openPR Recherche & Suche
Presseinformation

Regieren ohne Mehrheit

27.01.202511:30 UhrPolitik, Recht & Gesellschaft
Bild: Regieren ohne Mehrheit

(openPR) Deutschland vor der Bundestagswahl: Die Erfahrungen aus den letzten Wahlen zeigen, dass sich die Regierungsbildung zunehmend komplizierter gestaltet – auf Bundes- wie auf Länderebene. Auch für die bevorstehenden Neuwahlen zeichnet sich ab, dass es für die Parteien schwieriger wird, funktionsfähige Mehrheiten zu organisieren.

Wäre in Deutschland eine Minderheitsregierung denkbar, also eine Regierung ohne parlamentarische Mehrheit? Ein Blick auf die skandinavischen Länder zeigt langjährige Erfahrungen mit Minderheitsregierungen, die durchaus stabil sein können. Politikwissenschaftler Sven Jochem von der Universität Konstanz schildert, welche Bedingungen dafür gegeben sein müssen.

Wenn wir an Minderheitsregierungen denken, schwebt uns zumeist das Bild einer Regierung vor, die wechselnde Bündnisse mit unterschiedlichen Oppositionsparteien sucht. Der Blick nach Skandinavien zeigt, dass diese Form der Minderheitsregierung zahlenmäßig eher rückläufig ist. „Die Minderheitsregierungen in Nordeuropa schließen zunehmend formalisierte Abkommen mit festen Partnern in der Opposition, durchaus vergleichbar mit den Koalitionsverträgen einer Mehrheitsregierung“, erläutert Sven Jochem. „Daraus formieren sich Bündnisse, die durchaus für die gesamte Legislaturperiode stabil bleiben können.“

Warum wird dann aber nicht gleich ein Koalitionsvertrag geschlossen und eine formale Mehrheitsregierung gebildet? Der Unterschied zur klassischen Regierungskoalition besteht darin, dass die Bündnispartner einer Minderheitsregierung weiterhin als Opposition auftreten können. „Die Unterstützungspartei verzichtet zwar auf den Amtsbonus, hat dadurch aber mehr Freiheitsgrade, sich als unabhängige, kritische Reformkraft im Parteienwettbewerb und in der Öffentlichkeit zu profilieren. Durch das Bündnis mit der Regierung kann sie zugleich aus der Opposition heraus ihren Einfluss auf das Regierungshandeln maximieren und so ihre politischen Ziele besser durchsetzen“, verdeutlicht Jochem.

Damit eine Minderheitsregierung in Deutschland stabil funktionieren könnte, bedürfe es jedoch gewisser Rahmenbedingungen, betont Sven Jochem. „Die skandinavischen Länder Dänemark, Norwegen und Schweden besitzen politische Spielregeln, die mit dem Begriff des ‚negativen Parlamentarismus‘ umschrieben werden. Auf einen kurzen Nenner gebracht bedeutet dies, dass eine Regierung gebildet, ein Gesetz verabschiedet werden kann, wenn nicht eine Mehrheit dagegen stimmt.“

Vereinfacht gesagt heißt das, dass Stimmenthaltungen – anders als zum Beispiel im Bundesrat – nicht als Nein-Stimmen interpretiert werden, sondern eben „neutrale“ Stimmen bleiben. „Ein Wandel vom positiven hin zum negativen Parlamentarismus würde in Deutschland das Regieren ohne feste Mehrheit erleichtern – vor allem für die Unterstützungspartei, die nicht mit einer Ja-Stimme ihre Position klar ausdrücken muss, sondern sich hinter einer neutralen Enthaltung verstecken darf“, führt Jochem aus.

Eine Minderheitsregierung ist nicht ohne Risiko. „Es besteht immer die Gefahr, dass die Opposition gegen die Minderheitsregierung Gesetze auf den Weg bringt“, schildert Jochem. Damit sie sich nicht von der Opposition erpressbar macht und vorführen lässt, benötige eine Minderheitsregierung daher eine „Exit-Strategie“, so Jochem, zum Beispiel die Auflösung des Parlaments als Druckmittel. In Nordeuropa ist die Auflösung der Parlamente meist einfach geregelt, anders als in Deutschland. Das gibt den skandinavischen Minderheitsregierungen ein wirkungsvolles Instrument in die Hand, um eine Notbremse zu ziehen – oder zumindest damit zu drohen.

