(openPR) Der Schatten im Mond: Roman der Zeitgeschichte von Barbara Herrmann
Nach dem Tod ihrer Mutter findet Jolanda in deren Nachlass eine Schatulle mit Briefen und Fotos. Ihre vermeintlich heile Welt stürzt ein, als sie erfährt, dass ihre verstorbenen Eltern gar nicht ihre leiblichen Eltern waren. Sie begibt sie sich auf die Reise in den Schwarzwald und nach Sizilien, um die Familiengeheimnisse ihrer Adoptivmutter zu lüften und ihre richtigen Eltern zu finden. Bei ihrer Suche tun sich ungeahnte menschliche Abgründe auf, die sich noch über Jahrzehnte bis in die Gegenwart auswirken.
Ein bewegender Roman über eine Familie, die den strengen und althergebrachten Werten sowie den Vorurteilen gegenüber den italienischen Gastarbeitern zu Beginn der Sechzigerjahre Tribut zollen muss, auf diese Weise ihren inneren Zusammenhalt verliert und letztendlich daran zerbricht.
Leseprobe:
»Na, dann fange ich mal an zu erzählen.« Helmut setzte sich zurecht und legte seine Fotoalben vor sich hin, die er aber noch nicht aufschlug. Alle Augen waren auf ihn gerichtet. Er lächelte in die Runde und nickte mit dem Kopf, als wollte er sich damit selbst ermuntern.
»Florentine war neunzehn Jahre alt, als sie zusammen mit Franco in Wiesbaden ankam. Nachdem ihr Vater sie rausgeworfen hatte, packte sie nur wenige Klamotten in eine Tasche, lief zur Baracke, wo die Gastarbeiter lebten, und wartete am Nebeneingang, bis Franco von der Arbeit nach Hause kam.
Als er hörte, was passiert war und dass er bald Vater werden würde, überkam ihn zunächst einmal für einige Minuten die pure Verzweiflung. Er wusste, dass er Verantwortung übernehmen und Florentine von hier wegbringen musste. Aber er wusste auch, dass man ihn entlassen würde, wenn er nicht zur Arbeit erschien.
Zum Glück hatte er von seinem Lohn den größten Teil zur Seite gelegt, sodass er nicht ganz hilflos war. Er versteckte Florentine über Nacht in einer Kammer der Baracke und fuhr wie üblich mit dem Bus zur Arbeit. Im Personalbüro bat er um zwei Wochen Urlaub, was man ihm natürlich sofort verweigerte. Daraufhin verlangte er seine Papiere und sein noch ausstehendes Gehalt. Am Mittag kaufte er am Bahnhof zwei Fahrkarten und fuhr mit Florentine nach Wiesbaden.«
»Die arme Florentine«, flüsterte Ida.
»Aber wieso ausgerechnet Wiesbaden?«, wollte Jolanda wissen. Esther erhob sich. »Warte, Helmut, ich möchte nur noch schnell Kaffee nachgießen. Bitte greift bei dem Gebäck zu. Ich kann euch auch noch etwas Schokolade als Nervennahrung bringen. Möchte jemand?«
Alle schüttelten den Kopf.
»Danke, Esther, es gibt anscheinend keinen Bedarf.« Jakob deutete mit der Hand auf ihren Stuhl. »Setz dich bitte wieder hin, damit Helmut weiterberichten kann.«
Helmut lächelte ihr zu. »Franco hatte sich für Wiesbaden entschieden, weil sein Bruder Alfredo auch als Gastarbeiter in Deutschland lebte. Er arbeitete aber schon etwas länger in Wiesbaden und hatte bereits eine kleine, wenn auch miserable Wohnung. So nahm er die beiden auf und unterstützte sie, wo er nur konnte. Leider war das sehr wenig. Florentine war noch nicht volljährig – damals musste man einundzwanzig sein –, und sie hatte keine Arbeitserlaubnis der Eltern und keine Papiere außer ihrem Pass und ihren Zeugnissen. Außerdem wurde eine Schwangere nicht eingestellt, schon gar keine ledige, die auch noch von einem Spaghettifresser ein Kind erwartete. Franco fand ebenfalls keine neue Arbeit, weil er nicht sagen wollte, warum er von Stuttgart weggegangen war.«
»Ja, jetzt verstehe ich die Fahrt nach Wiesbaden.« Jakob schlug die Hände vors Gesicht. »Meine arme Schwester. Man kann sich fast schon ausmalen, wie das für die beiden weiterging.«
»Nein, Jakob, das kannst du dir noch nicht einmal im Traum ausmalen«, antwortete Helmut und schüttelte heftig den Kopf. »Francos Bruder Alfredo brauchte Nerven wie Drahtseile, denn seine beiden Schützlinge gaben sich zunehmend ihrer Verzweiflung hin, und er machte zahlreiche Überstunden, um drei Personen alleine ernähren und auch noch ein bisschen Geld nach Hause schicken zu können. Irgendwann lagen seine Nerven blank, und zwangsläufig eskalierte das jeden Tag im Streit.
Barbara Herrmann
Der Schatten im Mond
Reise in die Vergangenheit
Roman
ISBN – Print 978-3-740712594
ISBN E-Book 978-3-740736705
www.barbara-herrmann.de











