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Mental stark wie Roger Federer - 8 herausragende Merkmale aus Sicht des Mentaltrainers Lukas Tobler

27.09.202217:52 UhrSport
Bild: Mental stark wie Roger Federer - 8 herausragende Merkmale aus Sicht des Mentaltrainers Lukas Tobler
Lukas Tobler - Mentoring für Spitzensportler und weibliche Führungskräfte
Lukas Tobler - Mentoring für Spitzensportler und weibliche Führungskräfte

(openPR) Kaum jemand würde verneinen, dass Roger Federer zu den besten Sportlern der Welt zählt und nicht nur durch sein Tennisspiel, sondern auch durch seine menschliche Art tiefe positive Spuren hinterlässt. Seine Entwicklung vom emotional unkontrollierten Junior zum Mozart des Tennis ist nicht nur in sportlicher Hinsicht bemerkenswert; es ist eine eindrückliche Fallstudie mentaler Stärke. Als junger Sportler hörte ich immer wieder die Aussage „Entweder bist du mental stark oder nicht.” Dieses Etikett hat mich früh geprägt und die mentale Stärke war erst gegen Ende meiner Leistungssportlerkarriere ein Thema. Umso größer wurde danach aber mein Verlangen, die Hintergründe der mentalen Stärke zu verstehen. Was mit einer positiven Besessenheit begann, mündete in meine Berufung.

Roger Federers Karriereende am Laver Cup 2022 markiert das Ende einer großen Tennisära, doch seine Erfolge bleiben uns erhalten. Die folgende ZDF-Reportage zeigt Federers bemerkenswerter Werdegang: https://www.zdf.de/nachrichten/sport/tennis-laver-cup-abschied-federer-100.html

Als Mentaltrainer habe ich die Reportage aus Sicht Roger Federers mentaler Stärke angeschaut und ich werde im Folgenden die für mich faszinierende Frage „Was zeichnete Roger Federers mentale Stärke aus?” aufgreifen und vertiefen. Es handelt sich um meine persönlichen Beobachtungen, die sowohl auf meinen eigenen Erfahrungen als Leistungssportler sowie meinem seit über 10 Jahren fortwährenden intensiven Studium der Überflieger*innen und dem Mentoring vieler Größen beruht. Es haben sich für mich acht klassische Merkmale herauskristallisiert, die wir jetzt genauer betrachten werden.

Spaß am Spiel

Roger Federers Mutter, Lynette, erwähnte in der Reportage, dass bereits im Alter von vier oder fünf Jahren ersichtlich war, dass ihm das Ballspiel Spaß machte. Das ist eine wichtige Grundlage für den langanhaltenden Erfolg - die sogenannte intrinsische Motivation -, ohne die viele junge Sportler*innen gerne früh ausbrennen. Übermotivierte Eltern, die ihre Kinder bereits im zarten Alter auf den Erfolgsweg führen möchten sowie das unbewusste Verlangen, ihre eigenen verpassten Erfolge und fehlende Erfüllung wettzumachen, sind mögliche Gründe. Spaß hat aber eine weitaus größere Tragweite: Freude ist ebenso wie Angst oder Wut ein Gemütszustand und positive Emotionen spielen für den Erfolg eine zentrale Rolle.

Die innere Siegerhaltung

Weiter war für mich Rogers Siegeswillen äußerst bemerkenswert. Natürlich beantworten beinahe alle Sportler die Frage, ob sie gewinnen wollen, mit einem klaren „Ja!”, aber das alleine widerspiegelt keinen festen Siegeswillen. Roger Federers öffentliche Aussage von 1998, dass er gegen André Agassi spiele, um zu gewinnen, zeugte von einer unerschütterlichen Gewinner-Mentalität. Die innere Haltung eines Spitzensportlers entscheidet zu 95 % über den Erfolg oder Misserfolg und sie umfasst sowohl die Gedanken, Gefühle und Handlungen. Wenn einer der drei Komponenten nicht im Einklang mit dem angestrebten Ziel ist, schießt der Sportler am Ziel vorbei. Wenig erstaunlich gab es natürlich auch einige Menschen, die Roger Federers Siegeswillen als arrogant bezeichneten. Es bedarf einer persönlichen Abgrenzung gegen solche „Neinsager”, um sich nicht davon beirren zu lassen und es braucht vor allem die Bereitschaft, Risiken z.B. im Rahmen einer Niederlage einzugehen. Im Mentoring von Leistungssportler*innen fällt immer wieder auf, dass genau an diesem Punkt sehr viele lieber auf Nummer sicher gehen. Diese Art der Zurückhaltung bildet gleichzeitig eine große Hürde, die sie überwinden müssen, um ihren Fortschritt nicht verfrüht - und völlig unbewusst - zu stoppen.

