(openPR) Fehlendes Personal beklagen nicht nur Krankenhäuser und caritative Einrichtungen – auch die Dialysezentren suchen händeringend Mitarbeiter. Weil diese schwer zu finden sind, stehen nach Brancheninformationen derzeit kleinere, teils an nephrologische Praxen angegliederte Dialyse-Standorte vor allem im ländlichen Raum vor dem Aus. Offiziell spricht zwar noch niemand in dieser Szene von einem Notstand, hinter vorgehaltener Hand jedoch benennt man die Konsequenzen sehr wohl. So kommt der Verband Deutsche Nierenzentren e.V. (DN) in Düsseldorf zu dem Schluss: „Die nephrologischen Praxen sind leider in der Tat vom Fachkräftemangel betroffen!“
Ungleicher Gehaltswettbewerb durch Gesetz
Insider berichten, dass insbesondere das „Pflegepersonal-Stärkungsgesetz“ (PsSG) diese Situation verschärft habe. Im Klartext: Die niedergelassenen Nephrologen konkurrieren derzeit insbesondere mit den Krankenhäusern um qualifizierte Pflegekräfte. Es ist allerdings ein ungleicher Wettbewerb. Denn während die erfolgten Tariferhöhungen für Pflegekräfte in den Krankenhäusern und ambulanten Pflegediensten über die Krankenkassen refinanziert werden, müssen die niedergelassenen Nephrologen Gehaltssteigerungen der Mitarbeiter aus den seit 2013 immer niedriger werdenden Dialysepauschalen bestreiten. DN-Pressesprecherin Anne Mc Guinness: „Mit fast 50 Prozent sind diese Personalkosten der größte Kostenfaktor, so dass Tarifsteigerungen für Pflegekräfte im Krankenhaus und bei den ambulanten Pflegediensten die Praxen besonders empfindlich treffen.“ Zudem zeige sich eine Rückkehr von Pflegepersonal in die Kliniken, denen man noch im letzten Jahr (nicht zuletzt wegen der schlechten Bezahlung) den Rücken gekehrt hatte.
So führen die eigentlich lobenswerten jüngsten Bemühungen der Politik um mehr Anerkennung der Dienstleistung Pflege andererseits zu neuen Problemen. Schwer tut sich der Verband Deutsche Nierenzentren damit, dass ambulante Dialysezentren – von der Struktur her Krankenhäusern ähnlich – nicht unter das PsSG fallen. Was offensichtlich nicht jeder Gesundheitspolitiker weiß: Dort wurden und werden (ebenfalls) zahlreiche Dialysepatienten mit der COVID-19-Erkrankung behandelt.
KfH: kein Dialyse-Notstand
Beim KfH – Kuratorium für Dialyse und Nierentransplantation e.V. (Neu-Isenburg), mit aktuell 178 Nierenzentren einer der großen Anbieter in diesem Bereich, will man nicht von einem Dialyse-Notstand sprechen. Pressesprecherin Ilja Stracke: „Wir sind nach wie vor bundesweit in der Lage, mit unseren Mitarbeitern unsere Dialysepatienten umfassend und nach den gesetzlichen Vorgaben zur Qualitätssicherung zu behandeln.“
Genau dieser Aspekt wird allerdings zunehmend infrage gestellt. Natürlich, beteuert die Selbsthilfeorganisation Bundesverband Niere e.V., gelte grundsätzlich das klassische Prinzip der Sozialversicherung, wonach höchtstmögliche Lebensqualität durch höchstmögliche Behandlungsqualität sichergestellt sein müsse. Gleichwohl, so Geschäftsführer Martin Koczor, erhalte man „alle paar Monate“ Hinweise auf personal- und qualitätsbedingte Probleme in deutschen Dialysezentren.
Eine Schwester für zehn Patienten?
Früher galt die Regel: eine Dialyseschwester betreut vier Dialysepatienten. Davon scheint die Realität schon weit entfernt zu sein. Patienten berichten etwa in der Facebook-Gruppe Dialyse über eine andere, ungünstigere Pflegeschlüssel-Relation. Teils sei sogar im Zuge anstehender Reorganisationen ein Verhältnis von 1:10 in der Diskussion.
Für das KfH ist eine solche Neuausrichtung „keine Zielvorgabe“. Im Übrigen sei dieser Wert seit langem nicht mehr entscheidend und damit kein Steuerungsinstrument mehr. In Neu-Isenburg verweist man auf eine andere bedeutende Kennzahl, die Anzahl der Dialysen pro Mitarbeiter. Hier soll der Wert von gegenwärtig zirka 925 jährlich auf 1075 erhöht werden. Dieses Plus um ein Sechstel sollen organisatorische Änderungen und Entlastungen durch Digitalisierung ermöglichen. Fakt ist allerdings auch, dass die Mitarbeiter in Dialysezentren – auch beim KfH – enorme Überstunden und Urlaubstage angehäuft haben. Weil sie in der Regel nicht finanziell abgegolten werden, entstehen dadurch zusätzliche, hausgemachte Personalengpässe.
Höheres Alter und mehr Erkrankungen Problemtreiber
Das wahre Ausmaß des Pflege-/Dialyse-Notstandes lässt sich laut Branchenexperten heute eher nicht umfänglich abschätzen. Aus der Tatsache, dass die Gesellschaft immer älter und vielfach auch immer kränker werde, dürften jedoch zunehmende Probleme erwachsen. Nach aktuellen Prognosen sollen hierzulande bis 2050 rund 4,5 Millionen Menschen auf eine Pflege angewiesen sein.
Das Potenzial an Pflegekräften im Dialysebereich ist allerdings nicht die einzige Sorge. In Nierenzentren und Krankenhäusern fehlt es schon heute an Nephrologen für Erwachsene und Kinder, auch weil dieses medizinische Fachgebiet angeblich nicht die Faszination wie andere ausstrahlt.










