(openPR) Das ist eine mutige Aussage in Anbetracht von Angehörigen-pflege, Familienplanung und Karriere. Darf jeder seine Zeit auf Erden frei von Verpflichtungen gestalten oder verpassen wir vieles, wenn wir die falschen Entscheidungen treffen?
Das Thema zu diesem Artikel ergab sich vor ein paar Tagen bei einem Grillabend. Mamas mit quengelndem Nachwuchs traffen auf glückliche Singlefrauen ohne Kinder und mutierten zu „Mutti-Jehovas“, um ihren einzig wahren Glauben zu missionieren.
„Du verpasst etwas ohne Kinder!“
„Nein, nicht wirklich.“
„Ja, du verpasst sehr viel. Du wirst es bereuen.“
„Mit Sicherheit nicht.“
„Doch, du …“
Vielleicht gehörst du zu einer der beiden Fraktionen, die sich gegenseitig überzeugen wollen? Den männlichen Lesern möchte ich gleich Entwarnung geben: Das Thema heute heißt „Entscheidung“ und diese Szene ist lediglich der Einstieg, egal welches Lebensmodel du bevorzugst.
Diese Art von Diskussionen gehen endlos weiter, wenn zwei Parteien keinen Nenner finden. Die Mütter glauben an ein Leben mit Kind, gewollt Kinderlose an eines ohne. Beziehungsmenschen an den oder die Richtige, glückliche Singles an ihre Freiheit und beide sind von ihrer Meinung überzeugt. Allerdings finde ich interessant, dass eine Mutter für ihren Standpunkt das Wort „verpassen“ benutzt und nicht „bereichernd“. Und bevor du denkst, die Mama redete ja über die Kinderlose: Nein. Was wir sagen betrifft ausnahmslos uns selbst, weil wir unsere Überzeugungen, Erinnerungen und Gedanken auf das Gegenüber projizieren und mit unserem eigenen Denken ins Verhältnis setzen. Wir sind zu keinem Augenblick in der Lage, die Perspektive mit dem anderen zu tauschen, um eine andere Sichtweise zu erleben. Daher haben auch beide für sich auf ihr Leben betrachtet recht.
Die Wahrheit über das „Verpassen und Bereuen.“
Ich erzähle dir heute eine Geschichte als Beispiel, wie der Kampf im inneren aussieht, wenn wir Entscheidungen treffen, die auf Angst basieren:
Die verlassene Haltestation ragt dunkel und unheimlich im Abendrot auf. Von Rissen durchzogene Wände aus dem letzten Jahrhundert, Putz rieselt überall herab, der vom eisigen Wind in alle Richtungen davon getragen wird. Die nackte Glühbirne schwankt bedrohlich hin und her und taucht alles in einen düsteren Schein, hinter dem schwarze Schatten laueren. Keine Menschenseele traut sich in die Finsternis der Einsamkeit, bis auf die Familie im Zug.
„Mama, lass uns bitte weiter fahren.“ Große Kinderaugen starren ängstlich durch die trübe Scheibe des Wagons, die Nase ganz platt gedrückt.
„Tut mir leid, mein Junge. Was besseres können wir uns derzeit nicht leisten!“ Die Stimme ist warm und angenehm, aber eine Spur Enttäuschung und Verbitterung schwingt mit.
„Aber wieso denn?“ Der Junge, gerade mal 6 Jahre alt, blickt seinen Vater verzweifelt an. Die Mutter sitzt teilnahmslos daneben, ihre Hände in einem ewigen Rhythmus aneinander reibend. Nur die junge Frau in dem Abteil besitzt ein feines Leuchten in den Augen, während sie in den Armen ein kleines Mädchen von gerade mal zwei Jahren wiegt, ihre kleine Schwester.
„Können wir echt nicht weiter fahren?“, bettelt der Junge seinen Vater an.
„Wir können uns nichts Besseres leisten“, wiederholt er und steht seufzend auf. Mit sanfter Gewalt zwingt er die winzigen Hände seines Sohnes von dem Griff des Fensters und führt ihn mit. Die Junge Frau gibt der Mutter das Mündel zurück und schaut sie lange an. Sie wirkt hoffnungslos abwesend und überfordert. Dann redet die Mutter leise, den Kopf gesenkt, als ob sie die Schmutzflecken in dem alten Wagon zählen will.
