekundengenau rekonstruieren, wann welche Taube wohin schaute – und wie sie auf die Blicke der anderen reagierte. Delacoux und Kano wiederholten das Experiment in unterschiedlichen Gruppenkonstellationen: Mal sah nur eine Taube das versteckte Objekt, mal drei oder fünf oder sehr viele von ihnen.

Das Experiment bestätigte die Vermutung der Forschenden: Die Tauben folgten in der Tat dem Blick ihrer Artgenossen. Der Effekt war aber weniger ausgeprägt als bei anderen Vogelarten, bei denen die Blickverfolgung nachgewiesen wurde. Auch zeigte sich, dass die Gruppenanzahl in der Tat eine Rolle spielt. Starrt nur eine Taube in eine Richtung, so folgen andere nur selten ihrem Blick. Sobald aber mehrere Tauben in dieselbe Richtung schauen, schließen sich die meisten anderen ihrer Blickrichtung an.

Anders als bei Stanley Milgrams Experiment gab es jedoch keine Anzeichen für einen Quorum-Effekt. Sprich: Die Anzahl der Tauben spielte zwar durchaus eine Rolle, es gab aber keine bestimmte Mindestanzahl an Tieren, damit der Effekt eintritt. Es ließ sich vielmehr eine lineare Steigerung beobachten: Je mehr Tauben in dieselbe Richtung starrten, desto mehr schlossen sich ihnen an – ohne, dass es eine Mindestschwelle gegeben hätte.

In der Gedankenwelt der Taube
Was verrät uns das Experiment nun über die kognitiven Fähigkeiten von Tauben? Ist das Experiment ein Anzeichen, dass sich Tauben in die Gedankenwelt ihres Gegenübers hineinversetzen können? Mathilde Delacoux ist hier mit Schlussfolgerungen vorsichtig: „Ich würde nicht annehmen, dass ihr Verhalten mehr bedeutet, als einfach nur der Blickrichtung zu folgen.“ Delacoux geht von einer eher reflexhaften Reaktion der Tauben aus. Anzeichen von tieferen kognitiven Fähigkeiten – zum Beispiel die eigene Position zu wechseln, um das verborgene Objekt besser sehen zu können – waren nicht erkennbar.

Die Ergebnisse sind aber sehr wohl aufschlussreich über das Gruppenverhalten von Tauben. „Wir wissen nun, dass Tauben nicht einfach nur mechanisch die Blickrichtung ihrer Artgenossen kopieren. Sie richten ihr Verhalten vielmehr danach aus, wie viele andere ihrer Artgenossen einen Hinweis mit ihrem Blick geben“, erläutert Fumihiro Kano und unterstreicht: „Sie reagieren auf ein kollektives Signal.“ Die Forschungsergebnisse lassen uns also sehr wohl einen Blick in den Kopf einer Taube werfen, und sie zeigen uns ein Sozialverhalten, das sich an der Gruppe orientiert. Ein einzelner Blick mag unbeachtet bleiben, doch viele Blicke sorgen für Aufmerksamkeit – nicht nur bei Menschen, sondern auch bei Tauben. Wie Kano es letztlich ausdrückt: „Viele Tiere entwickelten sich in Gruppen. Um richtig zu verstehen, wie sie denken und miteinander kommunizieren, müssen wir sie auch als Gruppen erforschen.“

Faktenübersicht:
• Originalpublikation: Mathilde Delacoux, Akihiro Itahara, Fumihiro Kano, Gaze following in pigeons increases with the number of demonstrators, iScience, Volume 28, Issue 7, 2025,
DOI: https://doi.org/10.1016/j.isci.2025.112857.
Link: https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2589004225011186
• Forschungsprojekt des Exzellenzclusters Kollektives Verhalten der Universität Konstanz in Kooperation mit der Kyoto University.

Hinweis an die Redaktionen:
Ein Bild steht zum Download bereit:

https://www.uni-konstanz.de/fileadmin/pi/fileserver/2025_extra/folge_dem_blick_der_taube_1.jpg
Bildunterschrift: Versuchsaufbau in der Hightech-Scheune: Die Tauben werden in zwei Gruppen aufgeteilt. Nur eine Gruppe („Demonstrators“) sieht das bewegliche Objekt. Folgt die zweite Gruppe („Observers“) nun dem Blick ihrer Artgenossen?
Copyright: Mathilde Delacoux, published by Elsevier Inc.

Diese Pressemeldung wurde auf openPR veröffentlicht.