Neben den institutionellen Gegebenheiten ist für Sven Jochem ein „weicher“ Faktor ganz entscheidend, damit eine Minderheitsregierung funktionieren kann: eine Kultur des informellen Austausches zwischen Politiker*innen verschiedener Parteien, wie man sie in Skandinavien beobachten kann. Durch informellen Kontakt wird persönliches Vertrauen aufgebaut, zugleich erleichtert er Vorsondierungen und Verhandlungen abseits der öffentlichen Bühne. Eines ist für Jochem mit einer Minderheitsregierung jedoch nur schwer vereinbar: „Regieren aus der Minderheit heraus ist kaum zu vereinbaren mit programmatischen ‚roten Linien‘ aller Art. Wer in dieser Form regieren will, der sollte ein hohes Maß an programmatischer Flexibilität mitbringen“, schließt Jochem.

Zur Person:
Der Politikwissenschaftler apl. Prof. Dr. Sven Jochem leitet die Arbeitsgruppe für empirische und normative Demokratietheorien an der Universität Konstanz.

Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die Politik und Gesellschaft in den nordeuropäischen Ländern und Regionen, Minderheitsregierungen, wohlfahrtsstaatliche Reformen in Europa sowie empirische und normative Demokratietheorien.

Hinweis an die Redaktionen:
Ein Foto kann im Folgenden heruntergeladen werden:
https://www.uni-konstanz.de/fileadmin/pi/fileserver/2025/regieren_ohne_mehrheit.jpg

Bildunterschrift: Politikwissenschaftler Sven Jochem, Leiter der Arbeitsgruppe für empirische und normative Demokratietheorien an der Universität Konstanz.
Bild: Jespah Holthof

Diese Pressemeldung wurde auf openPR veröffentlicht.

Verantwortlich für diese Pressemeldung:

News-ID: 1276130
 394

Kostenlose Online PR für alle

Jetzt Ihren Pressetext mit einem Klick auf openPR veröffentlichen

Jetzt gratis starten

Pressebericht „Regieren ohne Mehrheit“ bearbeiten oder mit dem "Super-PR-Sparpaket" stark hervorheben, zielgerichtet an Journalisten & Top50 Online-Portale verbreiten:

PM löschen PM ändern
Disclaimer: Für den obigen Pressetext inkl. etwaiger Bilder/ Videos ist ausschließlich der im Text angegebene Kontakt verantwortlich. Der Webseitenanbieter distanziert sich ausdrücklich von den Inhalten Dritter und macht sich diese nicht zu eigen. Wenn Sie die obigen Informationen redaktionell nutzen möchten, so wenden Sie sich bitte an den obigen Pressekontakt. Bei einer Veröffentlichung bitten wir um ein Belegexemplar oder Quellenennung der URL.

Pressemitteilungen KOSTENLOS veröffentlichen und verbreiten mit openPR

Stellen Sie Ihre Medienmitteilung jetzt hier ein!