„Du kannst gehen, wenn Du willst. Du bist jetzt erwachsen.“ Ein schweres Seufzen folgt, dass beinahe wie ein Vorwurf klingt, sollte sie es wagen, eine Flucht in Erwägung zu ziehen. Die Junge Frau beißt sich auf die Lippe. Sie lebt allein, geht einer geregelten Arbeit nach und kommt gut zurecht. Lange starrt sie den heruntergekommenen Bahnhof durch die Scheibe an. Sie weiß, dass sie nicht für alle sorgen kann. Der Drang nach Freiheit und die Last der Angst, die in Wellen über sie hereinbrechen, zerren sie in zwei verschiedene Richtungen. Gibt es später noch die Chance auf Selbstständigkeit? Fährt eines Tages nochmal ein Zug der Hoffnung vorbei, der sie mitnimmt? Mit strenger Miene steht die Mutter auf, wirft ihr einen vernichtenden Blick zu und schlurft in Richtung Ausgang. Einen Moment zögert die junge Frau. Die Freiheit liegt zum Greifen nah …
Dann sitzt plötzlich eine seltsame Gestalt neben ihr, starrt sie mit einem verschmitzten Lächeln an.
„Bist du sicher, dass du das tun willst?“
Erschrocken betrachtet sie ihren Besuch mit zusammengekniffenen Augen. Er ist ein wenig untersetzt, sein langes, eingefallenes Gesicht umrandet von einem ungepflegten Bart. Sein Mantel hat bessere Tage gesehen. „Wer sind Sie?“
„Ach das tut nichts zur Sache. Aber wenn es dich beruhigt, dann nenn’ mich Sahm, Sorg Sahm.“ Gelbe Zähne blitzten auf.
„Sorg Sahm? Ein seltsamer Name?“ Sie schaut ihn zweifelnd an.
„Ach, nein, woher denn.“ Das Grinsen wird breiter.
„Und was machen Sie hier?“
Er schweigt einen Moment. „Dich warnen!“
Sie blinzelt, weicht ein Stück von ihm zurück. Dann lacht sie nervös. „Mich warnen? Wovor?“
„Wenn Du jetzt verschwindest, wirst du es bitter bereuen.“
Ihr bleibt der Mund offen stehen. „Wie kommen Sie dazu …?“
„Du hast die ganze Scheiße schon mal mitgemacht. Die Wut, den Stress, die Streitereien, weil du sie im Stich lassen wolltest. Du weißt, wie das mit dem da ablaufen wird, solltest du jetzt verschwinden!“ Er deutet hinaus zur Familie.
Sie fühlt sich ertappt. Ihre eigenen Gewissensbisse sitzen vor ihr in Gestalt dieser skurrilen Person. „Also… ich … ähm, wieso? Wo…woher wollen Sie das wissen?“
In seinen Augen funkelt es einen Moment. „Du weißt genau, wo das hinführt! Er ist auf dem besten Weg zu werden, wie dein Großvater. Er ist genauso! Du musst sie retten!“
Sie wird blass, weicht vor ihm zurück. „Das … das kann nicht Ihr Ernst sein!“ Ihre Hände zittern. Sie betrachtet den finsteren Bahnhof, die trostlosen Figuren unter der einzigen brennenden Laterne. Die Erinnerungen, die über sie hereinbrechen von dem Ort, wo sie herkommen. Sie könnten alle weiter fahren, zu einer besseren Haltestelle, wenn sie Mut hätten. Aber sie weiß, dass die Angst davor, dass es noch schlimmer kommen kann sie an das Licht einer nackten Glühbirne festhalten lässt. Wenn sie einfach weiter fährt, allein … Kann sie das wirklich? Sie sind klein, unerfahren, so … hilflos. Sie wissen nicht, was auf sie zukommt! Kann sie diese jungen Wesen der Finsternis anvertrauen und gehen? „Und wenn ich sitzen bleibe? Dann kann ich Geld schicken? Und hin und wieder nach dem Rechten sehen?“
Sorg Sahm nickt emsig, bleckt die Zähne wie ein Raubtier. „Ja, sicher. Und wo willst du das Geld hinschicken, wenn sie hier sterben ohne dich?“
Er ist näher gekommen, starrt ihr fest in die Augen. „Glaub mir. Du wirst es bereuen, weggelaufen zu sein!“
Sie schluckt schwer, spürt einen Teil in sich sterben, der nicht mehr da ist – ihr Leben. Die Angst, es zu verpassen, schwindet mit jeder Sekunde, in der Sorg Sahm ihr schlechtes Gewissen mit Schuldgefühlen füttert.
Viele von uns treffen Entscheidungen aus einem inneren Dialog. Die Angst zu verpassen kämpft gegen das schlechte Gewissen, Familie, Freunde und Bekannte im Stich gelassen zu haben. Weil wir glauben, uns kümmern zu müssen und verantwortlich für andere zu sein.
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