Verantwortlich für diese Pressemeldung:

News-ID: 1287197
 570

Kostenlose Online PR für alle

Jetzt Ihren Pressetext mit einem Klick auf openPR veröffentlichen

Jetzt gratis starten

Pressebericht „Folge dem Blick der Taube“ bearbeiten oder mit dem "Super-PR-Sparpaket" stark hervorheben, zielgerichtet an Journalisten & Top50 Online-Portale verbreiten:

PM löschen PM ändern
Disclaimer: Für den obigen Pressetext inkl. etwaiger Bilder/ Videos ist ausschließlich der im Text angegebene Kontakt verantwortlich. Der Webseitenanbieter distanziert sich ausdrücklich von den Inhalten Dritter und macht sich diese nicht zu eigen. Wenn Sie die obigen Informationen redaktionell nutzen möchten, so wenden Sie sich bitte an den obigen Pressekontakt. Bei einer Veröffentlichung bitten wir um ein Belegexemplar oder Quellenennung der URL.

Pressemitteilungen KOSTENLOS veröffentlichen und verbreiten mit openPR

Stellen Sie Ihre Medienmitteilung jetzt hier ein!

Jetzt gratis starten

Weitere Mitteilungen von idw - Informationsdienst Wissenschaft

Bild: Biotenside: Eine nachhaltige Alternative für Reinigungs- und KörperpflegemittelBild: Biotenside: Eine nachhaltige Alternative für Reinigungs- und Körperpflegemittel
Biotenside: Eine nachhaltige Alternative für Reinigungs- und Körperpflegemittel
Tenside sind als vielseitige Helfer aus unserem Alltag nicht wegzudenken: Die oberflächenaktiven Substanzen sorgen dafür, dass Fett und Schmutz sich lösen, Haarwaschmittel schäumen und Öl-Wasser-Gemische in Cremes stabile Emulsionen bilden. Weltweit werden pro Jahr mehr als 18 Millionen Tonnen Tenside synthetisiert, die meisten aus fossilen Rohstoffen. Hersteller setzen durchaus vermehrt auf abbaubare pflanzliche Rohstoffe, doch kommen bei der Herstellung von biobasierten Tensiden vor allem tropische Öle wie Kokosnussöl und Palm(kern)öl zum E…
Erste internationale Leitlinie zu Demenzerkrankung beim Hund veröffentlicht
Erste internationale Leitlinie zu Demenzerkrankung beim Hund veröffentlicht
Ein internationales Gremium hat im Journal of the American Veterinary Medical Association (JAVMA) die ersten internationalen Leitlinien zur Diagnose und zum Monitoring des Canine Cognitive Dysfunction Syndrome (CCDS) veröffentlicht. Das Canine Cognitive Dysfunction Syndrome ist eine fortschreitende, altersbedingte Hirnerkrankung bei älteren Hunden, die über normale altersbedingte Veränderungen hinausgeht. Ähnlich wie Alzheimer beim Menschen. „Die Leitlinien sind ein Startpunkt, um kognitive Veränderungen bei Hunden früh zu erkennen und klinis…
07.01.2026
14:56

Das könnte Sie auch interessieren:

