(openPR) Aboriginal Art der Freiburger Galerie ARTKELCH im KUNSTWERK (Raum Stuttgart) von 19.01. bis 01.03.2020
Die Ausstellung untersucht anhand unterschiedlicher Künstler und Medien die Bedeutung der „Nicht-Farben“ Schwarz und Weiß in deren kulturellen und künstlerischen Kontext. Denn die farbliche Reduktion ist nicht nur in unserer westlichen Kunst ein beliebtes Stilmittel. Auch in Papua-Neuguinea und Australien arbeiten manche indigene Künstler bevorzugt mit diesen unbunten Farben und werfen damit die Frage auf, welche Traditionen, Mythologien und Anschauungen dahinterstehen.
Vernissage: Sonntag, 19. Januar 2020 von 11:00 bis 17:00 Uhr
KUNSTWERK, Siemensstraße 40 in 71735 Eberdingen-Nussdorf
mit Einführungsvorträgen um 11:30 und 15:00 Uhr durch die Kuratorin Robyn Kelch
Die erste Werkgruppe der Ausstellung stammt aus Papua-Neuguinea. Präsentiert werden Rindenstoffe, sogenannte Tapa, der international gefeierten Ömie Artists. Die Rindenstoffe haben ihren Ursprung in der Schöpfungsgeschichte dieses Stammes. Als Suja, die allererste Frau, zum ersten Mal ihre Menstruation hatte, schnitt sie die Rinde des sihe-Baumes und schuf daraus den ersten ungefärbten, weißen, sihi’nioge (Rindenstoff). Wenn sie nicht ihre Periode hatte, sollte sie dieses Tuch tragen. Wenn sie ihre Periode hatte, sollte sie ein dunkelgraues Rindentuch (sihoti’e nioge) tragen, das sie im Flussschlamm färbte. Bis heute symbolisieren das Medium und die schwarze Farbe Fruchtbarkeit.
Die minimalistischen Textilarbeiten der Ausstellung sind ausschließlich so hergestellt. Die Designs wurden – wie in der Schöpfungsgeschichte überliefert – im Flussschlamm dunkelgrau gefärbt und anhand von Fledermausflügelknöchelchen aufgenäht. Diese Fertigkeit beherrschen nur einige wenige der duvahe (weibliche Häuptlinge), darunter Brenda Kesi und Sarah Ugibari, die das Handwerk an ihre Tochter Ilma weitergegeben hat. Allein die duvahe dürfen ihre eigene Weisheit (uehorëro) malen und neue Designs kreieren. In ihrer Reduktion haben ihre unerbittlich experimentellen Arbeiten einen bestechend zeitgenössischen Charakter und setzen trotzdem eine uralte Tradition fort, die der Welt die Stärke der Ömie-Kultur vor Augen führen soll.
Die Arbeiten aus Australien kommen in der Hauptsache von der Nordküste und aus dem Zentrum Australiens. Dort haben Schwarz und Weiß, diese – neben Rot und Gelb – heiligen Farben aus der Schöpfungszeit der indigenen Australier vielfältige Bedeutungen:
So steht Schwarz beispielsweise für die Erde und für die schwarze Haut ihrer indigenen Bewohner. Schwarz steht auch für Wasserlöcher in der Wüste oder repräsentiert Lagerfeuer der Schöpferahnen, die somit deren Energie beherbergen. Deshalb steht Schwarz oft für den „Kern“ einer Schöpfungsgeschichte. Oft werden Strukturelemente einer Geschichte und deren Symbole in Schwarz aufgetragen, sei es traditionell bei der Malerei auf Fels, im Sand und auf Körper oder eben auf Leinwand und andere Maluntergründe in der zeitgenössischen Kunst.
Demgegenüber wird Weiß als eher sphärische, geistige Farbe verstanden. Im Gegensatz zu Schwarz steht Weiß für das Allumfassende, für das große Ganze der Schöpfungsgeschichte, des Lebens. In der Vorstellung großer Teile der indigenen Bevölkerung sind weiße Ockervorkommen die Exkremente der großen Regenbogenschlange, die sie auf ihren Reisen bei der Gestaltung der Erde in ihrer heutigen Form hinterlassen hat. Weiß sind auch die Sterne am Himmel, oft Schöpferahnen, die nach Vollendung ihrer Taten dorthin (zurück-)gekehrt sind. Auch Rauch, Wind, Regen und Blitze gehören in diesen Bereich. Wird Weiß in der Körpermalerei bei Zeremonien verwendet, können zwei Gründe dahinterstehen: Zum einen lässt ein weißes Gesicht den Bemalten älter und damit „weiser“ erscheinen. Zum anderen soll man durch diese Farbe während Zeremonien, z.B. bei Bestattungen, für die Geister unsichtbar sein.