Emotionsregulation

In der Reportage wird Roger Federers anfänglich größte Erfolgshürde aufgegriffen: seine emotionalen Ausbrüche, die er nicht im Griff hatte. In „Roger Federer: Der Maestro. Die Biografie" erwähnt er: „Ich wusste, was ich tun konnte und Misserfolge machten mich wütend.” Er erklärt, dass es zwei Stimmen in ihm gab - den Engel und Teufel - und dass das eine Selbst nicht verstehen konnte, wie dumm das andere sein konnte. Wenn ihm die eine Stimme vorwarf, wie er eine solche Niederlage kassieren konnte, explodierte er. Diese Problematik und fehlende Selbstbeherrschung ist weiterverbreitet unter (jungen) Sportlern und ist nicht zuletzt auf die antrainierte Impulskontrolle zurückzuführen. Auch verinnerlichte Werte und Glaubenssätze, allen voran „Ich bin nicht gut genug”, spielen eine entscheidende Rolle. Fehler zu machen und Niederlagen zu kassieren werden in der westlichen leistungsorientierten Gesellschaft typischerweise als „schwach” gesehen. Emotionale Ausbrüche widerspiegeln in vielen Fällen ein innerer Kampf gegen den „Teufel der Unzulänglichkeit”, aber auch das fehlende Verständnis, wie mit geballten Emotionen richtig umgegangen wird. Im Mentoring von jungen, aber auch fortschrittlichen und sehr erfolgreichen Sportlern verwende ich ein von mir entwickeltes einfaches Modell, um die emotionale Beherrschung zu erlernen. In einer Grafik bestehend aus zwei aufeinander liegenden Dreiecken werden sowohl die Standards für den langanhaltenden Erfolg als auch Denk- und Verhaltensweisen, die zum Misserfolg führen, aufgezeigt. In der Reportage untermauert Lynette Federer die positiven Auswirkungen, wenn Sportler*innen lernen, ihre Emotionen im Griff zu haben: „Im Moment, wo er [Roger] sein Verhalten auf dem Platz unter Kontrolle hatte, kamen Siege fast automatisch.” Roger Federer entwickelte sich in den Folgejahren nicht nur zu einem mental starken Spieler, sondern war darüber hinaus ein guter Verlierer. Diese Charaktereigenschaft ist ebenso wenig angeboren wie mentale Stärke, doch beide bilden das Fundament für herausragende Leistungen.

100 % Selbstverantwortung

Roger Federers Umgang mit Rückschlägen ist bemerkenswert, wobei eine Tatsache besonders heraussticht: sein Grad an Selbstverantwortung. Als Federer 2008 sein sechstes Wimbledon-Finale in Folge gegen Rafael Nadal verlor, litt er an Pfeifferschem Drüsenfieber. Roger hätte diesen Umstand bequem als Ausrede benutzen können, doch stattdessen bewahrte er die Selbstverantwortung. 100 % Verantwortung für sich selbst zu übernehmen ist eine Eigenschaft, die junge Sportler*innen nicht genug früh lernen können, denn die Gewohnheit, äußeren Faktoren und Mitmenschen die Schuld zuzuschieben, wuchert wie ein Unkraut in der Gesellschaft. So befreiend das Abschieben der Verantwortung anfänglich erscheinen mag, schließlich ist es stets ein Garant für den Misserfolg.

Der richtige Umgang mit Druck

Selbstverantwortung spielt auch eine zentrale Rolle im Umgang mit Druck. In der Reportage erwähnt Lleyton Hewitt, dass Roger Federer mit dem Druck, der Beste zu sein, richtig umgehen konnte. In meinem Buch „In dir steckt Großartigkeit” zeige ich zum richtigen Umgang mit Druck auf, dass uns keine Form von Druck jemals erdrücken kann, ohne dass wir es selbst zulassen. Das mag für den einen oder anderen provokativ klingen, doch die Ursache des Drucks liegt tatsächlich in uns selbst. In erster Linie geht es um die Neudefinition des erlebten Drucks, also der Frage, wie wir Druck und Situationen, die uns gefühlt unter Druck setzen, anders sehen können. Überflieger wie Roger Federer wählen - bewusst oder unbewusst - eine andere Bedeutung, wodurch sie Situationen, in den andere Sportler*innen unter dem Druck zusammenbrechen, förmlich als Sprungbrett für Höchstleistungen nutzen können. Hier schließt sich der Kreis: belastender Druck geht mit einer stark subjektiv erlebten Sicht der Dinge einher. Mit anderen Worten hängt Druck eng mit den Emotionen zusammen, die wir einer Situation beimessen. Ein wesentlicher Faktor ist der Grad an emotionaler Involvierung. Je mehr sich ein Sportler mit einer Niederlage oder seinem Erfolg identifiziert, desto größer ist die Gefahr, dass er unter der Last zusammenbricht. Roger Federer ist trotz seines enormen Erfolgs auf dem Boden geblieben, was aus meiner Sicht eng mit der Tatsache zusammenhängt, dass er sich als Mensch nie über seine Erfolge und Misserfolge definierte.