Bild: Die taube Taube hört es nicht, was der Tauber zu ihr sprichtBild: Die taube Taube hört es nicht, was der Tauber zu ihr spricht
Die taube Taube hört es nicht, was der Tauber zu ihr spricht
Götz Hindelangs Gereimtheiten erscheinen bei Periplaneta. Im Sommerprogramm 2019 des Periplaneta Verlag Berlin erscheint der Lyrikband „Die taube Taube hört es nicht, was der Tauber zu ihr spricht – Und andere Gereimtheiten“ von Götz Hindelang in der Edition Reimzwang. In 128 humorvollen Gedichten schreibt der emeritierte Germanist und Linguistiker über …
Bild: Weihnachtsgeschenk: Demoversion Hybrides ProjektmanagementBild: Weihnachtsgeschenk: Demoversion Hybrides Projektmanagement
Weihnachtsgeschenk: Demoversion Hybrides Projektmanagement
… Deutschen Projekt Akademie und PM Experte, ein Computer Based Training geschrieben und stellt jetzt eine Demoversion ins Netz. „Viele Kunden haben uns gebeten einen Blick in das aktuelle Computer Based Training werfen zu können. Darum haben wir eine Demoversion gebaut.“, berichtet Taube. Das CBT kann unter dem Link: https://deutsche-projekt-akademie.de/shop-2/Demoversion-Hybrides-Projektmanagement-p97843515 …
Martin Taube neuer Global Product Manager "Inspection Systems" bei Bizerba
Martin Taube neuer Global Product Manager "Inspection Systems" bei Bizerba
Balingen, 30. August 2011- Martin Taube ist seit dem 01. August 2011 neuer Global Product Manager "Inspection Systems" bei Bizerba. Der 28-Jährige zeichnet sich zukünftig verantwortlich für die Betreuung der Inspektionssysteme sowie für die Festlegung von Marktstrategien und Rollouts. Martin Taube ist Diplom-Betriebswirt, er begann seine Karriere bei …
Bild: Ein Bilderbuch über den Wert der FreundschaftBild: Ein Bilderbuch über den Wert der Freundschaft
Ein Bilderbuch über den Wert der Freundschaft
… schaut, kann trotz Verlassen werden und Verlust sein Leben ohne Drama weiterleben und sich auf das freuen, was kommt. Denn einer räumlichen Trennung kann auch ein wunderbares Wiedersehen folgen. Annika Knor legt mit "Hin und weg mit Taube und Bär" ein Bilderbuch für Kinder ab 3 Jahren vor. Das nämlich ist das Alter, in dem die ersten Kinderfreundschaften …
Bild: Neues Buch für Erzieher/innenBild: Neues Buch für Erzieher/innen
Neues Buch für Erzieher/innen
… Erfahrungsbericht der Autorin nach Ereignissen im Laufe des Jahres. Es wird deutlich, wie die Rolle des Erziehers eingenommen wird und welche Hürden zu überwinden sind. Den selbstkritischen Blick der Autorin spüren die Leser sowohl bei der Schilderung des Alltags, als auch über das System der Auszubildenden. Im zweiten Teil des Buches finden die Leser …
Bild: Webinar am 03.08.2017 um 11.00 UhrBild: Webinar am 03.08.2017 um 11.00 Uhr
Webinar am 03.08.2017 um 11.00 Uhr
ung des weiteren Trainingsangebotes. Die Webinare werden durch den erfolgreichen Projektmanager Michael Taube gehalten. Taube führt die Veranstaltungen mit Ton und Bild durch. Damit wird eine große Partizipation für die Teilnehmer möglich. Anmeldungen können unter https://www.edudip.com/w/252420 erfolgen.
Bild: Weiterbildung Taube GebärdensprachdolmetscherBild: Weiterbildung Taube Gebärdensprachdolmetscher
Weiterbildung Taube Gebärdensprachdolmetscher
Nur taube Menschen können lernen, zwischen zwei Gebärdensprachen zu dolmetschen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit z. B. deutscher, italienischer oder türkischer Gebärdensprache als Muttersprache lernen, zwischen dieser und der deutschen Gebärdensprache professionell zu dolmetschen. Die Universität Hamburg bietet diesen deutschlandweit einzigen …
Bild: Technik-Headhunter Prodatex veröffentlicht neueste Ausgabe der Informationsschrift AUSBLICKEBild: Technik-Headhunter Prodatex veröffentlicht neueste Ausgabe der Informationsschrift AUSBLICKE
Technik-Headhunter Prodatex veröffentlicht neueste Ausgabe der Informationsschrift AUSBLICKE
… die Innovationskraft deutscher Ingenieure. In Ergänzung dazu befasst sich auch der aktuelle Gastbeitrag mit dem Thema des nun erwachenden Chinas und den wirtschaftlichen Folgen der bedingungslosen Aufnahme Chinas in das für liberale Marktwirtschaften geschaffene Welthandelssystem. Prof. Dr. Markus Taube ist Professor für Ostasienwirtschaft/China an der …
Bild: Kostenloses Webinar am 27.06.2017 um 19.00 UhrBild: Kostenloses Webinar am 27.06.2017 um 19.00 Uhr
Kostenloses Webinar am 27.06.2017 um 19.00 Uhr
ektmanager Michael Taube gehalten. Taube führt die Veranstaltungen mit Ton und Bild durch. Damit wird eine große Partizipation für die Teilnehmer möglich. Das kostenfreie Seminar beginnt um 19.00 Uhr und wird 45 Minuten dauern. Anmeldungen können unter https://www.edudip.com/w/248832#description erfolgen.
Bild: Hybrides Projektmanagement: Webinar am 07.08.2017 um 10.00 UhrBild: Hybrides Projektmanagement: Webinar am 07.08.2017 um 10.00 Uhr
Hybrides Projektmanagement: Webinar am 07.08.2017 um 10.00 Uhr
Webinare werden durch den erfolgreichen Projektmanager Michael Taube gehalten. Taube führt die Veranstaltungen mit Ton und Bild durch. Damit wird eine große Partizipation für die Teilnehmer möglich. Das einstündige Webinar kostet 10,00 €. Anmeldungen können unter https://www.edudip.com/w/252734 erfolgen.
Sie lesen gerade: Folge dem Blick der Taube