Jetzt gratis starten

Weitere Mitteilungen von idw - Informationsdienst Wissenschaft

Bild: VR, Robotik und Eye-Tracking: Innovations-Labor der DHBW VS bietet KI-Kompetenz und technologische Innovationskraft Bild: VR, Robotik und Eye-Tracking: Innovations-Labor der DHBW VS bietet KI-Kompetenz und technologische Innovationskraft
VR, Robotik und Eye-Tracking: Innovations-Labor der DHBW VS bietet KI-Kompetenz und technologische Innovationskraft
Das Innovations-Labor (Innolab) der DHBW Villingen-Schwenningen ist die zentrale Anlaufstelle für innovative Technologien und moderne Methodenkompetenz. Verantwortlich ist das Education Support Center (ESC), das als Dienstleister für Lehrende, Studierende und perspektivisch auch für Duale Partner agiert. Mit Technologien wie Virtual-Reality-Brillen, Robotik-Systemen und Eye-Tracking-Geräten schafft das ESC eine Infrastruktur, die Lehre, Forschung und Transfer gleichermaßen stärkt. „Studierende und Dozierende können die Leistungen des ESC in …
BreGoS² – Nachhaltigkeitsverbund der Bremischen Hochschulen geht in die nächste Runde
BreGoS² – Nachhaltigkeitsverbund der Bremischen Hochschulen geht in die nächste Runde
In der zweiten Förderphase soll unter dem Titel BreGoS² aus einem zeitlich befristeten Forschungsprojekt Schritt für Schritt eine tragfähige Struktur für mehr Nachhaltigkeit im Hochschulalltag werden. Beteiligt sind die Hochschule Bremen, die Hochschule Bremerhaven und die Universität Bremen. Gemeinsam vertiefen sie ihre Zusammenarbeit, um Lösungen zu entwickeln, die den Hochschulbetrieb langfristig nachhaltiger machen und zugleich Vorbild für andere Einrichtungen sein können. In der ersten Projektphase haben die beteiligten Hochschulen geze…

Das könnte Sie auch interessieren:

