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Nach Corona: Wem gehört die Zukunft?

30.07.202013:38 UhrWerbung, Consulting, Marktforschung
Bild: Nach Corona: Wem gehört die Zukunft?
Dr. Thies Claussen (Foto: Andreas Pohlmann)
Dr. Thies Claussen (Foto: Andreas Pohlmann)

(openPR) Ein Blick in die Zukunft: Lohnt sich der überhaupt? Zeigt nicht die Corona-Pandemie 2020 drastisch, dass weltweit das gesellschaftliche, wirtschaftliche und kulturelle Leben unvorhergesehen in weiten Teilen zum Stillstand gekommen ist? Hätten Wissenschaft, Forschung und Politik das nicht voraussehen müssen?


Auch künftig ist die Menschheit nicht vor Pandemien, Krisen, Kriegen oder Naturkatastrophen geschützt. Aber können wir deshalb den Kopf in den Sand stecken und nicht mehr nach vorne blicken?
Ganz im Gegenteil: Wir müssen mehr in die Zukunft schauen und hellhöriger sein, wenn zum Beispiel 2015 Bill Gates, der Gründer von Microsoft, in einem öffentlichen Vortrag drastisch davor warnte, dass eine Pandemie tödlicher sein könne als eine Atombombe.
Es kommt wieder eine Zeit nach der Corona-Katastrophe, wenn nach einem beispiellosen weltweiten Wettlauf der Labore und Forschungseinrichtungen geeignete Medikamente und Impfstoffe verfügbar sind und wenn die Wirtschaft nach einer Rezession wieder Schwung aufgenommen hat. Wenn wir dann künftige Entwicklungen besser einschätzen können, können wir diese auch umso besser gestalten.
Wie aber sieht unsere Zukunft aus? Wem gehört unsere Zukunft?
Vor 10.000 Jahren waren die meisten Menschen Jäger und Sammler. Doch die Zukunft gehörte den Bauern. Bis Ende des 18. Jahrhunderts waren mehr als 90 Prozent der Menschen Bauern. Für Jäger und Sammler spielte die Zukunft keine große Rolle, da sie von der Hand in den Mund lebten und kaum Möglichkeiten hatten, Vorräte oder Besitzungen anzuhäufen. Bauern hingegen mussten schon immer an die Zukunft denken. Kurz nachdem das Korn gedroschen war, stand der Bauer schon wieder auf dem Feld: Er hatte zwar genug zu essen für die kommenden Tage, Wochen und Monate, doch er musste schon wieder für das nächste und übernächste Jahr planen.
Seit Beginn des 19. Jahrhunderts kam es zu tiefgreifenden Umbrüchen. Vorausdenken wurde immer wichtiger. Die Erste Industrielle Revolution brachte die Erfindung der Dampfmaschine und den Bau von Eisenbahnen. Die bis in das frühe 20. Jahrhundert hineinreichende Zweite Industrielle Revolution führte durch die Nutzung der Elektrizität und durch die Erfindung des Fließbandes zur Massenproduktion.
Die Dritte Industrielle Revolution, auch Computer- oder digitale Revolution genannt, begann in den 1960er Jahren.
Am Anfang des 21. Jahrhunderts stehen wir – wie es der langjährige Vorsitzende des Weltwirtschaftsforums Klaus Schwab formuliert – am Beginn der Vierten Industriellen Revolution. Dies ist der Beginn eines tiefgreifenden Wandels, der unsere Art zu leben, zu arbeiten und miteinander zu interagieren, grundlegend verändern wird.
Technische Innovationen erzielen Durchbrüche und verstärken sich gegenseitig. Künstliche Intelligenz, Internet der Dinge, 3D-Druck, Nano-, Bio- oder Gentechnologie, Robotik und viele andere Technologien führen durch Vernetzungen und Querschnittswirkungen zu überraschenden neuen Lösungen. Das Tempo und die Breitenwirkungen sind selbst für Experten kaum noch einschätzbar.
Rechenleistungen, Speicherkapazitäten und der Zugang zu Wissen stehen für bald Milliarden von Menschen in einem bisher unbekannten Umfang zur Verfügung. Der technologische Wandel hat das Potenzial, die Fliehkräfte, die in unserer Gesellschaft angelegt sind, noch zu verstärken. Die Beschleunigung ist spürbar. Die Wellen des technischen Fortschritts erreichen uns in immer kürzeren Abständen.
Bei allem technischen Fortschritt: Es wäre ein Irrglauben davon auszugehen, dass sich alle Probleme technisch sofort und vollständig lösen lassen. 2020 hat die Corona-Pandemie gezeigt, dass weltweit trotz hochspezialisierter Labore und Forschungseinrichtungen die Entwicklung geeigneter Medikamente und wirkungsvoller Impfstoffe nicht in wenigen Wochen oder Monaten zu lösen ist. Viren und Naturkatastrophen zeigen der Menschheit ihre Grenzen auf. Demut ist angesagt und nicht grenzenlose Fortschrittsgläubigkeit.
Kann in dieser Umbruchphase unsere Gesellschaft stabil bleiben? Kann in der Vierten Industriellen Revolution der soziale Zusammenhalt gewahrt werden, der Zusammenhalt zwischen Wohlhabenden und Geringverdienern, zwischen Hochqualifizierten und gering Qualifizierten, zwischen Stadt und Land, Ost und West? Können wir den Trend der Polarisierung unserer Gesellschaft umkehren? Und wenn ja, wie? Zahlreiche Fragen lassen sich gegenwärtig nicht schlüssig beantworten.
Vieles, was vor 20 Jahren noch undenkbar erschien, ist jetzt in greifbare Nähe gerückt. Die selbstfahrenden Autos sind bereits im Probebetrieb und werden in wenigen Jahren zur Realität im Alltagsverkehr. Selbst fliegende Autos gibt es schon, auch wenn diese Prototypen noch keineswegs für einen breiteren Einsatz geeignet sind.