Einen Beitrag an andere leisten

Lynette Federer betont in der Reportage, dass Roger nie vergessen hat, wo er herkommt und etwas zurückgegeben hat. Es sind die kleinen und großen Gesten, die das wahre Gesicht eines Menschen zeigen. Roger Federer war immer nett zu allen und hat sich stets die Zeit genommen für seine Fans, weiß seine Mutter zu berichten. Der Wunsch, anderen Menschen etwas zurückzugeben ist ein universelles menschliches Bedürfnis, das zu wahrer Erfüllung führt. Sportler*innen wie Roger Federer, die andere Menschen an ihrem Erfolg auf positive Weise teilhaben lassen, hinterlassen nicht nur positive Spuren, sie erbauen das Fundament, auf dem sie auch nach ihrer Sportlerkarriere weiterhin erfüllt leben können. Roger Federer war und ist für viele Menschen ein hervorragendes Vorbild - und ich schließe mich ihnen gerne an. Überflieger*innen, die nicht nur nach mehr Erfolg, Ruhm und Auszeichnungen streben, sondern ihre Rolle als Vorbilder ernst nehmen, sind die Wegbereiter für den Erfolg anderer Menschen. Sie berühren auf eine Art und Weise, die, wie bei Roger Federer ersichtlich, ihren eigentlichen Aktivitätsradius überschreiten. Diese Form des Einflusses gelingt nur Dank einer übergeordneten Mission, die größer als der Sportler selbst ist. Bei Roger Federer scheint dies offensichtlich der Fall zu sein.

Familie und das Umfeld

In der Reportage wird erwähnt, dass Roger Federer stets auf ein enges positives Umfeld zurückgreifen konnte, sich aber auch im Klaren war, welche Menschen er in sein Umfeld holen musste, um erfolgreich zu sein. Als er z.B. merkte, dass er körperlich nicht mithalten konnte, engagierte er einen Fitnesstrainer. Die Bereitschaft, Unterstützung anzunehmen, fällt nicht allen Überfliegern leicht, denn in der westlichen Welt wird Hilfe annehmen gerne mit „Schwäche zeigen” gleichgesetzt. Dabei spielt auch Rechthaberei eine entscheidende Rolle. In diesem Zustand des inneren Widerstands und der Unsicherheit sind viele junge, aber auch ältere Sportler*innen gefangen und sie deckeln dadurch ihren eigenen Fortschritt. Der Irrglaube, dass wir unsere Ziele alleine erreichen können bzw. die Sturheit, am eigenen Holzweg festzuklammern, vermischt mit der Verblendung, dass eiserner Wille und harte Arbeit dennoch zum erhofften Erfolg führen wird, steckt tief in den menschlichen Köpfen.  Neue unterstützende Impulse anzunehmen und trotz seines Erfolgs coachbar zu bleiben, sind äußerst wichtige Voraussetzungen für den Durchbruch auf die nächste Ebene von Erfolg und Erfüllung. Wie Roger Federer eindrücklich beweist, ist ein vertrauenswürdiges und wohlwollendes Umfeld der fruchtbarste Nährboden für fortwährende Durchbrüche.

Persönliches Wachstum

Roger Federers Mutter unterstreicht in der Reportage: „Roger hat immer an sich gearbeitet.“ Natürlich sind alle Sportler*innen bestrebt, besser zu werden und stecken enorm viel Zeit in die Verbesserung ihrer Fähigkeiten, Technik, Schnelligkeit, Kraft, usw. Längst nicht jeder Sportler ist jedoch bedacht, sich auch in persönlicher Hinsicht weiterzuentwickeln. Wenn wir uns noch einmal Roger Federers anfängliche Ausraster in Erinnerung rufen, wird klar ersichtlich, dass Roger auch als Mensch enorm gewachsen ist. Die Souveränität und innere Ruhe, die er ausstrahlt, können nicht die Folge einer zufälligen Veränderung sein. Obwohl ich nicht weiß, auf welche Weise sich Roger Federer gezielt persönlich weiterentwickelte, das Ergebnis spricht für sich. Die Früchte, die er in charakterlicher Hinsicht hervorbrachte, sind unweigerlich die Folge eines unermüdlichen Verlangens, nicht nur die sportliche Leistungsgrenze zu verschieben, sondern auch als Mensch zu wachsen. Kombiniert mit dem Verlangen, etwas zurückzugeben, bildet das persönliche Wachstum die wichtigste Grundlage für die langanhaltende Erfüllung, die vielen Sportlern nach Ende ihrer Karriere sichtlich durch die Finger gleitet.

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