Mit dem Rücken zur (Plakat)Wand - Eine schwache Regierung bewegt nichts
Mit dem Rücken zur (Plakat)Wand - Eine schwache Regierung bewegt nichts
Zur heute anlaufenden Plakatwerbe-Aktion der Bundesregierung für die Agenda 2010 erklärt der Bundesgeschäftsführer der PDS, Rolf Kutzmutz: 21.08.2003 - Schwache Regierungen regieren meist gegen die große Mehrheit derBevölkerung und brauchen deshalb viel Geld für Eigenwerbung. Ganz schwache Regierungen haben nicht mal dafür genügend Geld.Die Bundesregierung …
Bild: An die Männer der Politik: Briefe der heiligen Katharina von Siena auf Deutsch erschienenBild: An die Männer der Politik: Briefe der heiligen Katharina von Siena auf Deutsch erschienen
An die Männer der Politik: Briefe der heiligen Katharina von Siena auf Deutsch erschienen
… Herrschaft ärmlich und unbeständig.“ Oder in Br. 121 an die Regierung von Siena: „Jene, die sich nicht selbst beherrschen können, sind auch nicht geeignet und fähig, andere zu regieren.“ Aus dem Glauben heraus sind ihre Briefe durchaus sozialkritisch, wie z.B. in Br. 367: „Dieser elende Mensch, der dazu bestellt wurde, die Stadt zu regieren (und sich …
Michael Oehme: Ungarns nationalistischer Viktor Orbán regiert per Dekret
Michael Oehme: Ungarns nationalistischer Viktor Orbán regiert per Dekret
Dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán wurde das Recht eingeräumt, auf unbestimmte Zeit per Dekret zu regieren. Diese neuen weitreichenden Mächte geben in Europa Anlass zur Sorge. St.Gallen, 01.04.2020. „Das ungarische Parlament hat am Montag einen Gesetzentwurf verabschiedet, der es Ministerpräsident Viktor Orbán ermöglicht, das Land per Dekret …
Mehr Geld für Abgeordneten
Mehr Geld für Abgeordneten
… Diäten selbst abstimmen? Wäre das nicht ein Thema für das Volk? Die Beteiligung bei dieser Volksabstimmung wäre überwältigend. Meines Erachtens sollen Politiker so viel Geld (mit dem regieren) verdienen, dass sie es ihr Leben lang nicht mehr ausgeben können, doch dafür sollten Sie das Land gut, gerecht, ehrlich und gewissenhaft führen, sie sollten auch …
„Bündnis GEGEN Bad Homburg“ - Vetternwirtschaft und Küchentisch regieren die Stadt!
„Bündnis GEGEN Bad Homburg“ - Vetternwirtschaft und Küchentisch regieren die Stadt!
… Kundenfreundlichkeit zerstört! 7. Sie haben ihre Ehepartner mit den höchstdotierten Posten der Stadt versorgt (siehe Kraft, Krug/Barth, Korwisi). Vetternwirtschaft und Küchentisch regieren Bad Homburg! 8. Die Dezernatsverteilung dient nur der Befriedigung von Machtpartnern. Nachdem die Hauptamtlichkeit satzungsgemäß besetzt ist, bedarf es keiner ehrenamtlichen …
Bild: Andrea Ypsilanti schließt große Koalition in Hessen ausBild: Andrea Ypsilanti schließt große Koalition in Hessen aus
Andrea Ypsilanti schließt große Koalition in Hessen aus
… um die Zukunft zu bewältigen. Ihre politische Rhetorik sollte für ihr eigenes Handeln Richtschnur sein. Daher müssen sich alle Parteien bewegen, auch die SPD. Will sie nicht regieren, darf Ypsilanti nicht als Ministerpräsidentin kandidieren, weil sie gar nicht verhindern kann, dass die Linke sie wählt. Will sie aber regieren, wird sie sich wohl oder …
Bild: Kerry-Biograph: 'John Kerry. Amerikas Chance'Bild: Kerry-Biograph: 'John Kerry. Amerikas Chance'
Kerry-Biograph: 'John Kerry. Amerikas Chance'
… Nacht von Freitag auf Samstag erneut verbal duellieren, wird der Sieger dieser Debatte aller Wahrscheinlichkeit auch die kommenden vier Jahre im Weißen Haus regieren. Dies zumindest behauptet Martin Schwarz, Autor der aktuellen Polit-Biographie "John Kerry. Amerikas Chance" (Verlag Droemer-Knaur, Juni 2004). "Wer dieses Duell verliert und anschließend …
Bild: Jamaika-Debakel – Macht endlich Politik fürs Volk anstatt für die, die es nur ausnutzenBild: Jamaika-Debakel – Macht endlich Politik fürs Volk anstatt für die, die es nur ausnutzen
Jamaika-Debakel – Macht endlich Politik fürs Volk anstatt für die, die es nur ausnutzen
… vor allem, wenn sie Unkorrektheiten und Fehlhandlungen entdecken. Die Pläne für eine Jamaikakoalition sind jetzt geplatzt. Die FDP will nicht mitmachen. „Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren“, meinte ihr Vorsitzender. Da ist ihm zuzustimmen. Die Interessen der FDP-Klientel decken sich in vielen Belangen tatsächlich nicht mit den existenziellen …
Bild: Deutsche Tageszeitung: Merkel und das "vollste Vertrauen"Bild: Deutsche Tageszeitung: Merkel und das "vollste Vertrauen"
Deutsche Tageszeitung: Merkel und das "vollste Vertrauen"
… und “Bündnis 90/Die Grünen” zu machen. Bodo Ramelow ist in Thüringen der Mann welchem es durchaus zugetraut werden kann auch mit der knappen Mehrheit von einer Stimme zu regieren, denn sowohl die CDU/SPD, als auch die Linke – Bündnis 90/ Die Grünen und SPD kommen auf jeweils eine Stimme Mehrheit im Landesparlament Thüringen. Um das Wahlergebnis in Thüringen …
Bild: Kommentar: US Wahlen 2010: Demokraten erhalten die Rechnung – und schaden zugleich den RepublikanernBild: Kommentar: US Wahlen 2010: Demokraten erhalten die Rechnung – und schaden zugleich den Republikanern
Kommentar: US Wahlen 2010: Demokraten erhalten die Rechnung – und schaden zugleich den Republikanern
… antrat, während Paladino geschätzte drei Millionen aus dem eigenen Vermögen in seinen Wahlkampf investiert hat. Es ist die Rechnung des Wahlvolks für eine Bevormundung, für ein Regieren von oben herab, das das Establishment der Demokraten während der zwei Jahre Obama-Administration mit ihrer Mehrheit in allen Häusern in Washington dem Volk zugemutet hat. …
Sie lesen gerade: Regieren ohne Mehrheit