Im Verlauf der Vierten Industriellen Revolution wird alles, wirklich alles miteinander vernetzt werden: das Smartphone mit dem Kühlschrank, das Auto mit dem Haus, die eine Fabrik mit der anderen, die Maschine in Deutschland mit der Maschine in Indien oder Japan, das intelligente Pflaster auf unserer Brust mit unserem Arzt. Es ist das Ende der rein mechanischen Welt.
Ausländische Plattform-Player, insbesondere aus dem Silicon Valley, wie Amazon, Google (Alphabet), Uber, Airbnb oder Booking.com verändern die Spielregeln in vielen Branchen. Der Einzelhandel, die Musikindustrie, die Touristikbranche und die Medienindustrie durchleben diesen Wandel bereits seit längerem. In anderen Bereichen wie Finanzwesen, Transport und Logistik oder Maschinenbau hat der Wandel gerade begonnen.
Die Vielzahl und das Tempo der Umbrüche lösen natürlich auch Ängste aus. Insbesondere die Arbeitswelt steht unter Druck. Hat am Ende der Siemens-Chef Joe Kaeser Recht, wenn er meint, dass „absehbar einige auf der Strecke bleiben, weil sie mit der Geschwindigkeit auf der Welt einfach nicht mehr mitkommen“? Brauchen wir deshalb zwar noch nicht jetzt, aber in einigen Jahren ein bedingungsloses Grundeinkommen? Oder schafft auch die neue Arbeitswelt genügend Arbeit für möglichst viele?
Was passiert, wenn die Künstliche Intelligenz einmal die Menschen bei vielen Aufgaben übertrifft? Können Wirtschaft und Gesellschaft die Stärken der Künstlichen Intelligenz gezielt nutzen oder kommt es zu unkalkulierbaren Verwerfungen? Auch diese Fragen lassen sich derzeit nicht schlüssig beantworten. Der Astrophysiker Stephan Hawking sagte wenige Monate vor seinem Tod bei der Technologie-Konferenz „Web Summit“ in Lissabon: „Erfolg bei der Schaffung einer effektiven Künstlichen Intelligenz könnte das größte Ereignis in der Geschichte unserer Zivilisation sein. Oder das Schlimmste. Wir wissen es einfach nicht.“
Internet und Smartphone haben unserer Gesellschaft und Wirtschaft sicherlich gewaltige Vorteile gebracht. Ist aber zum Beispiel die ständige Erreichbarkeit im Beruf und im Privatleben durch Internet und Smartphone nur ein Vorteil oder auch eine gesundheitliche Belastung? Deutsche schauen durchschnittlich 88mal täglich auf ihr Handy. Welche Folgen ergeben sich daraus? Ist, wie von manchen gefordert wird, eine „Handy-Diät“ notwendig?
Viele weitere Themen wie Datenschutz, Hackerangriffe, Suchtgefahr, Hass im Netz oder Cyberkriminalität zeigen: Technischer Fortschritt hat auch Schattenseiten, die uns nicht entgleiten dürfen. Es ist eine Herkulesaufgabe für Staat, Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft, dafür zu sorgen, dass künftige Entwicklungen der Allgemeinheit nutzen und nicht schaden.
Besonders deutlich wird dies beim drängenden Thema Klimawandel. Unsere gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung kann im Fortbestand gefährdet sein, wenn hier nicht entschlossen gegengesteuert wird. National ist zwar Etliches vorangekommen, international lässt aber Vieles zu wünschen übrig, wenn wir allein an China, Indien oder die USA denken. Auf jeden Fall: Klima und Umweltschutz werden die Entwicklung unserer nächsten Jahrzehnte nachhaltig prägen.
Wo stehen wir heute auf dem Weg in das 21. Jahrhundert? Ranga Yogeshwar gibt dazu eine realistische Positionsbestimmung:
„Die Welt von heute ist in vielerlei Hinsicht besser, als sie je war, und es gibt viele Gründe dafür, dass dieser Trend sich fortsetzt. Vor uns stehen eine Reihe von Herausforderungen: Unser Wirtschaftssystem dürfte an manchen Stellen neu justiert werden müssen, und auch unser Ressourcenverbrauch muss langfristig den elementaren Kriterien der Nachhaltigkeit genügen. Das Bewusstsein hierfür steigt, und wenn es uns gelingt, neue Prioritäten für das Zusammenleben zu setzen, können wir diese Ziele auch mittelfristig erreichen. Die Angstszenarien von intelligenten Robotern, die bald unsere Welt übernehmen, teile ich ebenso wenig wie die Vision baldiger Unsterblichkeit. Technik kann fürwahr nicht alles.
Überhaupt sollten wir uns bewusst machen, dass die Wissenschaft, entgegen der verbreiteten Annahme, noch immer sehr wenig versteht. Viele Prozesse des Lebens halten ihr Geheimnis noch immer für uns verschlossen, und die wunderbaren Wechselwirkungen der Natur werden auch in Zukunft noch lange ein Rätsel bleiben. …
Wir sollten keine Angst vor dem Morgen haben, denn wir leben in der aufregendsten Zeit, die es je gab. Worauf also warten wir? Unsere Zukunft hat begonnen …“
Soweit Ranga Yogeshwar in seinem Buch „Nächste Ausfahrt Zukunft“. Beachten wir aber– bevor wir die „nächste Ausfahrt in unsere Zukunft“ nehmen - den Gedanken des Anthropologen und Philosophen Pierre Teilhard de Chardin (1881 – 1955):
„Die Zukunft gehört denen, die der nachfolgenden Generation Grund zur Hoffnung geben.“

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