In Arnhemland an der australischen Nordküste wird – wie in alten Zeiten – fast ausschließlich mit natürlichen Erdpigmenten gearbeitet. Schon allein dadurch ist die Farbpalette dort reduziert auf Schwarz (gewonnen aus schwarzem Oxid oder Kohle), Weiß (gewonnen aus Lehm- und Kalkvorkommen) und die unterschiedlichen rot-braunen Ockertöne, die den (Eisen-) Oxiden in der Erde zu verdanken sind. Als Maluntergrund dienen hier Holz, Rinde, neuerdings auch Papier.
Die hier beheimateten Yolnu haben – wie in ganz Australien – Kunstzentren gegründet, die den Künstlern selbst gehören. So stammen die geschnitzten YawkYawk (Geistwesen, die die Gewässer im westlichen Arnhemland bewohnen) von Owen Yalandja von Maningrida Arts, deren Künstler ansonsten eher für ihre rot-orangefarbenen Kreuzschraffur-Arbeiten bekannt sind, die ihren Ursprung in uralten Clan-Designs haben. Die Arbeiten von Malaluba Gumana, der Gewinnerin des 3D-Awards beim National Aboriginal and Torres Strait Islander Art Award 2019, und die von Naminapu Maymuru-White und Djirrira Wununmurra stammen von Buku-Larrngay Mulka und bilden die zweite Werkgruppe der Ausstellung.
Sehr spezifisch für diese Region im Norden sind sogenannte Larrakitj, von Termiten ausgehöhlte Baumstämme, die ihren Ursprung in der Bestattungskultur der Yolnu haben und die heute als politisches Statement zum Gedenken an die Opfer weißer Besiedelung für den Kunstmarkt hergestellt werden. Hier haben insbesondere Malaluba Gumana und Naminapu Maymuru-White in der äußerst diffizilen pastosen Verarbeitung von Weiß wahre Meisterschaft erlangt.
Auch Delores Tipuamantumirri von den weiter nördlich gelegenen Tiwi-Inseln malt bevorzugt mit Schwarz und Weiß. Wie einst in der Körpermalerei dieser Inselgruppe üblich, wird hier die „Spirit“-Farbe anhand eines selbst geschnitzten Holzkamms aufgetragen, was diesen Arbeiten einen ganz eigenen Rhythmus verleiht.
Helen Ganalmirriwuy ist ebenfalls eine Inselbewohnerin und stammt aus Milingimbi. Sie ist eine von nur zwei Künstlerinnen dieser Region, die das Geheimrezept für die Herstellung der schwarzen Farbe kennt, mit der die Gräser gefärbt werden, aus denen sie ihre Sunmats herstellt, die veritable Glanzstücke der zeitgenössischen Fibre Art Australiens sind.
Manchmal ist es aber auch schlicht die Not, die zur Reduktion zwingt, wie am Beispiel von Papunya Tjupi Arts, einem Kunstzentrum in der Central Desert Australiens, verdeutlicht werden kann. Das hervorstechende Stilmerkmal dieser neuen Kooperative, aus dem die dritte Werkgruppe dieser Ausstellung stammt, ist eine graphische Orientierung bei reduzierter Farbpalette. Hier hatte die Managerin, u.a. aus wirtschaftlicher Not, kurzerhand die bunten Farben verbannt, nicht zuletzt, weil die Kinder und Kindeskinder der ersten Künstlergeneration Papunyas keinerlei Farbgefühl hatten. So erfanden sich die Künstler/innen neu, indem sie sich ganz auf die Schöpfungsgeschichte und deren zeichnerischen Elemente konzentrierten. Heute ist Papunya Tjupi Arts ein hoch angesehenes und erfolgreiches Kunstzentrum, dessen Künstler/innen – als Kooperative und jeder für sich – zu einem individuellen, unmittelbar wiedererkennbaren Stil gefunden haben, wie man an Charlotte Phillipus, Maureen Poulson, Corby Watson, Candy Nakamarra, Isobel Gorey und Beyula Napanangka nur unschwer erkennen kann.
Die enorme Bandbreite der ausgestellten Arbeiten beweist sehr eindrucksvoll, dass ein Minimum an Farbe zu einem Maximum an Seherlebnis führen kann!
Die Ausstellung ist bis zum 1. März 2020 mittwochs bis freitags und sonntags von 11:00 – 17:00 Uhr geöffnet.
Es gibt ein Begleitprogramm mit Führungen und Filmbeiträgen.
Sonderführungen für Gruppen durch die Kuratorin Robyn Kelch am 2. 2., 16. 2. und zur Finissage am 1.3.2020.













